Bell Witch – Mirror Reaper

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Mir ist schon vor geraumer Zeit aufgefallen, dass ich Musik nicht mehr so konsumiere wie früher. Sich Zeit nehmen, mit Kopfhörern hinsetzen, Artwork studieren, Lyrics lesen, ein intensives Hören. Das findet bei mir leider nur noch selten statt. Die Gründe sind leicht auszumachen: ich habe heute generall weniger Zeit und die Konkurrenz ist größer geworden. Muss ich mich zwischen Musik und der neusten Netflix-Serie entscheiden, gewinnt meist Netflix und die Musik verkommt zur Hintergrundberieselung bei der Arbeit am PC, beim Rasenmähen oder Autofahren. Zumal ich vor einiger Zeit auch wieder Hörspiele für mich entdeckt habe und ich diese auch noch irgendwie zeitlich bewältigen muss. Nichtsdestotrotz habe ich mir vorgenommen, mir zumindest hin und wieder mal ein großes Album ganz intensiv zu gönnen.

Darauf komme ich, weil Mirror Reaper von Bell Witch ein solches ist. Es ist eine Herausforderung für Leute, die verlernt haben, still zu sitzen und zuzuhören. Das Album besteht aus nur einem einzigen Lied mit einer Laufzeit von sagenhaften 83 Minuten. Mitnichten ist dies ein Gimmick. Es handelt sich nicht einfach um mehrere Tracks, die man mit weichen Übergängen aneinandergereiht hat, wie man es von manchen Konzeptalben kennt. Mirror Reaper ist ein in ein Stück gegossenes schwelgerisches Epos, das der Trauer und dem Leid eine komplexe Form verleiht. Und das in der minimalistischen Besetzung eines Duos. Mehr als Bass, Drums und einer dezenten Hammond-Orgel kommen hier nicht zum Einsatz. Das, was hier so schön bittersüß weint, ist keine Gitarre, sondern in der Tat ein Bass. Dieses Stück irgendwie zu bewerten oder zu analysieren, maße ich mir erst gar nicht an. Nur so viel: Es ist ein Rausch – wenn man sich darauf einlässt.

Für diejenigen, die eine visuelle Stimulanz brauchen, gibt es das Ganze auch als offizielles Video, das komplett aus altem Archivmaterial geschnitten wurde und die Musik noch mal auf besondere Weise unterstreicht und damit wahrscheinlich aber auch die Rezeption verändert.

Das Gatefold-Cover, das wie ein verschollenes Gemälde von Beksiński aussieht, stammt von Mariusz Lewandowski. Da würde sich das Sammeln von Vinyl tatsächlich lohnen. Andererseits ist die digitale Version in diesem Fall praktischer, denn die kann man am Stück hören, während Vinyl und CD aus Platzgründen als Doppel-Album erschienen sind.

Drei extreme Doom-Metal-Alben von 2015

2015 war – mal wieder – ein Jahr des Doom. Viele tolle Veröffentlichungen gab es zu hören. Vom traditionellen melodischen bis zum experimentellen Doom. An dieser Stelle habe ich mir drei Alben rausgepickt, die die extreme Seite des Dooms verkörpern. Extrem heißt, dass die zähe Langsamkeit der Musik mit tonnenschweren Riffs von ganz unten aus dem Keller unterstrichen wird. Keine Melodie, keine Sperenzchen, eher Minimalismus. Riffs, Riffs, Riffs, Feedback und Verzerrung ist das Motto. Extremer Doom hat eine gehörige Sludge-Komponente, das ist wie Hardcore, aber als Slowcore. Musik, bei der Menschen sagen: „Mach doch endlich mal den Krach aus!“.

 

Bismuth, ein Duo aus England, Bass und Schlagzeug reichen. Nur vier Songs wummern und drönen hier in einer knappen Stunde durch die Lautsprecher. Ziemlich noisy und brummelig.

