Julie Strain (1962 – 2021)

In my image, I created this third person and sculpted this thing with bodybuilding, grew my hair long, then learned kickboxing so I could beat up people in real life. I’m a full-busted bitch Barbarella.

Julie Strain

Am 10. Januar ist die amerikanische Pinup- und B-Film-Ikone Julie Strain im Alter von 58 Jahren gestorben. Nach über 130 Filmen verschwand sie 2009 fast unbemerkt aus der Öffentlichkeit. Ein Schock, als 2018 die Nachricht die Runde machte, dass sie an einer rasch fortschreitenden Form von Demenz erkrankt war. Die führte man auf eine Gehirnverletzung zurück, die Julie Mitte der 80er Jahre bei einem Reitunfall erlitt. Schon damals verursachte der Unfall eine vorübergehende Amnesie, so dass sie grundlegende Dinge neu erlernen musste. Nun hat sie dieser Unfall wieder eingeholt. 30 Jahre später. Ein Streich des Schicksals. Julies langjähriger Lebensgefährte hat auf Facebook eine bewegende – und mir fast zu intime – Erklärung über ihr Ableben veröffentlicht.

Meine erste Begegnung mit Julie Strain war Beverly Hills Cop III. Dort muss man genau hinsehen, um sie zu erkennen. Sie hat in dem Film einen Mini-Auftritt im Werbeclip für den „Annihilator 2000“.

Kurz darauf tauchte sie in Die nackte Kanone 33 1/3 auf. Als Dominatrix in der Samenbank. No kidding. Ja, 1994 war das noch lustig. Der Auftritt währte nur einen kurzen Male Gaze von unten nach oben.

Die 90er Jahre hindurch, als ich viel Zeit in Videotheken verbrachte, sah ich sie dann öfter in deutlich größeren Rollen, aber in merklich billigeren Filmen. Sie war immer diejenige, die alle anderen um einen Kopf überragte. Und das nicht nur, wenn sie High Heels trug. Über ihre Ambitionen in Sachen Schauspiel sagte Julie einmal unverblümt, dass sie „lieber sexy und gut aussähe, als eine gute Schauspielerin zu sein – und dafür so auszusehen, wie diese Tussi in Fargo“, womit sie natürlich Frances McDormand meinte („I’d rather be sexy and look good, than be a great actress – and look like that chick who did Fargo.“).

Auch deswegen musste man Julie mögen. Sie nahm kein Blatt vor den Mund und machte sich selbst nichts vor. Das ist wahrscheinlich ein Grund, warum es ihr von all den Pinup-Models und B-Film-Sternchen gelang, ihren eigenen Namen zur Marke zu machen. Das und ihre Entschlossenheit. In der Dokumentation Some Nudity required (1998) erzählt sie davon, wie sie als Kind unter dem Bett ihrer Mutter Playboy-Hefte fand und davon träumte, eines Tages „eine dieser schönen Frauen zu sein“. Und wie es später ihr „Masterplan“ war, Penthouse-Pet zu werden und dann Pet of the Year, um mit diesem Titel an Filmrollen zu kommen und die Leiter nach oben zu klettern. Da ist die klare Erkenntnis, dass sie von diesem Business, von diesen Filmen ausgenutzt wird („exploited“), sie selbst aber auch im Gegenzug diese Filme nutzt, um dorthin zu gelangen, wo sie hinwill. Ein fairer Deal in ihren Augen. Zumal sie mit ihren Nacktauftritten nie ein Problem hatte: „Ich zeige lieber meine Titten und krieg dafür 1000 Dollar, als im Restaurant zu arbeiten. Ich war sowas von bereit, meinen Körper mit der Öffentlichkeit zu teilen, als ich mit 28 in dem Business anfing, es war mir egal […] Ich liebte es, mich zu zeigen“ („I’d rather show my tits and make a thousand bucks than work in a restaurant! I was so ready to share my body at age twenty-eight when I really got started in this business, I didn’t mind […] I enjoyed showing off.“).

Dass Julie im Penthouse landete, war dem Zufall geschuldet. Sie kam eigentlich nach Los Angeles, um ihren Traum vom Playboy-Model zu verwirklichen. Sie schaffte es in das Tall-Girls-Pictorial der Juli-Ausgabe 1991. Aber nach Julies Bewerbung zum Playmate, vertröste sie der Playboy und lies sie im Unklaren über ihre Zukunft beim Heft. Da bedurfte es nicht mehr viel Überredungskunst von Fotografin Suze Randall, die Julie unbedingt für den Penthouse haben wollte.

Als Julie Strain einige Jahre später auf Kevin Eastman traf, fanden sich zwei Gleichgesinnte. Kevin Eastman war der Erfinder der Teenage Mutant Ninja Turtles und Herausgeber des amerikanischen Comic-Magazins Heavy Metal. Ihre Ehe hielt zwar nicht, führte aber zu gemeinsamen Veröffentlichungen und half, Julies Status als Pinup-Ikone zu zementieren. Julie wurde etliche Male im Heft und auf dem Cover von Heavy Metal gefeatured und wurde so zum Modell vieler bekannter Maler und Comic-Zeichner, darunter Boris Vallejo, Olivia DeBernardis, Simon Bisley, Alfonso Azpiri, Luis Rojo, Juan Giménez, Hajime Sorayama und viele mehr, die alle von ihr in höchsten Tönen schwärmten. Hier eine Auswahl ihrer Heavy-Metal-Titel:

Aus der Zusammenarbeit von Julie Strain und Kevin Eastman entstand das Sequel zum Kultfilm Heavy Metal, das als Heavy Metal 2000 in den USA und als Heavy Metal F.A.K.K.2 in Deutschland ins Kino kam. Julie, die in dem Film ihr animiertes Alter Ego spricht, übernahm natürlich gleich die Promotion für den Film, da außer ihr niemand sonst diesen absurd pornösen Hauch von Nichts tragen konnte.

