Von Haubenlerchen und Rennbienen

Unter dem Pseudonym Rico Remberg schrieb der Journalist Dieter Korp den 450-Seiten-Klopper Sex auf Rädern, der 1970 im PPS-Verlag erschien. Korp arbeitete für die Magazine auto motor und sport und Motor Revue und fungierte bis zu seinem Tod im Jahr 2015 als Hauptautor der erfolgreichen Autoreparatur-Bücherreihe Jetzt helfe ich mir selbst, die seit 1962 kontinuierlich erscheint. Was ihn zu dem reißerischen Sexploitation-Werk Sex auf Rädern brachte, ist mir unbekannt. Aber die Sexwelle der 70er Jahre erfasste ja so manchen seriösen Schreiber.

Der Klappentext macht klar, wo die Ausfahrt hingeht:

Das Auto fördert den Sex. Es erregt durch Vibration, Geräusch und Styling. Es macht Schwache schwächer und Scharfe schärfer. Es verführt und schafft neue Gelegenheiten. Es verlagert das Bett auf die Straße. Dieses Buch – eine völlig neue und alarmierende Dokumentation – stützt sich ausschließlich auf Tatsachen.

Nichts weniger als eine alarmierende Dokumentation wird versprochen. Alarmierend finde ich es ja immer, wenn man mir eine Dokumentation verkaufen will und extra darauf hinweist, dass sie sich ausschließlich auf Tatsachen stützt. Ist das nicht der Sinn einer jeden Dokumentation?

Aus heutiger Sicht überwiegt bei diesem Buch der Cringe-Faktor. Aber wenn man Spaß an den trashigen Zotigkeiten der 70er Jahre hat und sich für die alten Autos interessiert, kommt man hier durchaus auf seine Kosten. Der Anspruch einer Dokumentation geht dem backsteindicken Buch zwischen pseudointellektuellen Bonmots und küchenpsychologischen Weisheiten allerdings recht schnell verloren. Erwartbar werden hier naheliegende Begriffe wie Kolbenhub und Schaltknüppel zur sexuellen Analogie und der Autor wittert hinter jeder Motorvibration und jedem Auspuffknall ein verstecktes Stimulans. Das Auto, des Deutschen liebstes Kind, in Wahrheit also ein einziges Objekt der Verführung und des Lasters.

Mir ist das Buch beim Kauf einer gemischten Bücherkiste in die Hände gefallen. Als ich erkannte, dass in Sammlerkreisen dafür irrwitzige 40 bis 80€ gezahlt werden, habe ich das Buch schnell bei eBay eingestellt. Aber nicht ohne vorher zumindest noch das Bildmaterial einzuscannen. Der Autor hat einige herrliche und herrlich fragwürdige Bilder aus den Archiven zusammengetragen, darunter unveröffentlichtes Werbematerial, das den Autofirmen wohl selbst zu peinlich war. Dazu vermitteln die Bildunterschriften einen guten Eindruck von Duktus und Narrativ des Buchs – als wenn der Klappentext nicht schon genug wäre. Für das Folgende gilt: anschnallen!

Wortspiel Galore

Auch wenns manchmal wehtut, ohne Wortspiele kommt das Buch nicht aus. Sie ziehen sich durch den ganzen Text. Hier geht es los mit „Straßenranderscheinung“ und „Begleit-Erscheinung„. Die These lautet, dass bereits die Enge des Autos die Insassen in erotische Stimmung versetzt. Gemütliche Liegesitze, die früher in der Tat ein populäres Feature waren, tun ihr Übriges. Da ist natürlich auch noch der Vorteil der Mobilität. Gehen wir zu dir oder zu mir? Weder noch!

Science, bitch!

