Ein originelles Zeitreisekonzept

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In Amazing Stories von Oktober 1951 bin ich auf eine Geschichte gestoßen, die ein interessantes Zeitreisekonzept aufweist, das mir bisher noch nicht begegnet ist. Es geht um The Perfect Hideout von Gerald Vance. Bei diesem Namen handelt es sich um das Pseudonym des Autors William P. McGivern , auf dessen Konto zahlreiche Science-Fiction-Geschichten und Drehbücher für TV-Serien gehen.

The Perfect Hideout in Kurzfassung: eine Ganovenbande finanziert einem Wissenschaftler den Bau einer Zeitmaschine, um den großen Coup zu landen und dann in die Zukunft, genauer gesagt 100 Jahre in die Zukunft in das Jahr 2051, zu flüchten. Das Ganze ist recht naiv zusammengewurschtelt und wird noch durch einen unnötigen Nebenplot gestreckt; literarisch ist das wirklich kein großer Wurf. Aber McGivern alias Vance hat sich einen interessanten Twist ausgedacht.

Spoiler: Am Ende der Geschichte begeben  sich die Ganoven in die Zeitmaschine und just in dem Moment, als die Polizei durch die Tür des Labors bricht, rauschen sie davon ins Jahr 2051. Flucht geglückt? Der Professor öffnet von außen die Luke der Zeitmaschine, die daraufhin von einem Polizisten mit gezückter Pistole betreten wird. Im Inneren findet der jedoch nur die skelettierten Leichen der Ganoven. Der Professor erkennt sofort, was passiert ist. Da er die Maschine nicht ausreichend testen konnte, stellt sich erst jetzt heraus, dass man mit der Zeitmaschine zwar in die Zukunft reisen kann, aber die Reise für die Personen in der Zeitmaschine genauso lange dauert, wie der Zeitraum, den man überbrücken will, während für die Außenstehenden überhaupt keine Zeit vergeht. Die Ganoven waren also schlicht 100 Jahre lang unterwegs, was sie natürlich nicht überlebt haben.

Autor Vance hat hier aus der Relativität der Zeit eine schöne Wendung gestrickt. Simpel, aber originell und effektiv. Die tolle Illustration, die mich überhaupt erst auf die Geschichte aufmerksam gemacht hat, stammt von Ed Valigursky. Das bestätigt mal wieder die Theorie, dass die Illustrationen (und natürlich das Cover) von Pulp-Heften extrem wichtig waren, um die Geschichten an den Mann zu bringen. Was mir gut gefällt, ist, wie die Illustration die Auflösung vorweg nimmt. Ohne Kenntnis der Geschichte sieht man eine Maschine, in die am einen Ende Leute reingehen und am anderen Ende als Skelette wegfliegen. Erst nachdem man die Geschiche gelesen hat, erkennt man, dass es sich hier um eine abstrakte Darstellung des Endes handelt.

 

The Boats of the Glen Garrig

Die Funeral-Doom-Band Ahab veröffentlicht nun seit fast einer Dekade mit schöner Regelmäßigkeit alle drei Jahre ein formidabel ausgeklügeltes Konzept-Album, in dem es sich thematisch stets um das Meer dreht. Angefangen hat alles 2006 mit The Call of the Wretched Sea, passend zum Bandnamen basierend auf Melville’s Moby Dick. Es folgten The Divinity of Oceans, basierend auf der wahren Geschichten vom Untergang des Walfängers Essex im Jahr 1820, und The Giant, basierend auf Poe’s Der Bericht des Arthur Gordon Pym.

Als die Band ihr erstes Album veröffentlichte, wurde noch darüber gescherzt, dass eine Band mit diesem Namen und dem nautischen Dauerkonzept, sich womöglich selbst zu sehr limitieren würde. Aber die klassische Literatur bietet genug tolle Seemannsgeschichten. Schon damals dachte ich, dass die Geschichten von Horrormeister William Hope Hodgson eine tolle Vorlage bieten würden. Ahab haben nun tatsächlich auf Hodgson zurück gegriffen und mit dem neuen Album seinen Roman The Boats of the Glen Garrig vertont.

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Die dicht erzählte Gruselgeschichte handelt vom Überlebenskampf einer Gruppe von Schiffbrüchigen, die auf einer Tanginsel auf seltsame Wesen stoßen. Das wunderbare, aber vielleicht einen Tick zu bunt geratene Cover, stammt von Grafiker Sebastian Jerke, der ebenfalls für jeden Song eine eigene doppelseitige Illustration im CD-Booklet gestaltet hat. Dieses wird dankenswerter Weise auch beim Download mitgeliefert (gilt zumindest für amazon.de).

Auch wenn Ahab seit jeher als Funeral-Doom-Band bezeichnet wird, stand ihr dieses enge Korsett noch nie so wirklich. Es ist wahrscheinlich lediglich der Begriff, der am nächsten kommt. Die Einflüsse sind ja zweifellos da, aber wer Funeral-Doom bisher nur als stark begrenztes Genre kannte, in dem möglichst langsam und möglichst verzweifelt monoton rumgeklagt wird, den werden Ahab überraschen. Die Atmosphäre, die Ahab erzeugen, ist einzigartig. Für Funeral-Doom ist die Musik ausgesprochen dynamisch. Über die vier Alben hinweg lässt sich eine Verbreiterung des Genres erkennen. Mehr Klargesang, längere Ambientpassagen und mit „Like Red Foam (The Storm)“ beinhaltet das neue Album gar den schnellsten Song, den die Band bisher geschrieben hat. Eine akkuratere Repräsentation des Ahab-Sounds bietet allerdings der Album-Opener The Isle, der davon handelt, wie die Crew die Insel erreicht.

 

Zufälligerweise habe ich kürzlich eine Sammlung von digitalen Ausgaben des Science-Fiction- und Fantasy-Magazins Famous Fantastic Mysteries heruntergeladen. Dieses amerikanische Magazin erschien zwischen 1939 und 1953, anfangs beim Verlag von Frank Munsey, der sehr großen Anteil an der Verbreitung der Pulp-Fiction-Magazine hatte.

Ausgabe #6 von 1945 enthält als Titelgeschichte Hodgson’s The Boats of the Glen Garrig. Sowohl Titelbild als auch die Innenillustrationen stammen von Lawrence Sterne Stevens. Und da die so fantastisch sind, poste ich alle Illustrationen an dieser Stelle.

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Die Originalgeschichte von Hodgson ist bereits seit geraumer Zeit urheberrechtsfrei und kann zum Beispiel beim Project Gutenberg heruntergeladen werden. Der Künstler John Coulthart hat in seinem Blog einige modernere Illustrationen und Coverbilder zusammengetragen, die ebenfalls einen Blick wert sind.