Eine ganze Galerie mit Promofotos zum Film findet man beim Wortvogel.

2001 erschien beim Heavy-Metal-Verlag das Buch „Julie Strain’s Greatest Hits“, das ich mir, damals noch ganz vom Julie-Fieber gepackt, direkt bestellte. Wenn man ein Buch von und über Julie Strain braucht, dann dieses. Greatest Hits beinhaltet die zuvor veröffentlichten Bücher „It’s only Art if it’s well hung“ und „Six Foot One and worth the Climb“, ergänzt um zusätzliches Material. Auf 300 Seiten gibt es die volle Julie-Strain-Packung von hart bis zart, von Trash bis Kunst.

Kurz darauf erschien mit „A Nightmare on Pin Up Street“ ein zweites dickes Buch. Dieses enthält etwa zu einem Drittel Bilder von Julie und zeigt sonst vorwiegend Fotos, die Julie von ihren Model-Freundinnen geschossen hat. Somit ist das Teil eher was für Komplettisten.

Neben Penthouse und Heavy Metal war Julie über die Jahre in einer Unmenge anderer Magazine zu sehen. Hier eine kleine Auswahl von Covern und Anzeigen. Actionfiguren gab es auch.

Nach dem Buch Greatest Hits habe ich Julie dann langsam aus den Augen verloren. Die Filme, die immer billig waren, wurden noch billiger. Bis hin zur Unguckbarkeit. Statt B-Filme, sind dass dann auch mal Z-Filme gewesen. Beginnend mit Mitte der 2000er drehte sie deutlich weniger Filme und ihre Auftritte wurden seltener. Einige Jahre zuvor, als sie Guns of El Chupacabra drehte, wurde sie gefragt, wie lange sie das hohe Pensum noch durchhalte. Sie antwortete: „Ich gehe in Rente, wenn ich 40 bin. Ich hoffe, dass ich leise abtreten kann, aber ich bin Christin, daher muss ich das Gott überlassen […] Ja, die Nackt- und Liebesszenen gefallen Christen nicht, aber wer sind die, dass sie über mich urteilen? In meinem Buch Six Foot One and worth the Climb spreche ich das an. Ich nenne es Das Zeugnisgeben. Wenn ich nur eine Seele retten kann, die in den Himmel kommt, weil ich meine Titten gezeigt habe, dann habe ich meinen Job für Jesus getan. Titten für Jesus!! Das ist mein Motto („[I am] going to retire when I’m 40. I hope I can go quietly, but I am a Christian so I have given that worry to God […] Yes, the nudity and love scenes probably doesn’t sit right with Christians. But who are they to judge? I address Christianity in my book, Six Foot One and worth the Climb. It’s called The Witnessing. If I can save one soul – that’s one going to heaven because I showed my tits – then I have done my job for Jesus. Tits for Jesus!! That’s my motto.“).

Viel besser kann ich dieses Posting kaum ausklingen lassen, als mit diesen augenzwinkernden, fast schon prophetischen Worten. Rente mit 40 hat nicht ganz geklappt. Aber ein leiser Abtritt von der irdischen Bühne war es. Ein verdammt leiser. Ein Gegensatz zu dem lauten und grellen Rest ihres Lebens.

Auf Seite 2 dieses Postings präsentiere ich noch eine umfangreiche Galerie von Screenshots aus 30 Filmen, was gerade mal ungefähr ein Viertel von Julies gesamtem Spielfilm-Output ausmacht. Ich habe tatsächlich alle Filme durchgeschaut und eigenhändig Screenshots erstellt. Eine Heidenarbeit. Und der Hauptgrund, warum der Nachruf erst jetzt erscheint und nicht schon drei Wochen früher.

Hinweis: Die biografischen Informationen und Zitate stammen aus Julie Strain’s Greatest Hits sowie verschiedenen Ausgaben von Femme Fatales und Scream Queens Illustrated.

Die Kosten eines Künstlers für sein Modell im Jahr 1879

Ich habe schon seit langer Zeit ein großes Interesse an der Kunst von Félicien Rops, dem belgischen Symbolisten, der teuflischer Erotiker wie gesellschaftskritischer Provokateur war, der als wichtiges Bindeglied zwischen den Künstlern und Literaten des fin de siècle fungierte und nebenbei auch noch als genialer Handwerker die Radiertechnik verfeinerte. Seine Bilder findet man auf verschiedenen Seiten im Internet wie Wikipedia, numeriques.be oder zeno.org. Das Musée Félicien Rops in Namur zeigt seinen digitalisierten Bestand hier.

Unter ropslettres.be wird ein weiterer Schatz in Form von Rops‘ Briefen und Korrespondenz für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Zurzeit sind dort über 3500 seiner Briefe digitalisiert und transkribiert abrufbar, davon über 400, die Rops mit Illustrationen versehen hat. Wie es sich für ein solches Archiv gehört, lässt es sich im Volltext durchsuchen und nach Adressat, Orten, Themen, usw. filtern, so dass man schnell interessante Funde machen kann. Was schrieb Rops an Baudelaire? Was sagte er über Bismark? Oder Flauberts Madame Bovary? Wann war er in München und Berlin?

Félicien Rops im Selbstbildnis als Vielschreiber

Für den Anfang – mal schauen, ob ich hieraus eine Serie mache – habe ich einen Brief ausgesucht, den Rops an den Juristen und Autor Edmond Picard am 11. April 1879 schrieb. Picard war Rops-Fan und Besitzer einiger seiner Werke. Im Archiv finden sich alleine 60 Briefe adressiert an Picard.

Dieser Brief ist in vielfacher Hinsicht interessant. Er zeigt Rops‘ Abneigung gegenüber banaler, vervielfältigter Alltagsillustration in Magazinen, er zeugt von Rops‘ Prinzipien gegenüber seiner eigenen Kunst und von seinem Anspruch an seine Modelle; und wenn Rops augenzwinkernd erklärt, wie er die Kosten für seine Modelle im Hauptbuch verrechnete, wenn er denn ein Hauptbuch führen würde, offenbart der Brief auch Rops schelmischen Humor. Seine Preisliste erinnert an die berühmten Priceless-Memes von heute. Auch wenn Rops das alles hypothetisch verpackt, dürften diese Angaben sowie sein Werben um „außergewöhnliche Modelle“ nicht weit von der Realität entfernt gewesen sein.

