36 Kilo Buchpaket vom Taschen-Sale

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Wenn Taschen eine Sale-Aktion veranstaltet, fällt es mir immer schwer zu widerstehen. Obwohl die letzte Aktion noch nicht besonders lange her ist, habe ich auch diesmal ein paar schöne und vor allem schwere Bücher an Land ziehen können.

Pieter Bruegel. Das vollständige Werk (85€ statt 150€)

Trotz Preisreduzierung immer noch ein ordentlicher Pappenstil. Aber aufgrund der Aufmachung und Qualität mehr als gerechtfertigt. Im gleichen Format habe ich bereits den Hieronymus Bosch. Bei den alten Meistern, deren Werke so detailreich sind, lohnt sich einfach das großformatige Buch. Man kann das Teil natürlich nur am Tisch studieren. Mal eben locker in der Hand durchblättern ist bei dem Gewicht nicht drin.

Dark City – The Real Los Angeles Noir (40€ statt 75€)

Mit diesem Buch habe ich schon länger geliebäugelt und bin nun froh, auf den Sale gewartet zu haben. Eine betörende wie beklemmende Fotodokumentation der düsteren Seite des Los Angeles der 1920er bis 1950er Jahre. Mord, Drogen, Prostitution, gescheiterte Schauspielexistenzen, versiffte Spelunken und Stripclubs, seltsame Sekten und ein kleines bischen Hollywood-Glamour. Besonders gut gefällt mir hier auch die Aufmachung: Halbleinen mit blutigen Einschusslöchern im Buchdeckel und ein Pappschuber. Im Buch eingebunden sind außerdem jeweils mehrere Seiten umfassende Faksimile von zeitgenössischen Magazinen.

Buchumschläge der Weimarer Republik (30€ statt 50€)

Zeigt und kommentiert über 1000 Buchumschläge aus der Weimarer Republik. Viele politische Werke sind hier enthalten, aber auch Gesellschaftliches, Unterhaltungsliteratur, Kunst und Kinderbücher. Wer sich für Bücher, Design, Illustration und diese Zeitepoche interessiert, findet hier eine kleine Schatzkiste. Und vielleicht auch den einen oder anderen Kauftipp fürs Antiquariat.

Die Welt der Ornamente (25€ statt 50€)

Ornamentik scheint mir ein sehr nischiges, spezielles Spezialthema zu sein. Ornamente werden als schmückendes Beiwerk häufig einfach übersehen. Völlig zu Unrecht. Ornamente sind fantastische oftmals hochkomplexe Kunst. Dieses Buch vereint zwei der großen enzyklopädischen Ornamentik-Sammlungen des 19. Jahrhunderts: L’Ornement polychrome (Band I und II) von Auguste Racinet und  L’Ornement des tissus von Auguste Dupont-Auberville. Die findet man zwar auch online digitalisiert (siehe Links), aber als Nachdruck in diesem gigantischen Buch wirken die Bildtafeln doch noch mal beeindruckender. Der Vorteil des Buchs ist auch, dass sämtliche Tafeln dreisprachig kommentiert sind.

100 Filmklassiker des 20. Jahrhunderts (15€)

War zwar nicht Teil des Sales, aber für 15€ habe ich es mitgenommen. Das kompakte Format bei über 800 Seiten ergibt einen schönen kleinen Schmöker. Gute Texte und viele tolle Bilder sind hier enthalten. Das Buch fängt mit The Birth of a Nation von 1915 an und hört mit Crouching Tiger, Hidden Dragon von 2000 auf. Es sind alles Filme, auf die man sich als Klassiker einigen kann. Es gibt aber auch die eine oder andere Überraschung. Spätestens bei Face/Off von John Woo werden sich die Geister scheiden.

La femme la plus assassinée du monde

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Die Angst ist für den Geist, was der Schmerz für den Körper ist. Einige Menschen mögen es zu leiden, andere haben gerne Angst. Ich mag beides.

