Katherine Dunham in Im Schwarzen Rößl

Ich habe eine kleine filmhistorische Entdeckung gemacht. Ausgerechnet im österreichischen Schlagerfilm Im Schwarzen Rößl von 1961. Ich habe diesen Film kürzlich zwecks einer Recherche gesichtet und war aufgrund der Eingangssequenz, die auf ungeschickte Weise dem Zuschauer vorgaukelt, sie spiele im Moulin Rouge, aber ganz offensichtlich doch nur im Studio gedreht wurde, einigermaßen verblüfft. Denn die Szene ist so anders, als das was ich in einem Schlagerfilm mit Gus Backus und Trude Herr erwartet hätte. Eine brasilianische Tanz- und Gesangsnummer, locker-flockig irgendwo zwischen Martin Denny und Yma Sumac angesiedelt.

Neben der Musik, ist mir die Sängerin aufgefallen, die hier lipsynct. Ich konnte sie erst nicht zuordnen, aber irgendwie kam sie mir bekannt vor. Nachdem ich mir die Szene mehrmals angesehen hatte, fiel es mir ein. Es handelt sich hierbei um keine Geringere als die schwarze Ikone der Tanz-Choreographie und Bürgerrechtsaktivistin Katherine Dunham.

Ich habe die Szene zu Dokumentationszwecken auf Youtube hochgeladen:

Dunhams Auftritt wird nicht in den Filmcredits erwähnt und erscheint auch sonst in keiner mir zugänglichen Onlinequelle. Dass Dunham überhaupt in einem österreichischen Film auftritt, ist nicht ganz verwunderlich, wenn man ihre Biografie auf Wikipedia oder die Timeline der Library of Congress betrachtet.

Ende der 1950er Jahre befand sie sich mit ihrer Truppe, The Dunham Company, zum dritten Mal auf Europa-Tournee. Aufgrund schlechten Managements strandeten sie 1960 ohne Geld in Wien. Dort gelang es Dunham immerhin einen Auftritt in der Sendung Karibische Rhythmen des Nordwestdeutschen Rundfunks (NWDR) zu organisieren. Soviel ist verbrieft. In diesem Zeitraum muss es dann auch zu den Aufnahmen zum Film Im Schwarzen Rößl gekommen sein.

Was mir bisher noch nicht gelungen ist, ist das Lied zu identifizieren. Weder Google Music noch Youtube Content ID sagt was. Wer da eine Idee hat, bitte melden. Ich höre Maracatu heraus und in der Tat hatte Dunham in ihrer Broadway-Show eine „Brazilian Suite“ mit Maracatu im Programm, wie sich in The Complete Book of 1950s Broadway Musicals nachschlagen lässt. Die Musik stammt von einem gewissen Vadico Gogliano alias Osvaldo Gogliano. Ob es sich dabei um diese Nummer handelt, kann ich leider nicht bestätigen.

Zwischenmahlzeit

ochazuke

Ochazuke (お茶漬け) und Tamagoyaki (卵焼き).

Von Ochazuke existieren unzählige Versionen, aber als Grundbasis dienen in der Regel Reis und grüner Tee. Mein liebstes Rezept:

– Gekochten Reis (Sushi- oder Calrose-Reis) in eine kleine Schüssel füllen.
– Gebratenen Lachs fein zerteilen und auf den Reis geben.
– Sesam, zerbröckelte Reiscracker, in feine Streifen geschnittene Nori-Blätter und einen Schuss Tamarisauce hinzufügen.
– Schüssel mit grünem Tee auffüllen (Sencha, Kukicha oder Bancha).
– Optional: Kombu und Wakame dazugeben.

Der grüne Tee darf ruhig etwas stärker aufgebrüht werden, damit man etwas schmeckt.