Zu guter Letzt nennt der Brief auch noch zwei harte Fakten: Rops‘ Pariser Adresse, wo er zu dieser Zeit residierte und, was besonders interessant ist, für welchen Preis ein echter Rops den Besitzer wechselte.

Hier folgt der vierseitige Brief im Original und in meiner deutschen Übersetzung, nach bestem Wissen und Gewissen angefertigt unter Zuhilfenahme von DeepL, Google Translate und LEO.org. Zu jeder Seite habe ich noch ein paar erklärende Fußnoten angefügt.

Inhaltsverzeichnis

Brief
    Seite 1
        Fußnoten
    Seite 2
        Fußnoten
    Seite 3
        Fußnoten
    Seite 4
        Fußnoten


Seite 1


Paris 11 avril 1879

Cher Monsieur,

J’ai été tellement occupé de ces jours ci par « la Vie Moderne » que je n’ai pu répondre à votre bonne & affectueuse lettre. Charpentier qui n’est pas le vieil éditeur créateur & père nourricier du format Charpentier, mais son fils un jeune & intelligent garçon qui ne recule devant rien est de mes amis et était venu me prier de lui donner un fort coup de main pour le lancement « matériel » de son journal. J’ai refusé la direction artistique du susdit journal, détournant mes lèvres de ce calice d’amertume, quoi qu’on ait voulu dorer le calice & emmieller ses bords. Je connais trop le « genus irritabile vatum » des peintres pour ne pas en avoir une saine appréhension. Je veux bien collaborer à la Vie Moderne mais sans y faire « d’illustrations » dans le sens absolu du mot. Ils reproduiront mes dessins & tout sera dit. J’estime que le métier d’illustrateur de journaux est un triste métier et j’ai comme vous horreur de la banalité, & de la popularité même ! Je crois que l’art est une espèce de Druidisme & que le nez des sots n’a rien à s’y fourrer. Cela me vexe


Paris, 11. April 1879

Lieber Monsieur,

Ich war in diesen Tagen so sehr mit „La Vie Moderne“1 beschäftigt, dass ich Ihren freundlichen und herzlichen Brief nicht beantworten konnte. Charpentier, nicht der alte Herausgeber und Ziehvater des Format Charpentier2, sondern sein Sohn, ein junger und intelligenter Mann, der vor nichts zurückschreckt; er ist ein Freund von mir und er bat mich, ihm bei der Einführung seiner Zeitung kräftig unter die Arme zu greifen. Ich verweigerte mich der künstlerischen Ausrichtung der erwähnten Zeitung und wandte meine Lippen von diesem bitteren Kelch ab, obwohl wir den Kelch vergolden und seine Ränder schmücken wollten. Ich kenne den „genus irritabile vatum“3 der Maler zu gut, um nicht eine gesunde Scheu vor ihm zu haben. Ich bin bereit, an La Vie Moderne mitzuarbeiten, wenn auch ohne „Illustrationen“ im absoluten Sinn des Wortes anzufertigen. Sie werden meine Zeichnungen reproduzieren und damit ist alles gesagt.4 Ich denke, dass der Beruf des Zeitungsillustrators ein trauriger Beruf ist, und ich verabscheue, wie Sie, Banalität, und sogar Popularität! Ich glaube, dass Kunst eine Art Druidentum ist und dass die Nasen von Narren nichts damit zu tun haben. Es ärgert mich,

Originalbrief Seite 1
Radierung von Rops in La Vie Moderne, 2.10.1880

1 Rops verfolgte zusammen mit dem Journalisten Armand Gouzien bereits 1868 den Plan eine Zeitung in Paris herauszugeben, die er in seiner Korrespondenz unter verschiedenen Titeln erwähnte: La Vie Moderne, Rops-Magazine, Feuilles Volantes. Gründungen der Zeitung scheiterten jedoch 1871 und 1873 an einem Verbot. Die im Brief erwähnte La Vie Moderne wird schließlich 1879 von Georges Charpentier gegründet, an der Rops sich beteiligte. Charpentiers Verlag ging finanziell jedoch die Luft aus, so dass die Zeitung bereits 1883 wieder eingestellt wurde.

2 Der „alte Herausgeber“ bezieht sich auf den Vater von Georges, Gervais Charpentier, der mit dem sogenannten Format Charpentier, auch als Oktodez bezeichnet, ein neues Buchformat etablierte.

3 Genus irritabile vatum, Zitat aus Horaz‘ Episteln (II, 2, 102): „Das reizbare Geschlecht der Dichter“.

4 Rops meint hiermit, dass er keine Werke speziell für die Zeitung anfertigen wird. Stattdessen stellte er bereits vorhandene Bilder zur Verfügung (siehe links).

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Seite 2


de savoir que pour dix sous le premier imbécile venu peut acheter mon œuvre. Je pousse même la chose à un coté extrême. Je vais vous faire voir à quel point ces idées là sont passées chez moi en article de foi : J’ai envoyé la Pornocratie à Bruxelles pour la soustraire à un Monsieur très riche qui la voulait pour la mettre dans une collection de petites saletés qui fait sa gloire et o[ù] il y a bien pour 40 francs de bonne peinture si l’on ôte un très beau Tassairt, qu’il ne comprend pas d’ailleurs & qui n’est pas plus graveleux que mes nudités. – J’aurais eu honte de savoir cette vaillante grande fille nue prostituée par des regards bêtement lubriques, & lorsque le Monsieur m’a fait faire de nouvelles propositions, je lui ai répondu que le dessin était vendu & parti. – Il faut savoir placer ses enfants honnêtement.