-Paula Maxa (im Film)

The Most Assassinated Woman in the World (auf Netflix) ist ein ambivalenter Film. Als Horrorfilm bietet der Film wenig Neues. Auf der anderen Seiten beglückt uns der Film mit der akkuratesten Darstellung des französischen Théâtre du Grand Guignol, die bisher zu sehen war. In dieser Hinsicht überzeugt er mit Atmosphäre und Detailverliebtheit.

Das Grand Guignol hatte einen nicht unerheblichen Einfluss auf den Horrorfilm, insbesondere das Slasher-Genre. Aus diesem Grund hatte ich mich vor geraumer Zeit auch mal intensiv mit dem Theater beschäftigt, sämtliche Bücher und Schriften besorgt, etliche der Original-Stücke gelesen. Das Thema hat mich auf besondere Weise fasziniert, obwohl ich mit Theater ansonsten wenig zu tun habe. Die Filmemacher scheinen die gleiche Leidenschaft gefühlt und die gleichen Quellen verwendet zu haben. Das wirkt alles sehr authentisch, zumindest gemessen an dem, was die Fachliteratur sagt. Der Film zeigt eingebunden in die Handlung wie Effekte, Licht und Klänge backstage produziert und für den Schockeffekt auf der Theaterbühne genutzt werden und vergisst auch Details nicht wie die Kotztüten für das Publikum, die VIP-Logen, in denen gutbetuchte Herren sich während den Vorstellungen mit Prostituierten vergnügen und den Türsteher, der draußen den Wartenden, die keinen Platz im Theater mehr ergattert haben, in marktschreierischer Weise schildert, was drinnen auf der Bühne vor sich geht. Darüber hinaus wird in einer Szene ziemlich überzeugend das Stück Un Crime dans une Maison de Fous (Ein Verbrechen im Irrenhaus) angespielt.

Ja, so könnte das tatsächlich alles gewesen sein, damals im Grand Guignol.

Der Filmtitel, La femme la plus assassinée du monde, bezieht sich auf die Bezeichnung, die die Presse damals der Schauspielerin Paula Maxa gab. Maxa war der große Star, sozusagen die Sarah Bernhardt des Grand Guignol, wie sie auch oft beschrieben wird. Auf der Bühne starb sie tausende Tode und wurde so zur “meistumgebrachten Frau der Welt”.

Der Film setzt sie als geheimnisvolle und tiefgründige Femme Fatale in Szene, womit die Authentizität des Films auch endet. Neben Maxa erscheinen im Film noch andere historische Figuren wie die Grand-Guignol-Autoren André de Lorde und Alfred Binet und der Mann für die Spezieleffekte, Paul Ratineau; aber all diese Figuren haben wenig bis nichts mit den realen Personen gemein. Die Bezeichnung “Bio-Pic”, wie sie in manchen Medien für den Film verwendet wird, ist daher etwas irreführend.

Paula Maxa wird von Anna Mouglalis gespielt, die in ihrer Karriere schon einige berühmte Persönlichkeiten darstellte, von Coco Chanel über Juliette Gréco bis Simone de Beauvoir. Mit ihrer Ausstrahlung und Präsenz passt sie außerordentlich gut in die Rolle einer Schauspielerin in einem Horrortheater der 30er Jahre. Zudem hat sie eine sensationelle Stimme, die sich auch gesanglich sehr gut macht, wie im tollen Soundtrack zu hören ist. Daher mein Rat: im französischen Original mit Untertiteln schauen.

Der Film verquickt eine weitgehend genaue Darstellung des Theateralltags und eine dramatische in surrealen Rückblenden erzählte fiktive Hintergrundgeschichte über Paula Maxa mit einem Serienkiller, der Paris heimsucht und es auf Paula abgesehen hat. Hierbei bewegt sich der Film zwischen klassischem Horror (Erinnerungen an Das Phantom der Oper und Das Geheimnis des Wachsfigurenkabinetts werden wach), Spät-Giallo und Arthouse. Das Ganze läuft mitunter etwas holprig und die Genre-Mischung überzeugt nicht immer. Aber die einzigartige Atmosphäre, die Sets und Locations, die trotz doch offensichtlich kleinem Budget einfach fantastisch aussehen, Kamera und Ton, Anna Mouglalis in der Hauptrolle, die historische Relevanz und letztlich die Leidenschaft der Filmemacher, die sich zu jeder Sekunde offenbart, machen den Film zu einem tollen Gesamtpaket. Für mich ist der Film eine der positiven Überraschungen des Jahres. Zuschauer mit geringem Interesse am Grand Guignol werden womöglich weniger begeistert sein.