Hier wirds mal kurz wissenschaftlich. Angeblich führte der Reifenhersteller Uniroyal Englebert (wurde 1979 von Continental übernommen) eine Studie durch, die bei den sowohl männlichen wie weiblichen Teilnehmern eine sexuelle Stimulation durch das Autofahren nachwies. Zu der Studie konnte ich leider nichts finden. Aber Uniroyal Englebert scheint damals zu allem möglichen Quatsch Studien in Auftrag gegeben zu haben, daher ist das durchaus glaubhaft. Wie „wissenschaftlich-medizinisch“ die Studie tatsächlich war, bleibt aber fraglich. Die Testpilotin im Bild sieht jedenfalls wenig erregt aus. Im unteren Bild sieht man noch den „hochwirksamen Vibrator“, der in Autos steckt; die Kurbelwelle, das geile Stück blankpolierter Edelstahl.

Gut ausgestattet

Die bereits erwähnten Liegesitze werden hier nochmals gesondert herausgestellt. Zu sehen sind hier Interiors von Renault 16, Simca 1100, Peugeot 504, NSU Ro 80, von dem weiter unten bei der Werbung noch mehr kommt, und Alfa Romeo Giulia Super. Beim Simca 1100 kann man auch „durch die Heckklappe ins Schlafzimmer steigen“. Der NSU erlaubt es hingegen, dass man „seine Fee wie Skier von hinten durch den Kofferraum schieben kann“. Mit Fee meint diese schmeichelnde Analogie natürlich die Angebetete des Fahrzeugbesitzers. Ihr Lächeln auf dem Foto ist auch eindeutiger Beweis, dass sie gar nichts dagegen hat, dass man sie wie Skier von hinten durch den Kofferraum schiebt.

Die Bilder stammen von Paul Botzenhardt, der laut Wikipedia einer der bekanntesten Auto-Fotografen des 20. Jahrhunderts war. Neben Autos fotografierte er auch gerne Frauen und Krieg.

Vavavoom. Endlich nackte Tatsachen. Zu meiner Überraschung war auch 1970 die Sicherheit beim Autofahren schon ein Thema. Rico Remberg fabuliert etwas mysteriös, dass der Gurt neben der engen Bindung zum Auto auch noch mehr gestattet. Ja, was denn? Ach so, da steht ja „Keuschheitsgürtel“, hohoho. Ernster geht es rechts auf dem Bild zu. Hosenträgergurte mit Nerzfell kosten immerhin 900 Mark, was damals fast einem durchschnittlichen Monatslohn entsprach.

Phalli und Vaginen

Dieses Buch kann natürlich unmöglich ohne Phallus- und Vagina-Symbolik auskommen. Schaltknüppel, Kühlergrill, Karosserie, alles erinnert an Geschlechtsteile und Körperformen. Während der Autor des Buchs hier noch erfreut darüber ist, dass der Schaltknüppel immer sportlicher und kräftiger wird, ist der Schalthebel heute wohl eher ein Auslaufmodell. Mittlerweile fährt fast die Hälfte aller Autos mit Automatikgetriebe. Die besitzen zwar auch einen Wählhebel, aber an dem wird gewöhnlich nicht so viel rumgerührt wie bei manuellen Schaltgetrieben. Bei zunehmender E-Mobilität wird der Schalthebel über kurz oder lang wohl gänzlich verschwinden.

Gerücht: Dass der Schalthebel ein echter Phallus ist, kann angeblich durch Videos auf pornhub.com nachgewiesen werden. Hat mir mal jemand erzählt, der jemanden kennt, der da schon mal was gesehen haben will.

Links unten wird über den vaginalen Kühlergrill des Ford Edsel berichtet. Tatsächlich fühlten sich wohl einige Zeitgenossen hierbei an das weibliche Geschlechtsteil erinnert. Aber das Buch suggeriert, dass die Produktion aus diesem Grund eingestellt werden musste. Laut Wikipedia war der Wagen allerdings hauptsächlich wegen des hohen Preises und der vielen technischen Mängel ein Misserfolg. Links oben ist noch der „aufpulvernde, hart gefederte und äußerst aggressiv wirkende“ BMW 507 zu sehen. Habe ich nichts gegen einzuwenden. War ein schönes Auto. Und „aufpulvern“ schreibe ich mir ins Wörterbuch.