Je suis très heureux que la Pornocratie vous ait plu. J’ai tâché de faire de « mon mieux ». – Si vous lui trouvez un amateur tant mieux, cela me fera plaisir, sinon je la garderai pour moi. Je ne veux pas de grands prix. – Pour vous, ou pour un ami qui soit de vos intimes, je laisserai ce dessin pour cinq cents francs. – Entre nous cela ne me coûte guère moins. Je n’emploie pas de modèles ordinaires & les créatures bizarres qui veulent bien – comme la mystérieuse Isis, – ôter leur robe princesse dans mon atelier tiennent plus aux égards qu’à l’argent, et rien ne coûte cher comme les égards ! – Si je tenais un mauvais « grand livre » de mes travaux j’inscrirais


zu wissen, dass der erste Dummkopf, der vorbeikommt, meine Arbeit für zehn Sous kaufen kann. Ich treibe es sogar bis zum Äußersten. Ich will Ihnen zeigen, wie viel mir dieser Glaubensgrundsatz bedeutet: ich schickte die Pornocratie1 nach Brüssel, um sie vor einem sehr reichen Monsieur in Sicherheit zu bringen, der sie in eine kleine schmutzige Sammlung stecken wollte, in deren Ruhm er sich sonnt und die gute Malerei für 40 Francs enthält, wenn man denn einen sehr schönen Tassairt2 entfernte, den er überdies nicht versteht und der nicht schlimmer ist als meine Nackten. Ich hätte mich für die törichten lüsternen Blicke auf diese tapfere große nackte Prostituierte geschämt, und als der Monsieur mir neue Angebote machte, antwortete ich ihm, dass das Bild verkauft und weg sei. Ehrlich gesagt, man muss wissen, wo man seinen Kindern einen Platz gibt.

Ich bin sehr froh, dass Ihnen die Pornocratie gefallen hat. Ich habe versucht, „mein Bestes“ zu geben. Wenn Sie einen Liebhaber für sie finden, würde mich das freuen, ansonsten behalte ich sie für mich. Ich will keinen hohen Preis. Ihnen, oder einem engen Freund von Ihnen, überlasse ich dieses Bild für fünfhundert Francs.3 Unter uns gesagt, es kostet mich nicht viel weniger. Ich benutze keine gewöhnlichen Modelle und die seltsamen Geschöpfe, die wie die geheimnisvolle Isis bereit sind, ihr Prinzessinnenkleid in meinem Studio auszuziehen, legen mehr Wert auf Aufmerksamkeit als auf Geld, und nichts ist so teuer wie Aufmerksamkeit! Führte ich ein übles „Hauptbuch“ meiner Arbeit, schrieb ich etwa hinein

Original-Brief Seite 2
Pornocratie, Gouache und Wasserfarben, 1878

1 Pornocratie (auch Pornokratès, La dame au cochon oder Die Dame mit dem Schwein) entstand 1878 und sorgte bei einer Ausstellung des Cercle des XX für einen Skandal. Picard kaufte das Bild und lobte Rops überschwänglich:

„Ach! vortrefflicher Freund, Sie müssen resignieren: für das vulgum pecus, unfähig, Ihre mächtige und grausame Kunst zu entwirren, sind Sie wahrscheinlich nichts weiter als ein Pornograph. (…) Wie können wir hoffen, dass die Menge jemals die komplizierte Kunst durchdringen wird, eine Mischung aus Realität und Vision, die Sie zu einem der größten Künstler dieses Jahrhunderts macht, ohne Vorgänger, gewiss, und wahrscheinlich ohne einen Nachfolger? (…) Diese grandiose Kunst, in der sich das weibliche Wesen, das unsere Zeit beherrscht und das sich so ungeheuer von seinen Vorfahren unterscheidet, in Formen manifestiert, die nur die scharfe Seele eines großen Künstlers zu erreichen vermag, entzieht sich dem gewöhnlichen Blick.“ (zitiert nach Camille Lemonnier, „Félicien Rops“, 1908, S. 16), Quelle.

2 Rops schreibt den Namen falsch. Gemeint ist Octave Tassaert.

3 500 Francs entsprachen ungefähr der Hälfte des durchschnittlichen Jahresverdiensts eines normalen Arbeiters in Paris. Vgl. Löhne und Lebenskosten in Westeuropa im 19. Jahrhundert.

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Seite 3


des choses comme celles-ci :

15 mars : Esquissé la Tête de Mlle Rose Partout propriétaire, – mineure, émancipée, jouissant de son capital, qui veut bien complaisamment me prêter sa beauté pendant huit Jours

– Soupé chez Brébant – 46 frs 60

16 mars – Modelé la poitrine de la

susdite du 15. – 00,00

Été à Bougival – 25,30.

17 mars Indiqué les muscles lombaires

de la susdite. – 00,00.

Offert à la susdite une baignoire pour la première du Bas de laine au Palais Royal – 28 frs

Glaces, gateaux, oranges glacées petit banc, journaux, location de lorgnette ! – 11 fr 50

– Atteinte à ma Considération en me montrant aux yeux étonnés de M Mmes Zola et Alphonse Daudet, seul dans une baignoire avec une jeune dame qui porte des chapeaux Zoulous, et suce en trois heures soixante quartiers d’oranges glacées ! –

– 00,00.

Avoir excité l’admiration & l’envie de Gaston Bérardi : – 00,00.

Dépense d’esprit – 00,00.

Coupé de retour de la Compagnie « l’Urbaine » – 5,00

. . . . . . . . . . . . . .