Die echte Paula Maxa, die eigentlich Marie-Thérèse Beau hieß, starb übrigens 1970 ohne Familie oder Freunde zu hinterlassen und wurde in einem öffentlichen Sammelgrab in Paris beigesetzt.

Atomic Blonde (2017)

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Der Regisseur David Leitch war zuvor als Co-Regisseur für John Wick tätig und das ist unübersehbar. Visuell und inszenatorisch erinnert Atomic Blonde desöfteren an den Actionkracher mit Keanu Reeves. Atomic Blonde bietet allerdings genug Eigenständigkeit, um nicht ständig mit John Wick verglichen werden zu müssen.

Wie bei John Wick gilt auch hier: style over substance. Es gibt eine fast schon klassische Agentengeschichte um eine Liste von Doppelagenten, die gefunden und gesichert werden muss, und diese Geschichte ist sogar einigermaßen spannend, aber in erster Linie wirkt der Film über die Hauptdarstellerin Charlize Theron und die Action.

Der Film bearbeitet die Sinne des Zuschauers mit einem Dauerfeuer aus grellen Neonfarben und einem Nena-Tom-Schilling-The-Clash-Falco-David-Bowie-Soundtrack, der hin und wieder mit in die Handlung hinüberfließt. Es ist weder zu übersehen noch zu überhören: Atomic Blonde spielt mitten in Berlin zur Zeit des Mauerfalls, was sich als Hintergrundthema durch den gesamten Film zieht. Zusammen mit der grassierenden Kalter-Krieg-Paranoia, entwickelt sich so eine fiebrig-nervöse Atmosphäre. Die Inszenierung der heftigen Kampfszenen und Schusswechsel bewegt sich dabei graziös auf einer dünnen Linie zwischen Überzeichnung und Ernsthaftigkeit. Das ist alles bis ins Detail perfekt choreografiert ohne dabei zu sehr nach Ballet auszusehen.

Der Regisseur inszeniert nicht nur die Action gut, sondern setzt auch Charlize Theron ausgesprochen betörend ins Bild. Ich bin mir nicht sicher, welche andere Schauspielerin die geforderte Lässigkeit so überzeugend hätte rüberbringen können. Theron wirkt hier cool und gleichzeitig sexy bei höchstmöglicher Eleganz. Die perfekte Besetzung.

Erfreulicherweise wurde just ein Sequel angekündigt und mit der Idee eines Crossovers zwischen Atomic Blonde und John Wick wird zumindest gedanklich schon mal gespielt. Ich wäre nicht abgeneigt.

Vergleich Film und Comic

Atomic Blonde basiert auf dem Comic The Coldest City von Antony Johnston und Sam Hart, original bei Oni Press, deutsche Ausgabe bei Cross Cult erschienen. Auf den ersten Blick erkennt man gar keine Gemeinsamkeiten. Visuell ist der Film das krasse Gegenteil. Die gesättigten Farben und der schneidende Neonschein des Films stehen einer kantigen, strengen Linienführung und großen monochromen Flächen im Comic gegenüber. Im Film ist Lorraine eine Blondine in extravaganter Kleidung, eine über die Maßen auffällige Erscheinung, im Comic hat sie dagegen schwarzes Haar, trägt züchtigen Bibliothekarinnen-Look und verschwindet in der Menschenmenge so wie es für eine Spionin vorteilhaft ist. Der Comic orientiert sich eher an traditioneller Spionage-Literatur während der Film stylische Action zelebriert.

Dennoch folgt der Film der Comic-Handlung relativ genau. Einige Szenen werden weggelassen, viele andere hinzugefügt und manche zu diesen krachigen Actionmonumenten ausgebaut. So bieten Film und Comic das Beste aus zwei verschiedenen Welten und wirken auf unterschiedlichen Ebenen.