Im rechten Bild werden die Vergleiche etwas bemühter. Dass die Karosserien von Corvette Stingray und Opel GT irgendwie etwas Weibliches haben, wegen geschwungener Form und so, na ja. Aber wenn mein Penis nach Ford Mustang oder Ford Capri aussähe, würde ich zum Arzt gehen.

Feuerstühle und Kinofilme

Das Buch heißt Sex auf Rädern und nicht Sex im Auto. Daher ergibt es Sinn, dass der Autor auch dem Motorrad ein Kapitel widmet. Links eine Anzeige für die BSA Rocket 3 (von der ich noch eine höher aufgelöste Farbversion gefunden habe) und das Buch-Cover zu Das Motorrad von André Pieyre de Mandiargues, hier ohne Titelnennung nur lapidar als „Schutzumschlag eines Buches“ bezeichnet. Die Verfilmung mit Alain Delon und Marianne Faithfull, in Deutschland als Nackt unter Leder bekannt, sorgte für einigen Wirbel. Der Film kam aber erst 1969 ins deutsche Kino, was vermutlich der Grund ist, warum man dazu nichts im Buch findet. Der Film hätte thematisch vortrefflich gepasst. Hier der englische Trailer:

Auf der rechten Seite kommt immerhin Brigitte Bardot zum Zuge. „Was sie empfindet, flötet sie auf einer Schallplatte: Wenn ich auf dem Sattel sitze, steigt mir beim Rattern der Maschine Lust in die Lenden.“. Stimmt, dichtete Serge Gainsbourg und ließ Brigitte auf die Harley steigen. Zu dem Song gibt es auch ein schönes Video für das Scopitone.

Es finden neben dem unvermeidlichen Autokino („Leinwandfreuden und legitimierte erotische Bastelstunden“, häh?) noch ein paar kuriose und obskure Filme Erwähnung, die nichts mit Autos zu tun haben, außer dass in irgendeiner Szene mal eines auftaucht.

Links unten ein Bild aus Spielst Du mit schrägen Vögeln, in dem Margarethe von Trotta einen frühen Auftritt hat. Mitte oben ein Bild aus Die goldene Pille, ein Aufklärungsfilm von 1968, der momentan verschollen ist. Ich kenne auch niemanden, der den schon mal gesehen hat. Mitte unten ein Film, den ich nicht zuordnen kann. Laut Bildunterschrift hielt eine versteckte Kamera die Szene für den Film „Feigenblatt“ fest.

Bei der Recherche bin ich noch auf den Film Die Auto-Nummer – Sex auf Rädern von 1972 gestoßen, der zwar ein ähnliches Thema bearbeitet, mit dem Buch aber offenkundig keine direkte Verbindung hat. Alleine wegen Rolf Eden als Motorradpfarrer sollte man sich diesen Film vielleicht mal auf die Watchlist setzen.

Ausgezogen bis aufs Hemd und darüber hinaus – Die Werbung

Wie schon angemerkt, hat der Autor eine ganze Reihe von Werbefotos gesammelt, die vorher unveröffentlicht waren und in vielen Fällen wohl auch nirgends sonst mehr auftauchten. Ein Kommentar zu einzelnen Bildern erübrigt sich. Es ist immer das gleiche Prinzip. Mehr oder weniger bekleidete Frauen räkeln sich auf, an oder um Autos herum und Rico Remberg gibt mehr oder weniger schlüpfrige Anmerkungen zum Besten, die sich ohne ein Gefühl des Fremdschämens kaum lesen lassen. Seine besten Wortschöpfungen beinhalten: Stern-Stunden (wegen Mercedes), Schlängelkurven, Zündwilligkeit, Hemdenmatz, Wohlstandshügel, Zuchtperlen (aua), Haubenlerchen (also, das ist lustig), Puppenfänger (klingt eher nach Serienkiller) und Ehestandslokomotive.