Et ainsi de suite jusqu’à achèvement de la Pornocratie !! – Voilà mon procédé, & si tous les peintres faisaient cela, on ne verrait pas vingt fois dans les tableaux


Dinge wie diese:

15. März: Den Kopf von Mademoiselle Rose Partout skizziert – Eigentümerin1, minorenn, emanzipiert, ihr Kapital genießend, die bereit ist, mich acht Tage lang mit ihrer Schönheit zu verwöhnen

Suppe bei Brébant2 – 46 Fr 60

16. März: Der Brust der Obengenannten Gestalt gegeben – 00,00

Sommer in Bougival3 – 25,30

17. März: Lumbale Muskeln der Obengenannten angedeutet – 00,00

Der Obengenannten eine Loge für die Premiere des Bas de laine im Palais Royal angeboten – 28,00

Eis, Kuchen, glasierte Orangen, Fußbank, Zeitungen, Opernglas geliehen! – 11,50

Erlittener Schaden meines Ansehens, als ich mich den erstaunten Augen von Madame und Monsier Zola und Alphonse Daudet zeigte, allein in einer Loge mit einer jungen Dame, die Zulu-Hüte4 trägt und sechzig glasierte Orangenviertel in drei Stunden lutschte! – 00,00

Die Bewunderung und den Neid von Gaston Bérardi erregt zu haben – 00,00

Kosten für Geist und Witz – 00,00

Rückfahrt mit Kutsche der Firma „l’Urbaine“5 – 5,00

. . . . . . . . . . . . .

Und so weiter. Bis die Pornocratie vollendet ist! Das ist mein Prozess, und wenn alle Maler das täten, würde man nicht zwanzigmal auf den Bildern

Originalbrief Seite 3
Taxi von l’Urbaine, 1912 (Quelle)

1 Mit propriétaire will Rops wohl ausdrücken, dass sie nicht wohnungslos ist, denn es war nicht unüblich, auch Mädchen von der Straße als Modell zu bezahlen. Ich habe das wörtlich als „Eigentümerin“ übersetzt, auch wenn Rops sie gleichzeitig als minderjährig bezeichnet. Dafür habe ich das schöne alte Wort „minorenn“ ausgegraben.

2 Aus anderen Briefen ist ersichtlich, dass es sich um das Restaurant Le Brébant am Boulevard Poissonnière handelt, das Paul Brébant 1865 eröffnete und das heute immer noch an gleicher Stelle steht. Zu Rops Zeiten wurden dort literarische Dinner veranstaltet, wo sich Künstler, Schriftsteller und Politiker trafen.

3 Bougival, westlich von Paris, war ein beliebter Ausflugsort für Rops und andere Künstler, vor allem die Impressionisten.

4 Um welche Hutart es sich hierbei handelt, konnte ich nicht feststellen. Ich nehme an, dass es sich um einen Hut mit weiter Krempe handelte, wie er zu dieser Zeit langsam in Mode kam.

5 Die Compagnie Parisienne de Voitures l’Urbaine wurde 1872 von Gustave Camille gegründet und entwickelte sich schnell zum beliebtesten Taxiunternehmen in Paris. 1880 besaß die Firma über 1000 Kutschen und 2000 Pferde. Mit 5 Francs war diese Kutschfahrt deutlich teurer als der Tageslohn eines durchschnittlichen Arbeiters, der etwa bei 3,40 Francs lag.

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Seite 4


de Stevens, quarante fois dans ceux de Vibert, onze fois dans les Toulmouche le portrait de Mlle Daniel, une rousse « que l’on connaît » & qui depuis l’âge heureux de quatorze ans réjouit ses contemporains à forfait. – J’ai horreur de cela, & de ces abreuvoirs o[ù] vont les chiens errants de Musset ! – Seulement je vous assure qu’il faut avoir du courage, une bonne santé, « le sentiment de sa force & de sa vertu » et sa conscience pour soi !! On ne sait pas ce que c’est que que de passer trois heures avec une demoiselle qui rit comme un ara dès que Montbart arrive en scène ! – Et dire que la grande Vénus était comme cela !! Et qu’Elle aussi dirait : le « passage Soijeul » et la rue Rochoir !! et mangerait encore plus d’oranges glacées !

Merci encore une fois de votre approbation amicale. Cela soutient et cela fait plaisir. Ne m’oubliez pas quand vous viendrez à Paris et prenez mon adresse d’avance : 13 Rue Labie porte Maillot. Ne craignez rien je ne vulgariserai pas les volets & cela ne se vulgarisera pas, – le « bourgeois » le vieux Philistin, n’aime pas cela, le coté mystique des volets le fait penser à la Mort. – Les tryptiques nous seront réservés. Je voudrais faire deux grisailles – très longues, en hauteur pour les volets de la Pornocratie. – C’est vrai, le satin est un peu fille, et il vaut mieux lui préférer le bois, mais pour des petits dessins c’est ravissant. –

À Vous d’amitié & à bientôt
Félicien Rops


von Stevens, vierzigmal auf den Bildern von Vibert, elfmal auf den Bildern von Toulmouche, das Porträt von Mademoiselle Daniel sehen, eine Rothaarige, „die wir kennen“ und die seit dem glücklichen Alter von vierzehn Jahren ihre Zeitgenossen auf Vertragsbasis erfreut. Ich hasse das; und diese Tränken, wo Mussets streunende Hunde hingehen!1 Nur versichere ich Ihnen, dass man Mut, gute Gesundheit, „das Gefühl seiner Kraft und Tugend“ und sein Gewissen haben muss! Man weiß nicht, wie es ist, drei Stunden mit einer jungen Dame zu verbringen, die wie ein Ara lacht, sobald Montbart2 auftaucht! Und zu denken, dass die große Venus so war! Und dass auch sie sagen würde: die „passage Soijeul“ und die rue Rochoir!!3 Und noch mehr glasierte Orangen essen würde!

Nochmals vielen Dank für Ihre freundliche Zustimmung. Es unterstützt und erfreut. Vergessen Sie mich nicht, wenn Sie nach Paris kommen und notieren Sie sich vorher meine Adresse: 13 Rue Labie porte Maillot.4 Keine Sorge, ich werde die Klappläden nicht vulgarisieren. Es wird nicht vulgarisiert, der „bourgeoise“ alte Philister mag das nicht.5 Die mystische Seite der Läden lässt ihn an den Tod denken. Die Tryptichen werden für uns reserviert sein. Ich möchte zwei Grisaillen machen – sehr lang, in der Höhe der Läden für die Pornocratie. Es stimmt, Satin ist ein bisschen mädchenhaft; es ist besser, Holz zu bevorzugen, aber für kleine Zeichnungen ist Satin schön.