Deutscher Titelquatsch: Nord bei Nordwest

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Die ARD hat eine neue Krimireihe namens Nord bei Nordwest im Programm. Zwar ist die Reihe bereits vor einem Jahr gestartet, aber offenbar wird nur eine Folge pro Jahr produziert. Damit ist das Ganze mehr oder weniger neu.

Was mich stutzig macht, ist der Titel. Oh ja, Hitchcock, der Meister! Der unsichtbare Dritte heißt im Original North by Northwest. Aber bekanntermaßen ergibt der Titel schon bei Hitchcock wenig Sinn. Die Himmelsrichtung north by northwest existiert nicht. Es gibt verschiedene Fan-Theorien zur Bedeutung des Titels; und Hitchcock selbst äußerte sich in dem berühmten Interview mit Peter Bogdanovich. Demnach verkörpert der Titel den ganzen fantastischen Charakter des Films, eben weil die Richtung north by northwest eine Illusion ist. Immerhin aber stimmt die Syntax. Im Englischen werden die Kompasspunkte über die Himmelsrichtungen und die Präposition by gebildet.

Im Deutschen hingegen wird die Präposition zu verwendet. Korrekt inkorrekt müsste der deutsche Titel also Nord zu Nordwest heißen, was zugegebenermaßen noch bescheuerter klingt. Das Ganze kann man natürlich unter künstlerischer Freiheit abhaken. Zumal die Krimis an der Ostsee spielen, was den Titel noch kurioser erscheinen lässt.

Nachdem ich mich kleinkariert zum Titel ausgelassen habe, noch ein Wort zu der Krimireihe selbst, die rein gar nichts Hitchcockiges an sich hat. Nord bei Nordwest ist ein gemächlicher, nicht unsympathischer Provinzkrimi mit leichtem Humor und sprödem Ostsee-Flair. In manchen Szenen ist die Reihe allerdings auch leider näher an Pilcher dran als an Tatort. Nur die gute Besetzung rettet dann Nord bei Nordwest vor der Belanglosigkeit. Es ist mal wieder das typisch öffentlich-rechtliche Problem. Man hat eine gute Idee, schöne Locations und überzeugende Schauspieler, bleibt dann aber mutlos bei der Umsetzung. Sprechende Papageien names Captain Hook und Wikingerflüche? Das klingt eher nach den Drei Fragezeichen. Selbst die Mädchenhändler, die hier einen armen Bauern foltern und in der Gegend rumballern, erscheinen nicht wirklich bedrohlich. Alles Durchschnitt also? Nee, der Titel, der fällt aus dem Rahmen.

Der echte Schädel im Horrorfilmklassiker The Skull (1965)…

…und was der Marquis de Sade damit zu tun hat.

skull1skull3skull5 skull6Der eine oder andere wird vielleicht schon mein Tumblr-Posting gelesen haben. Der Vollständigkeit halber schreibe ich auch hier etwas dazu. Dass im Horrorfilmklassiker The Skull (deutscher Titel: Der Schädel des Marquis de Sade) ein echter Schädel zum Einsatz kam, hat scheinbar bisher noch niemand für erwähnenswert gehalten. Der Authentizität hat es gedient, denn die Schädelmodelle, die man sonst in Filmen dieser Zeit sieht, wirken meist nicht besonders überzeugend. Das lässt sich auch ganz gut bei The Skull erkennen, wenn der Schädel durch den Raum fliegt. Für diese Effektszenen wurde nämlich auf ein Filmrequisit zurückgegriffen, wie man im folgenden Bild erkennen kann. Man beachte die wenigen Details auf der Außenseite und die fehlenden Öffnungen in den Augenhöhlen:

skull7Eine weitere interessante Bewandnis gibt es zu entdecken. Obwohl der Schädel im Film den Schädel des Marquis de Sade darstellen soll – der von einem bösen Geist besessen ist und den Besitzern nur Wahnsinn und Tod bringt – deuten die kranialen Merkmale eher auf einen weiblichen Schädel hin. Die Produktion hat vermutlich den nächstbesten Schädel verwendet, der zur Verfügung stand. Es gab offensichtlich auch nur diesen einen Schädel, denn der Schädel ist in allen Szenen stets der selbe. Daher hat man vermutlich bei den „riskanten“ Flugszenen auch ein Requisit verwendet und den echten Schädel geschont.