 

Of Spire & Throne sind Schotten, ein Trio  immerhin. Weniger fuzzy als Bismuth, präziser; und dank Gitarre kommt bisweilen so etwas wie Melodie auf. Hypnotische Drums und originelle Tempowechsel lassen selbst einen 18-Minuten-Song nicht langweilig werden.

 

Die Mitglieder von Primitive Man aus den USA haben zuvor in grindigen Black- und Death-Metal-Bands gespielt. Es scheint so, als hätten sie die wütende Essenz dieser Bands in Primitive Man hineingepresst. Eine der brachialsten Doom-Sludge-Bands, die ich kenne.

The Boats of the Glen Garrig

Die Funeral-Doom-Band Ahab veröffentlicht nun seit fast einer Dekade mit schöner Regelmäßigkeit alle drei Jahre ein formidabel ausgeklügeltes Konzept-Album, in dem es sich thematisch stets um das Meer dreht. Angefangen hat alles 2006 mit The Call of the Wretched Sea, passend zum Bandnamen basierend auf Melville’s Moby Dick. Es folgten The Divinity of Oceans, basierend auf der wahren Geschichten vom Untergang des Walfängers Essex im Jahr 1820, und The Giant, basierend auf Poe’s Der Bericht des Arthur Gordon Pym.

Als die Band ihr erstes Album veröffentlichte, wurde noch darüber gescherzt, dass eine Band mit diesem Namen und dem nautischen Dauerkonzept, sich womöglich selbst zu sehr limitieren würde. Aber die klassische Literatur bietet genug tolle Seemannsgeschichten. Schon damals dachte ich, dass die Geschichten von Horrormeister William Hope Hodgson eine tolle Vorlage bieten würden. Ahab haben nun tatsächlich auf Hodgson zurück gegriffen und mit dem neuen Album seinen Roman The Boats of the Glen Garrig vertont.

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Die dicht erzählte Gruselgeschichte handelt vom Überlebenskampf einer Gruppe von Schiffbrüchigen, die auf einer Tanginsel auf seltsame Wesen stoßen. Das wunderbare, aber vielleicht einen Tick zu bunt geratene Cover, stammt von Grafiker Sebastian Jerke, der ebenfalls für jeden Song eine eigene doppelseitige Illustration im CD-Booklet gestaltet hat. Dieses wird dankenswerter Weise auch beim Download mitgeliefert (gilt zumindest für amazon.de).

Auch wenn Ahab seit jeher als Funeral-Doom-Band bezeichnet wird, stand ihr dieses enge Korsett noch nie so wirklich. Es ist wahrscheinlich lediglich der Begriff, der am nächsten kommt. Die Einflüsse sind ja zweifellos da, aber wer Funeral-Doom bisher nur als stark begrenztes Genre kannte, in dem möglichst langsam und möglichst verzweifelt monoton rumgeklagt wird, den werden Ahab überraschen. Die Atmosphäre, die Ahab erzeugen, ist einzigartig. Für Funeral-Doom ist die Musik ausgesprochen dynamisch. Über die vier Alben hinweg lässt sich eine Verbreiterung des Genres erkennen. Mehr Klargesang, längere Ambientpassagen und mit „Like Red Foam (The Storm)“ beinhaltet das neue Album gar den schnellsten Song, den die Band bisher geschrieben hat. Eine akkuratere Repräsentation des Ahab-Sounds bietet allerdings der Album-Opener The Isle, der davon handelt, wie die Crew die Insel erreicht.

 

Zufälligerweise habe ich kürzlich eine Sammlung von digitalen Ausgaben des Science-Fiction- und Fantasy-Magazins Famous Fantastic Mysteries heruntergeladen. Dieses amerikanische Magazin erschien zwischen 1939 und 1953, anfangs beim Verlag von Frank Munsey, der sehr großen Anteil an der Verbreitung der Pulp-Fiction-Magazine hatte.