In Freundschaft und bis bald
Félicien Rops

Originalbrief Seite 4

1 „Ce sont les chiens errants qui vont à l’abreuvoir.“ Es sind die streunenden Hunde, die zur Tränke gehen. Zitat aus La Coupe et les Lèvres von Alfred de Musset. Das Zitat wird hin und wieder als Analogie auf die Alkoholsucht gesehen, da Musset selbst ein Trinker war. Allerdings sind die streunenden Hunde im Gedicht tatsächlich die ruh- und rastlosen Herren, die sich auf ungesunde Art in die makellosen Jungfrauen verlieben.

2 Rops meint wahrscheinlich den Karikaturisten und Illustrator George Montbard.

3 Hier macht sich Rops über ungebildete Damen lustig, die die Passage de Choiseul als „passage Soijeul“ und die Rue de Rochechouart als „Rue Rochoir“ aussprechen.

4 An der Adresse 13 Rue Labie steht heute ein Gebäude, das erst 1926 gebaut wurde. Diese Nummer 13 war also vermutlich nicht die Nummer 13 im Jahr 1879. Die Rue Labie ist allerdings relativ kurz und die Karte vermittelt daher zumindest eine ungefähre Lage.

5 Der gesamte letzte Abschnitt bezieht sich auf Rops vorherigen Brief und Picards Antwort auf diesen, die mir nicht vorliegt. Rops experimentiert mit Klappläden und Satin-Vorhängen vor seinen Bildern. Seine skandalumwitterten Bilder wurden öffentlich oft nur auf diese Weise verdeckt ausgestellt. Offenbar, das schließe ich aus Rops Antwort, empfahl Picard ihm, die Klappläden nicht zu vulgarisieren, also nicht anbiedernd an das gemeine Volk zu gestalten. Aber Anbiederei und Popularität lehnte Rops ja ohnehin ab.

↑ Inhaltsverzeichnis ↑

Die Europa-Chronik

Bei dem großartigen kostenlosen Hörspielmagazin Playtaste hat sich schon länger nichts mehr getan. Aus gutem Grund. Die zwei Hauptverantwortlichen, Frank Boldewin und Wolfram Damerius, haben ein Buch über das legendäre Hörspiel-Label Europa geschrieben und waren damit in den letzten Jahren verständlicherweise ausgelastet.

Ein dicker, informativer und unterhaltsamer Schmöcker ist es geworden, in gewohnter Playtaste-Qualität. Das Buch dokumentiert die gesamte Firmengeschichte von den Anfängen in den 1950er Jahren bis heute. Bei der Menge an Material, das die Autoren aus den Archiven von Label und Sammlern zusammengetragen haben, kann einem schon schwindlich werden. Das Buch ist vollgepackt mit Covern, Flyern, Werbematerial, Manuskripten, seltenen Fotos, Zeitungsausschnitten und anderem mehr. Darüber hinaus findet man Informationen und Anekdoten zu und von allen wichtigen Personen und Sprechern. Sogar die Cover-Künstler werden nicht außen vor gelassen.

Das Buch ist eine hübsch nostalgische Fundgrube. Selbst die, die in ihrer Kindheit die Europa-Hörspiele rauf und runter gehört haben, dürften hier noch vieles Ungesehene und Ungehörte entdecken. Das Buch verbildlicht, welchen immensen Output das Label Europa über die Jahrzehnte hatte. Man sollte sich allerdings darüber im Klaren sein, dass das Buch als Firmenchronik angelegt ist. Inhaltliches und Kritisches zu den Hörspielen findet man kaum.

Wenn ich müsste, könnte ich als Nörgelheini zwei Kritikpunkte anbringen.

  1. Das seltsame Querformat. Ist unpraktisch und unnötig. Das Format hat hier keinen Vorteil und bewirkt nur, dass man das Buch immer irgendwo auflegen muss und es nicht freihändig durchblättern kann.
  2. Das Buch fängt im Jahre 1956 an und endet 400 Seiten später im Jahre 2020 ohne eine einzige strukturelle Trennung. Es gibt weder Kapitel noch Inhaltsverzeichnis. Und leider auch keinen Index. Damit wird das Konzept einer Chronik für meinen Geschmack etwas zu radikal umgesetzt und das Buch ist so eher Durchblätterbuch als Nachschlagewerk, da man Hörspiele, Personen, Themen nicht gezielt finden kann.

Nun denn, das ist das Konzept, für das sich die Autoren entschieden haben und dieses ist zu respektieren. Es ändert letztlich auch nichts an der Qualität des Inhalts. Der Vorbestellerpreis von 24,95€ war ein Schnäppchen. Die nun geforderten 34,95€ sind immer noch sehr fair. Für Hörspielfans, insbesondere für die Nostalgiker, kann ich nur eine Empfehlung aussprechen.

Interessenten sollten sich allerdings ranhalten. Das Buch war ursprünglich exklusiv bei pop.de erhältlich, war dort allerdings schon nach kurzer Zeit nicht mehr lieferbar. Dann erschien Mitte Dezember eine zweite Auflage, aber zurzeit wird das Buch bei pop.de schon wieder als „nicht auf Lager“ gelistet. Bei amazon.de gibt es noch Exemplare für 39,95€ und bei eBay liegt der Preis schon jenseits der 50€. Das Buch dürfte also wohl trotz zweiter Auflage bald ein gesuchtes Sammlerstück sein.

Hörspiel-Autor Ivar Leon Menger hat auf seinem Youtube-Kanal ein Interview mit den beiden Autoren zur Entstehung der Europa-Chronik geführt, das man sich auch gerne mal geben kann.