Hier auf dem Foto habe ich zusätzlich noch Tamagoyaki zubereitet, japanisches Omelett. Dazu werden Eier mit Salz, Soja- oder Tamarisauce und Mirin gemischt und in einer speziellen rechteckigen Tamagoyaki-Pfanne in dünnen Lagen gebacken und gerollt, so dass eine Spiralform im Inneren entsteht. Das ist zwar nicht nötig, sieht aber nett aus. Die Zubereitung sieht man beispielsweise in diesem Youtube-Video. Passende Pfannen gibt es bei Amazon oder eBay.

Ein originelles Zeitreisekonzept

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In Amazing Stories von Oktober 1951 bin ich auf eine Geschichte gestoßen, die ein interessantes Zeitreisekonzept aufweist, das mir bisher noch nicht begegnet ist. Es geht um The Perfect Hideout von Gerald Vance. Bei diesem Namen handelt es sich um das Pseudonym des Autors William P. McGivern , auf dessen Konto zahlreiche Science-Fiction-Geschichten und Drehbücher für TV-Serien gehen.

The Perfect Hideout in Kurzfassung: eine Ganovenbande finanziert einem Wissenschaftler den Bau einer Zeitmaschine, um den großen Coup zu landen und dann in die Zukunft, genauer gesagt 100 Jahre in die Zukunft in das Jahr 2051, zu flüchten. Das Ganze ist recht naiv zusammengewurschtelt und wird noch durch einen unnötigen Nebenplot gestreckt; literarisch ist das wirklich kein großer Wurf. Aber McGivern alias Vance hat sich einen interessanten Twist ausgedacht.

Spoiler: Am Ende der Geschichte begeben  sich die Ganoven in die Zeitmaschine und just in dem Moment, als die Polizei durch die Tür des Labors bricht, rauschen sie davon ins Jahr 2051. Flucht geglückt? Der Professor öffnet von außen die Luke der Zeitmaschine, die daraufhin von einem Polizisten mit gezückter Pistole betreten wird. Im Inneren findet der jedoch nur die skelettierten Leichen der Ganoven. Der Professor erkennt sofort, was passiert ist. Da er die Maschine nicht ausreichend testen konnte, stellt sich erst jetzt heraus, dass man mit der Zeitmaschine zwar in die Zukunft reisen kann, aber die Reise für die Personen in der Zeitmaschine genauso lange dauert, wie der Zeitraum, den man überbrücken will, während für die Außenstehenden überhaupt keine Zeit vergeht. Die Ganoven waren also schlicht 100 Jahre lang unterwegs, was sie natürlich nicht überlebt haben.

Autor Vance hat hier aus der Relativität der Zeit eine schöne Wendung gestrickt. Simpel, aber originell und effektiv. Die tolle Illustration, die mich überhaupt erst auf die Geschichte aufmerksam gemacht hat, stammt von Ed Valigursky. Das bestätigt mal wieder die Theorie, dass die Illustrationen (und natürlich das Cover) von Pulp-Heften extrem wichtig waren, um die Geschichten an den Mann zu bringen. Was mir gut gefällt, ist, wie die Illustration die Auflösung vorweg nimmt. Ohne Kenntnis der Geschichte sieht man eine Maschine, in die am einen Ende Leute reingehen und am anderen Ende als Skelette wegfliegen. Erst nachdem man die Geschiche gelesen hat, erkennt man, dass es sich hier um eine abstrakte Darstellung des Endes handelt.

 

Eine alte Tee-Anzeige

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In einer Ausgabe des britischen Punch-Magazins von 1915 habe ich diese Anzeige der Londoner Formosa-Oolong Tea Rooms für taiwanesischen Oolong entdeckt. „Empfohlen von Kennern für seinen erfrischenden Duft und Reinheit, sehr bekömmlich auch für die Empfindlichsten“.