Ausgabe #6 von 1945 enthält als Titelgeschichte Hodgson’s The Boats of the Glen Garrig. Sowohl Titelbild als auch die Innenillustrationen stammen von Lawrence Sterne Stevens. Und da die so fantastisch sind, poste ich alle Illustrationen an dieser Stelle.

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Die Originalgeschichte von Hodgson ist bereits seit geraumer Zeit urheberrechtsfrei und kann zum Beispiel beim Project Gutenberg heruntergeladen werden. Der Künstler John Coulthart hat in seinem Blog einige modernere Illustrationen und Coverbilder zusammengetragen, die ebenfalls einen Blick wert sind.

Mansion – Altar Sermon

Mansion aus Finnland kann man im weitesten Sinne als Occult-Rock mit starkem Doom-Einschlag bezeichnen. Dieses Genre hat in den letzten Jahren unzählige neue Bands hervorgebracht. Mansion gehören zu denjenigen Bands, die in Sachen Atmosphäre und Originalität überzeugen. Im Gegensatz zu anderen Bands in diesem Bereich, verzichten Mansion darauf, zu sehr retro zu sein.

Mein erster Kontakt mit der Band war vor zwei Jahren das Video zu Slumber Sermon. Die gruselige Nummer hat mich umgehauen. Nun steht eine neue 2-Track-EP an, und dazu wurde das Video Altar Sermon veröffentlicht. Dieses verbreitet wiederum eine ganz eigene, unheimliche Stimmung, die perfekt zu dem getragenen Sound der Band passt.

Musik: Witch Mountain – Mobile of Angels

Das erste, was ich von Witch Mountain hörte, war vor vier Jahren die schaurig schöne Doom-Nummer „Veil of the Forgotten“, veröffentlicht auf einem Metal-Sampler von Adult Swim. Es gibt Musikmomente, die sich einem in die Birne brennen. Das war ein solcher. Dieser Einstiegsriff, die akzentuierten Drums, da braut sich was zuammen ist schon die Message des Intros. Dann diese große Stimme, die da von ekstatisch heulend bis diabolisch grummelnd so betörend leidet. Das passt. Sogar der Bandname ergab Sinn: Witch Mountain, Hexenberg.

Seitdem bin ich Fan. Fragt mich jemand nach Empfehlungen bezüglich neueren Doom-Bands, ist Witch Mountain einer der Namen die als erstes fallen. Die Geschichte der Band ist etwas ungewöhnlich, denn Witch Mountain haben bereits 2001 das erste Album veröffentlicht, danach aber lange pausiert. Erst als 2009 die Sängerin Uta Plotkin dazustieß, ist die Band durchgestartet. Manchmal braucht es seine Zeit, bis alles zusammenpasst. Und im Doom hat man ja genrebedingt alle Zeit der Welt. ;-)

Mit Mobile of Angels ist nun bereits das dritte Album der Band zusammen mit Uta Plotkin erschienen und es steht steht den beiden Vorgängern in Sachen Qualität in nichts nach. Der Blues-Einfluss, der auf auf den beiden Vorgängern schon einen nicht zu unterschätzenden Originalitätsanteil in dem traditionellen Doom-Metal-Sound innehatte, wird hier nochmals verstärkt und stellt jetzt ein zentrales Element dar, auch gerade was den Gesang anbelangt.

Den Schocker hat die Band noch vor Erscheinen des Albums angekündigt: Es wird das letzte Album mit der Sängerin sein. Somit ist auch diese Ära für Witch Mountain schon wieder zu Ende. Ob die Band die große Lücke zeitnah füllen kann oder ob die Band nun erst einmal wieder sechs Jahre pausiert, bleibt abzuwarten. Uta Plotkin hat immerhin schon angekündigt, weiterhin musikalisch aktiv zu bleiben. Ein Trost. Aber warum über die ungewisse Zukunft jammern? Denn was auch immer passiert, dem Doom-Fan bleiben drei großartige Alben. So viel ist gewiss.