Kraftfuttermischwerk – Es macht auch wirklich keiner mit!

Nach über zehn Jahren Pause hat das Kraftfuttermischwerk ein neues Album veröffentlicht. Damit lässt sich das neue Jahr entspannt angehen. Sehr schöne Sache und löblicherweise auch unter eine Creative-Commons-Lizenz gestellt. Hören und downloaden kann man das Werk auf Bandcamp. Vinyl gab es auch, war aber ruckzuck ausverkauft. Weitere Informationen findet man im Kraftfuttermischwerk-Blog.

Fast ohne Kosten und Mühen wurde noch ein herrlich lümmeliges Video zum Titeltrack auf den digitalen Speicher gebannt. Ich weiß auch gar nicht, warum wirklich keiner mitmacht. Also, ich mach mit.

Von Haubenlerchen und Rennbienen

Unter dem Pseudonym Rico Remberg schrieb der Journalist Dieter Korp den 450-Seiten-Klopper Sex auf Rädern, der 1970 im PPS-Verlag erschien. Korp arbeitete für die Magazine auto motor und sport und Motor Revue und fungierte bis zu seinem Tod im Jahr 2015 als Hauptautor der erfolgreichen Autoreparatur-Bücherreihe Jetzt helfe ich mir selbst, die seit 1962 kontinuierlich erscheint. Was ihn zu dem reißerischen Sexploitation-Werk Sex auf Rädern brachte, ist mir unbekannt. Aber die Sexwelle der 70er Jahre erfasste ja so manchen seriösen Schreiber.

Der Klappentext macht klar, wo die Ausfahrt hingeht:

Das Auto fördert den Sex. Es erregt durch Vibration, Geräusch und Styling. Es macht Schwache schwächer und Scharfe schärfer. Es verführt und schafft neue Gelegenheiten. Es verlagert das Bett auf die Straße. Dieses Buch – eine völlig neue und alarmierende Dokumentation – stützt sich ausschließlich auf Tatsachen.

Nichts weniger als eine alarmierende Dokumentation wird versprochen. Alarmierend finde ich es ja immer, wenn man mir eine Dokumentation verkaufen will und extra darauf hinweist, dass sie sich ausschließlich auf Tatsachen stützt. Ist das nicht der Sinn einer jeden Dokumentation?

Aus heutiger Sicht überwiegt bei diesem Buch der Cringe-Faktor. Aber wenn man Spaß an den trashigen Zotigkeiten der 70er Jahre hat und sich für die alten Autos interessiert, kommt man hier durchaus auf seine Kosten. Der Anspruch einer Dokumentation geht dem backsteindicken Buch zwischen pseudointellektuellen Bonmots und küchenpsychologischen Weisheiten allerdings recht schnell verloren. Erwartbar werden hier naheliegende Begriffe wie Kolbenhub und Schaltknüppel zur sexuellen Analogie und der Autor wittert hinter jeder Motorvibration und jedem Auspuffknall ein verstecktes Stimulans. Das Auto, des Deutschen liebstes Kind, in Wahrheit also ein einziges Objekt der Verführung und des Lasters.

Mir ist das Buch beim Kauf einer gemischten Bücherkiste in die Hände gefallen. Als ich erkannte, dass in Sammlerkreisen dafür irrwitzige 40 bis 80€ gezahlt werden, habe ich das Buch schnell bei eBay eingestellt. Aber nicht ohne vorher zumindest noch das Bildmaterial einzuscannen. Der Autor hat einige herrliche und herrlich fragwürdige Bilder aus den Archiven zusammengetragen, darunter unveröffentlichtes Werbematerial, das den Autofirmen wohl selbst zu peinlich war. Dazu vermitteln die Bildunterschriften einen guten Eindruck von Duktus und Narrativ des Buchs – als wenn der Klappentext nicht schon genug wäre. Für das Folgende gilt: anschnallen!

Wortspiel Galore

Auch wenns manchmal wehtut, ohne Wortspiele kommt das Buch nicht aus. Sie ziehen sich durch den ganzen Text. Hier geht es los mit „Straßenranderscheinung“ und „Begleit-Erscheinung„. Die These lautet, dass bereits die Enge des Autos die Insassen in erotische Stimmung versetzt. Gemütliche Liegesitze, die früher in der Tat ein populäres Feature waren, tun ihr Übriges. Da ist natürlich auch noch der Vorteil der Mobilität. Gehen wir zu dir oder zu mir? Weder noch!

Science, bitch!

Hier wirds mal kurz wissenschaftlich. Angeblich führte der Reifenhersteller Uniroyal Englebert (wurde 1979 von Continental übernommen) eine Studie durch, die bei den sowohl männlichen wie weiblichen Teilnehmern eine sexuelle Stimulation durch das Autofahren nachwies. Zu der Studie konnte ich leider nichts finden. Aber Uniroyal Englebert scheint damals zu allem möglichen Quatsch Studien in Auftrag gegeben zu haben, daher ist das durchaus glaubhaft. Wie „wissenschaftlich-medizinisch“ die Studie tatsächlich war, bleibt aber fraglich. Die Testpilotin im Bild sieht jedenfalls wenig erregt aus. Im unteren Bild sieht man noch den „hochwirksamen Vibrator“, der in Autos steckt; die Kurbelwelle, das geile Stück blankpolierter Edelstahl.

Gut ausgestattet

Die bereits erwähnten Liegesitze werden hier nochmals gesondert herausgestellt. Zu sehen sind hier Interiors von Renault 16, Simca 1100, Peugeot 504, NSU Ro 80, von dem weiter unten bei der Werbung noch mehr kommt, und Alfa Romeo Giulia Super. Beim Simca 1100 kann man auch „durch die Heckklappe ins Schlafzimmer steigen“. Der NSU erlaubt es hingegen, dass man „seine Fee wie Skier von hinten durch den Kofferraum schieben kann“. Mit Fee meint diese schmeichelnde Analogie natürlich die Angebetete des Fahrzeugbesitzers. Ihr Lächeln auf dem Foto ist auch eindeutiger Beweis, dass sie gar nichts dagegen hat, dass man sie wie Skier von hinten durch den Kofferraum schiebt.