Die Preisangabe steht für Shilling/Pence. 2/7 bedeutet beispielsweise, dass der billigste Blend 2 Shilling und 7 Pence pro Pfund (= 0,454 kg) kostete. Frachtkosten inklusive. Benutzt man den Kaufkraft-Rechner von nationalarchives.gov.uk entspricht dies ungefähr einem heutigen Wert von 7,60 Pfund Sterling, was aktuell etwa 8,80 Euro sind. 2/10 für den billigsten puren Oolong entspricht £8,30 (€9,60). Die teuersten Tees entsprechen £12,70 (€14,70) respektive £11,30 (€13,10). Aus heutiger Sicht wirkt das sehr günstig, wenn man sich vor Augen führt, dass man heute auch mal €50 oder mehr für 100 Gramm zahlen kann. Allerdings gehe ich davon aus, dass heutige Tees qualitativ ungleich besser sind.

Wie man der Illustration auf archiseek.com entnehmen kann, befand sich an der selben Adresse des Teeladens im Jahre 1872 der Buchhändler und Verleger Sotharan, der bis heute offenbar an der gleichen Stelle existiert (Google Maps). Oder zumindest irgendwo da ungefähr. Das Stadtbild hat sich in 150 Jahren so geändert, dass ich die alte Illustration nicht mehr eindeutig zuordnen kann. 36 Piccadilly gehört heute jedenfalls zu einem ganzen Block mit den Nummern 36 bis 38. Und die Lloyds Bank sitzt mit der Nummer 39 noch vorne dran.

Über die Formosa-Oolong Tea Rooms finde ich wenig. Neben der Anzeige, ist die einzige Referenz eine Erwähnung in More London Inns and Taverns von Leopold Wagner, erschienen 1925, also zehn Jahre nach der Anzeige:

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In der Gegend reihte sich demnach Teehaus an Teehaus und Formosa-Oolong Tea Rooms existierten nacheinander an zwei verschiedenen Orten. Der dort erwähnte Club Swallow Street Rooms, der offenbar direkt an die Formosa-Oolong Tea Rooms anschloss, könnte irgendwo da gewesen sein, wo sich heute Bentley’s befindet (Google Maps). In der Tat haben die heute noch einen mietbaren Private-Dining-Room namens Swallow Street Rooms.

Die Öffnungszeiten des Internets

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Bei allen Unzulänglichkeiten des Internets, zwei Dinge ärgern mich immer wieder besonders. Geoblocking und Uhrzeitbeschränkungen. Das grenzenlose sogenannte World Wide Web wird aufgeteilt in Regionen und Uhrzeiten. Ja, man kann irgendwie für beides Verständnis aufbringen, wenn man unbedingt müsste. Geoblocking hat mit Lizenzrechten zu tun und wie diese verkauft werden. Das alte Vertriebsmodell der Filmwirtschaft lässt sich eben nicht so ohne weiteres ins Internet übertragen.

Uhrzeitbeschränkungen hingegen unterliegen dem deutschen Jugendmedienschutzgesetz, welches die Grenzenlosigkeit des Internets geflissentlich ignoriert. Jedenfalls haben wir hier die absurde Situation, dass man als Deutscher bis 22 Uhr warten muss, um einen ab 16 Jahren freigegebenen Film in der ARD-Mediathek schauen zu können, während ein Klick weiter Hardcore-Pornografie oder der neuste Splatter-Streifen warten.

Das alles ist ein alter Hut. So alt, wie die Mediatheken selbst. Was mir noch nicht untergekommen ist, sind Audiobeiträge mit Uhrzeitbeschränkung. Bis jetzt. In diesem Fall geht es um das dreiteilige Hörspiel Die Infektion, ein in Köln spielender Zombieschocker, der offensichtlich so schockierend ist, dass er ab 16 freigegeben ist und dementsprechend auch erst nach 22 Uhr angehört und runtergeladen werden kann.

Nachtrag: Ein weiteres Ab-16-Hörspiel ist Pornflakes.