Naheliegenderweise hat mich der Film dazu animiert, mal nachzuschauen, was eigentlich aus dem echten Marquis de Sade geworden ist, oder eher: aus seinen sterblichen Überresten. Es stellt sich heraus, dass de Sades Körper kurz nach seinem Tod von einem Doktor namens L.J. Ramon exhumiert und der Schädel zwecks phrenologischer Untersuchungen mitgenommen wurde. Ramon gelang es, einen Abdruck des Schädels zu nehmen, bevor ein deutscher Doktorkollege mit dem Schädel verschwand. Während de Sades Schädel bis heute verschwunden bleibt, befindet sich der Schädelabdruck heute im Musée de l’Homme in Paris (Quelle).

Die phrenologischen Untersuchungen ergaben übrigens recht widersprüchliche Eigenschaften. Während Ramon, der mit de Sade vor dessen Tod befreundet war, anhand des Schädels keine „Bösartigkeit oder Aggressivität und keinen exzessiven erotischen Trieb“ feststellen konnte, will ein Kollege an dem Schädel klare Merkmale für „Wahnsinn und einen zügellosen Menschen wie Nero“ erkannt haben, der geradezu prädestiniert war für „blutige Ausschweifungen“. Es erübrigt sich, zu erwähnen, dass dIe moderne Wissenschaft die Phrenologie weitgehend als obsolet und inakkurat entlarvt hat.

Film: Il Profumo della Signora in nero (1974)

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1974 drehte Regisseur Francesco Barilli den Film Il Profumo della Signora in nero (The Perfume of the Lady in black), der unverständlicherweise bis heute nicht mehr als ein Geheimtipp geblieben ist. Il Profumo verkauft sich zunächst als reinrassiger Giallo, entpuppt sich allerdings bald als Okkult-Horror, der mit psychologischem Schrecken sowie latenter unterschwelliger Bedrohung arbeitet, die im Gegensatz zum Giallo unfassbar, ja übernatürlich zu sein scheint. Roman Polanskis Repulsion und insbesondere auch Rosemary’s Baby dürften als Vorbild gedient haben.

Während Stil, Farbe, Beleuchtung, Ausstattung und Soundtrack auf einen Giallo hinweisen, vermisst man typische Elemente wie subjektive Kameraeinstellungen und vorallem: Morde. Il Profumo ist 70 bis 80 Minuten lang erstaunlich blutarm, um nicht zu sagen blutleer. Dies könnte ein Grund sein, warum der Film fast vergessen ist: Il Profumo sitzt ein wenig zwischen den Stühlen. Schließlich ist da noch die Story, die zwar giallotypische Elemente aufweist, aber immer wieder mit den Klischees und Traditionen bricht.

profumolocDer Film dokumentiert die Entwicklung der jungen Frau Silvia Hacherman (entrückt und distinguiert gespielt von Mimsy Farmer), die zunehmend den Verstand verliert. Visionen aus der Vergangenheit, die eine schreckliche Tat zeigen und eine verdrängte Erinnerung andeuten, suchen Silvia heim. Aber ist das tatsächlich die Vergangenheit oder nur ein böser Traum? Ähnlich verwirrt wie die Protagonistin, durchlebt auch der Zuschauer den Film. Wahn und Wirklichkeit verschwimmen zunehmend und lassen den Film zu einem düsterbunten Trip in die Seelenabgründe einer Verwirrten werden. Dabei nimmt die Kamera überwiegend eine unbeteiligte Beobachter-Position ein, schwelgt in langen Einstellungen, Totalen und langsamen Kamerafahrten, während doch immer wieder eine schon aufdringliche Nähe in Porträt- und Detailaufnahmen gesucht wird. Regisseur Barilli setzt Mimsy Farmer fast hitchcockartig in Szene.