Wem es bisher für ein solches Buch nicht sexistisch genug zuging, der darf sich nun hier durchklicken.

Neben Ford Capri gibt es hier nochmal den NSU Ro 80 zu sehen sowie den lustigen Citroën Ami 6, den Porsche 914, den VW Käfer und noch irgendwas von Ford und Opel. Dies sei nur noch der Vollständigkeit halber erwähnt. Und nun: auf zu den Profis.

Rennsport

Links: „Rennbienen, die nicht nur Honig lecken“ und eine „Mitarbeiterin, die Leistungskurven demonstriert“. Außerdem ist als seltene Ausnahme eine Beifahrerin in einem Renngespann zu sehen. Oben auf der rechten Seite versucht Rennfahrer Jack Brabham der blonden Dame ausschließlich in die Augen zu schauen. Ich bin mir sicher, die Dame auch schon mal irgendwo gesehen zu haben, komme aber nicht dahinter, um wen es sich handelt. Unbekannt ist auch der Fahrer auf dem rechten unteren Bild, der von zwei „Rennmiezen“ oben ohne beglückwünscht wird.

Kurze Röcke und Lustgeräusche. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen.

Hier die wahrscheinlich schönsten und ehrlichsten Worte, die im gesamten Buch zu lesen sind.

Der Mensch ist hinter Rennhelm, Gasmaske und feuersicherem Anzug verschwunden. Es wurde ein herrliches Ungeheuer geboren, das den genießenden Zuschauer so wohlig darüber im Zweifel lässt, ob er pervers oder irre ist oder nur spinnt.

Vielleicht könnte man Ähnliches auch über den Leser dieses Buchs sagen. Wobei ich mir nicht ganz sicher bin, worin der Unterschied zwischen irre sein und spinnen liegt.

Mobiles Horizontalgewerbe

Als Rausschmeißer tischt Rico Remberg ein armseliges Kapitel über Prostitution auf. Wortspielerisch wird es auch langsam dünn. Links im Bild ist doch tatsächlich die Rede von „Auto-Strichinen“. Außerdem scheint mir der eigene Mercedes als ersehntes Ziel der Prostituierten zu sehr vom Fall Rosemarie Nitribitt inspiriert zu sein, als dass man daraus eine Allgemeinbehauptung machen könnte. Auf dem rechten Bild lernt der Leser noch, dass „das Geschäft der Pimperliesen im Auto abseits der Straße abgewickelt wird. Im Sommer im Gras“.

Das wars dann auch. Genug Asphalt-Poesie. Abgesehen von schlechten Kalauern gab es immerhin auch ein paar schöne Fotos von alten Autos. Ob das Buch damals ein Verkaufsschlager war, kann ich nicht mehr nachprüfen. Ich bezweifel es. In der Zeit Nr. 14 von 1970 erschien eine Rezension (zugänglich nach Registrierung), die fast schon zu wohlwollend klingt. Der Rezensent stört sich an der mangelnden Wissenschaftlichkeit, attestiert dem Buch „flott geschrieben [zu sein], oft feuilletonistisch geschliffen, aber auch allzu stark gemixt mit jenem Jargon, den flotte Werbetexter oder Kolportage-Reporter vorrätig haben“. Allzuoft verließe Remberg die Position des Chronisten und werde zum schnoddrigen Plauderer, so der Rezensent weiter. Außerdem: „Autofahrer werden offenbar mit kühlem Kalkül manipuliert. Um des Busineß willen zielen Produzenten und Verkäufer mit unterschwelligen Tricks salvenweise unter die Gürtellinie von Herrn oder Frau Jedermann“. Sieh mal an. In dieser Hinsicht hat sich in den letzten 50 Jahren kaum etwas geändert. Zwar ist die Werbung nicht mehr so plakativ sexualisiert, aber unterschwellige Tricks, die gibt es immer noch zur Genüge.