Pizza ohne Tomaten

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Es kommt vor, da bin ich der Tomaten überdrüssig. Tomaten hier, Tomaten da. Manchmal kann ich die roten Dinger nicht mehr sehen. Wenn ich allerdings gleichzeitig Lust auf eine Pizza habe, was vorkommt, bringt mich das in ein kleines Dilemma. Eine Alternative ist, auf Flammkuchen auszuweichen oder eine Pizza entsprechend mit Sauerrahm oder Frischkäse anstatt der Tomatensoße zuzubereiten. Funktioniert problemlos und schmeckt richtig gut.

Dennoch habe ich mal etwas Neues ausprobiert und das Ergebnis gefällt mir. Jeweils einen Esslöffel Reismehl und Braunhirsemehl in 200ml Wasser einrühren, aufkochen und auf eine entsprechende Soßenkonsistenz reduzieren lassen. Das Ganze mit Salz, Pfeffer, Oregano, Paprika edelsüß und ein bischen Salbei abschmecken. Der intensive, rustikale Geschmack der Braunhirse macht sich gut in der Pizzasoße. Im obigen Beispiel habe ich die Pizza mit Blattspinat, Brokkoli, und Rindersalami belegt. Schmeckt.

Bell Witch – Mirror Reaper

bellwitch

Mir ist schon vor geraumer Zeit aufgefallen, dass ich Musik nicht mehr so konsumiere wie früher. Sich Zeit nehmen, mit Kopfhörern hinsetzen, Artwork studieren, Lyrics lesen, ein intensives Hören. Das findet bei mir leider nur noch selten statt. Die Gründe sind leicht auszumachen: ich habe heute generall weniger Zeit und die Konkurrenz ist größer geworden. Muss ich mich zwischen Musik und der neusten Netflix-Serie entscheiden, gewinnt meist Netflix und die Musik verkommt zur Hintergrundberieselung bei der Arbeit am PC, beim Rasenmähen oder Autofahren. Zumal ich vor einiger Zeit auch wieder Hörspiele für mich entdeckt habe und ich diese auch noch irgendwie zeitlich bewältigen muss. Nichtsdestotrotz habe ich mir vorgenommen, mir zumindest hin und wieder mal ein großes Album ganz intensiv zu gönnen.

Darauf komme ich, weil Mirror Reaper von Bell Witch ein solches ist. Es ist eine Herausforderung für Leute, die verlernt haben, still zu sitzen und zuzuhören. Das Album besteht aus nur einem einzigen Lied mit einer Laufzeit von sagenhaften 83 Minuten. Mitnichten ist dies ein Gimmick. Es handelt sich nicht einfach um mehrere Tracks, die man mit weichen Übergängen aneinandergereiht hat, wie man es von manchen Konzeptalben kennt. Mirror Reaper ist ein in ein Stück gegossenes schwelgerisches Epos, das der Trauer und dem Leid eine komplexe Form verleiht. Und das in der minimalistischen Besetzung eines Duos. Mehr als Bass, Drums und einer dezenten Hammond-Orgel kommen hier nicht zum Einsatz. Das, was hier so schön bittersüß weint, ist keine Gitarre, sondern in der Tat ein Bass. Dieses Stück irgendwie zu bewerten oder zu analysieren, maße ich mir erst gar nicht an. Nur so viel: Es ist ein Rausch – wenn man sich darauf einlässt.

Für diejenigen, die eine visuelle Stimulanz brauchen, gibt es das Ganze auch als offizielles Video, das komplett aus altem Archivmaterial geschnitten wurde und die Musik noch mal auf besondere Weise unterstreicht und damit wahrscheinlich aber auch die Rezeption verändert.

Das Gatefold-Cover, das wie ein verschollenes Gemälde von Beksiński aussieht, stammt von Mariusz Lewandowski. Da würde sich das Sammeln von Vinyl tatsächlich lohnen. Andererseits ist die digitale Version in diesem Fall praktischer, denn die kann man am Stück hören, während Vinyl und CD aus Platzgründen als Doppel-Album erschienen sind.