Ein Übriges tut der famose Soundtrack von Nicola Piovani, der es versteht, die ohnehin schon bedrückende Atmosphäre noch zu verdichten. Die schneidenden Streichereinsätze in den Tracks „Silvia’s Nightmare“ und „Scaring Little Girl“ gehören zum Gruseligsten, was je zu hören war.

Aufgelöst wird die Geschichte mit einem schockierendem wie brutalem Ende, das durch die abgeklärte Darstellung selbst Hartgesottene nicht kalt lassen dürfte. Barilli, der sich die Geschichte auch ausgedacht und das Drehbuch verfasst hat, lässt den Film auf eine Weise enden, die dem vorhergehenden Ablauf entgegen steht. Der psychische Horror weicht dem physischen. Plötzlich wird wieder alles greifbar, ganz wie im traditionellen Giallo. Das ist ein gehässiger wie genialer Schachzug, denn den Zuschauer trifft es unvorbereitet.

Il Profumo della Signora in nero, ist ein mehr wie ungewöhnlicher Genre-Film, den man als Fan des italienischen Horrorkinos nicht verpassen sollte. Erhältlich ist der Film bisher nur als italienische und amerikanische DVD, die sowohl die englische als auch die italienische Tonspur mit Untertiteln enthalten.

Dies ist ein Re-Post aus meinem alten Blog von 2009.

Film: La doppia ora (2009)

La doppia ora (2009)

Sonia und Guido lernen sich beim Speed-Dating kennen. Kaum haben die beiden zarte Bande geknüpft, wird die noch nicht erblühte Liebe jäh zerstört. Während Guido, der als Wachmann für die Sicherheit einer noblen Villa zuständig ist, Sonia das dortige Anwesen zeigen will, dringen bewaffnete Räuber ein. Um Sonia zu schützen, wirft Guido sich auf einen Angreifer, aus dessen Pistole sich daraufhin ein Schuss löst: Guido stirbt, Sonia wird verletzt.

Nachdem Sonia aus dem Krankenhaus entlassen wird, beginnen die Merkwürdigkeiten. Sonia sieht Dinge, die nicht da sind. Um sie herum scheinen die Menschen zu sterben. Und schließlich taucht der tote Guido vor ihr auf. Als wäre das nicht genug, wird sie auch noch von Commissario Dante verfolgt, einem altem Freund von Guido, der Sonia verdächtigt, mit den Räubern unter eine Decke zu stecken. Sonia scheint immer mehr den Verstand zu verlieren, weiß bald nicht mehr, was Traum und was Wirklichkeit ist.

La doppia ora, deutscher Titel: Die Stunde des Verbrechens, ist ein italienischer Mystery-Thriller, der mich stellenweise an den großartigen Il Profumo della Signora in nero erinnert. Ksenia Rappoport, die Sonia in La doppia ora, stellt ihre Figur ähnlich von der Welt entrückt dar, wie einst Mimsy Farmer es in dem 70er-Jahre-Klassiker tat. Während dieser stark im Giallo-Genre verwurzelt ist, verzichtet La doppia ora auf diese Elemente und konzentriert sich auf das Surreale und die Psychologie der Angst.

Dabei beginnt der Film als romantisches Melodram, in dem die Beziehungsentwicklung von Sonia und Guido im Mittelpunkt steht. Drehbuch, Regie und der hervorragenden Besetzung sei dank, wirkt der Film in diesen Momenten als ein kitschfreies und feinfühliges Dokument der Annäherung von zwei suchenden Menschen, die nur zögerlich Nähe zulassen können.

Spannend und gruselig wird es in der zweiten Hälfte des Films, wenn Wahnvorstellungen mit der Wirklichkeit verschwimmen. Elegant und langsam erzählt, verdichtet sich der Film vor dem Stadtbild der Turiner Herbst-Tristesse zu einem sehenswerten psychologischen Arthouse-Thriller. Allerdings wird manch Zuschauer womöglich aufgrund des konventionellen Endes ein wenig enttäuscht sein.

Dies ist ein Re-Post aus meinem alten Blog von 2010.