Great Pacific (Garbage Patch)

Kürzlich machte das Meeressäuberungsprojekt Ocean Cleanup des Niederländers Boyan Slat Schlagzeilen und die Medien feierten den Jungunternehmer bereits als neuen Visionär. Das erinnerte mich an eine ziemlich originelle Comicserie, die zwischen 2012 und 2014 bei Image Comics erschien: Great Pacific.

In 18 Ausgaben, deren drei Story-Arcs später in drei Trade-Paperbacks erschienen, erzählt Autor Joe Harris die Geschichte des Ölfirmen-Erben Chas Worthington, der eine Maschine konstruieren will, die den gesamten Plastikmüll im Meer auflösen kann. Die Zeichnungen stammen vom Argentinier Martín Morazzo, der mit Great Pacific seinen US-Einstand als Zeichner gab.

Die Vorstandsetage von Chas Worthingtons Firma möchte die Entwicklungskosten für die Maschine sparen und viel lieber eine neue Ölplattform bauen. Chas entschließt sich daraufhin zu einem drastischen Schritt, er unterschlägt ein paar Milliarden Dollar seiner Firma, inszeniert seinen Tod und setzt sich mit dem Schiff in Richtung des Great Pacific Garbage Patch ab.

Diese gigantische Ansammlung von Müll im Pazifik, die in der Realität eine Art suppiger Strudel ist, wird im Comic zu einer landähnlichen Masse mit den Ausmaßen von Texas. Dort ruft Chas seinen eigenen Staat aus und der Comic wird zur Gründungsgeschichte einer Nation. Das Land muss erforscht und gesichert werden. Da es sich um keine echte Insel handelt, ist das Land in Bewegung und einer ständigen Veränderung durch die Naturgewalten unterzogen. Das Müllland ist von mutierten Tieren bevölkert und Piraten nutzen es als Unterschlupf. Im Verlauf der Geschichte erscheint die US Navy, um Chas festzunehmen, Glücksritter kommen und gründen Kolonien und als immer weitere Fraktionen etwas vom großen Kuchen abhaben wollen, stellt Chas fest, dass es gar nicht so einfach ist, einen Staat zu führen und er sich immer mehr zum Diktator entwickelt.

Wer diese Art von Entdecker-Geschichten mag, und hier habe ich ja bereits schon mal eine wundervolle Comicserie vorgestellt, dem kann ich Great Pacific nachträglich sehr empfehlen. Leider ist der Comic in Deutschland bisher noch nicht erschienen.

Atomic Blonde (2017)

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Der Regisseur David Leitch war zuvor als Co-Regisseur für John Wick tätig und das ist unübersehbar. Visuell und inszenatorisch erinnert Atomic Blonde desöfteren an den Actionkracher mit Keanu Reeves. Atomic Blonde bietet allerdings genug Eigenständigkeit, um nicht ständig mit John Wick verglichen werden zu müssen.

Wie bei John Wick gilt auch hier: style over substance. Es gibt eine fast schon klassische Agentengeschichte um eine Liste von Doppelagenten, die gefunden und gesichert werden muss, und diese Geschichte ist sogar einigermaßen spannend, aber in erster Linie wirkt der Film über die Hauptdarstellerin Charlize Theron und die Action.

Der Film bearbeitet die Sinne des Zuschauers mit einem Dauerfeuer aus grellen Neonfarben und einem Nena-Tom-Schilling-The-Clash-Falco-David-Bowie-Soundtrack, der hin und wieder mit in die Handlung hinüberfließt. Es ist weder zu übersehen noch zu überhören: Atomic Blonde spielt mitten in Berlin zur Zeit des Mauerfalls, was sich als Hintergrundthema durch den gesamten Film zieht. Zusammen mit der grassierenden Kalter-Krieg-Paranoia, entwickelt sich so eine fiebrig-nervöse Atmosphäre. Die Inszenierung der heftigen Kampfszenen und Schusswechsel bewegt sich dabei graziös auf einer dünnen Linie zwischen Überzeichnung und Ernsthaftigkeit. Das ist alles bis ins Detail perfekt choreografiert ohne dabei zu sehr nach Ballet auszusehen.

Der Regisseur inszeniert nicht nur die Action gut, sondern setzt auch Charlize Theron ausgesprochen betörend ins Bild. Ich bin mir nicht sicher, welche andere Schauspielerin die geforderte Lässigkeit so überzeugend hätte rüberbringen können. Theron wirkt hier cool und gleichzeitig sexy bei höchstmöglicher Eleganz. Die perfekte Besetzung.

Erfreulicherweise wurde just ein Sequel angekündigt und mit der Idee eines Crossovers zwischen Atomic Blonde und John Wick wird zumindest gedanklich schon mal gespielt. Ich wäre nicht abgeneigt.

Vergleich Film und Comic

Atomic Blonde basiert auf dem Comic The Coldest City von Antony Johnston und Sam Hart, original bei Oni Press, deutsche Ausgabe bei Cross Cult erschienen. Auf den ersten Blick erkennt man gar keine Gemeinsamkeiten. Visuell ist der Film das krasse Gegenteil. Die gesättigten Farben und der schneidende Neonschein des Films stehen einer kantigen, strengen Linienführung und großen monochromen Flächen im Comic gegenüber. Im Film ist Lorraine eine Blondine in extravaganter Kleidung, eine über die Maßen auffällige Erscheinung, im Comic hat sie dagegen schwarzes Haar, trägt züchtigen Bibliothekarinnen-Look und verschwindet in der Menschenmenge so wie es für eine Spionin vorteilhaft ist. Der Comic orientiert sich eher an traditioneller Spionage-Literatur während der Film stylische Action zelebriert.

Dennoch folgt der Film der Comic-Handlung relativ genau. Einige Szenen werden weggelassen, viele andere hinzugefügt und manche zu diesen krachigen Actionmonumenten ausgebaut. So bieten Film und Comic das Beste aus zwei verschiedenen Welten und wirken auf unterschiedlichen Ebenen.