Die Bilder stammen von Paul Botzenhardt, der laut Wikipedia einer der bekanntesten Auto-Fotografen des 20. Jahrhunderts war. Neben Autos fotografierte er auch gerne Frauen und Krieg.

Vavavoom. Endlich nackte Tatsachen. Zu meiner Überraschung war auch 1970 die Sicherheit beim Autofahren schon ein Thema. Rico Remberg fabuliert etwas mysteriös, dass der Gurt neben der engen Bindung zum Auto auch noch mehr gestattet. Ja, was denn? Ach so, da steht ja „Keuschheitsgürtel“, hohoho. Ernster geht es rechts auf dem Bild zu. Hosenträgergurte mit Nerzfell kosten immerhin 900 Mark, was damals fast einem durchschnittlichen Monatslohn entsprach.

Phalli und Vaginen

Dieses Buch kann natürlich unmöglich ohne Phallus- und Vagina-Symbolik auskommen. Schaltknüppel, Kühlergrill, Karosserie, alles erinnert an Geschlechtsteile und Körperformen. Während der Autor des Buchs hier noch erfreut darüber ist, dass der Schaltknüppel immer sportlicher und kräftiger wird, ist der Schalthebel heute wohl eher ein Auslaufmodell. Mittlerweile fährt fast die Hälfte aller Autos mit Automatikgetriebe. Die besitzen zwar auch einen Wählhebel, aber an dem wird gewöhnlich nicht so viel rumgerührt wie bei manuellen Schaltgetrieben. Bei zunehmender E-Mobilität wird der Schalthebel über kurz oder lang wohl gänzlich verschwinden.

Gerücht: Dass der Schalthebel ein echter Phallus ist, kann angeblich durch Videos auf pornhub.com nachgewiesen werden. Hat mir mal jemand erzählt, der jemanden kennt, der da schon mal was gesehen haben will.

Links unten wird über den vaginalen Kühlergrill des Ford Edsel berichtet. Tatsächlich fühlten sich wohl einige Zeitgenossen hierbei an das weibliche Geschlechtsteil erinnert. Aber das Buch suggeriert, dass die Produktion aus diesem Grund eingestellt werden musste. Laut Wikipedia war der Wagen allerdings hauptsächlich wegen des hohen Preises und der vielen technischen Mängel ein Misserfolg. Links oben ist noch der „aufpulvernde, hart gefederte und äußerst aggressiv wirkende“ BMW 507 zu sehen. Habe ich nichts gegen einzuwenden. War ein schönes Auto. Und „aufpulvern“ schreibe ich mir ins Wörterbuch.

Im rechten Bild werden die Vergleiche etwas bemühter. Dass die Karosserien von Corvette Stingray und Opel GT irgendwie etwas Weibliches haben, wegen geschwungener Form und so, na ja. Aber wenn mein Penis nach Ford Mustang oder Ford Capri aussähe, würde ich zum Arzt gehen.

Feuerstühle und Kinofilme

Das Buch heißt Sex auf Rädern und nicht Sex im Auto. Daher ergibt es Sinn, dass der Autor auch dem Motorrad ein Kapitel widmet. Links eine Anzeige für die BSA Rocket 3 (von der ich noch eine höher aufgelöste Farbversion gefunden habe) und das Buch-Cover zu Das Motorrad von André Pieyre de Mandiargues, hier ohne Titelnennung nur lapidar als „Schutzumschlag eines Buches“ bezeichnet. Die Verfilmung mit Alain Delon und Marianne Faithfull, in Deutschland als Nackt unter Leder bekannt, sorgte für einigen Wirbel. Der Film kam aber erst 1969 ins deutsche Kino, was vermutlich der Grund ist, warum man dazu nichts im Buch findet. Der Film hätte thematisch vortrefflich gepasst. Hier der englische Trailer:

Auf der rechten Seite kommt immerhin Brigitte Bardot zum Zuge. „Was sie empfindet, flötet sie auf einer Schallplatte: Wenn ich auf dem Sattel sitze, steigt mir beim Rattern der Maschine Lust in die Lenden.“. Stimmt, dichtete Serge Gainsbourg und ließ Brigitte auf die Harley steigen. Zu dem Song gibt es auch ein schönes Video für das Scopitone.

Es finden neben dem unvermeidlichen Autokino („Leinwandfreuden und legitimierte erotische Bastelstunden“, häh?) noch ein paar kuriose und obskure Filme Erwähnung, die nichts mit Autos zu tun haben, außer dass in irgendeiner Szene mal eines auftaucht.

Links unten ein Bild aus Spielst Du mit schrägen Vögeln, in dem Margarethe von Trotta einen frühen Auftritt hat. Mitte oben ein Bild aus Die goldene Pille, ein Aufklärungsfilm von 1968, der momentan verschollen ist. Ich kenne auch niemanden, der den schon mal gesehen hat. Mitte unten ein Film, den ich nicht zuordnen kann. Laut Bildunterschrift hielt eine versteckte Kamera die Szene für den Film „Feigenblatt“ fest.

Bei der Recherche bin ich noch auf den Film Die Auto-Nummer – Sex auf Rädern von 1972 gestoßen, der zwar ein ähnliches Thema bearbeitet, mit dem Buch aber offenkundig keine direkte Verbindung hat. Alleine wegen Rolf Eden als Motorradpfarrer sollte man sich diesen Film vielleicht mal auf die Watchlist setzen.

Ausgezogen bis aufs Hemd und darüber hinaus – Die Werbung

Wie schon angemerkt, hat der Autor eine ganze Reihe von Werbefotos gesammelt, die vorher unveröffentlicht waren und in vielen Fällen wohl auch nirgends sonst mehr auftauchten. Ein Kommentar zu einzelnen Bildern erübrigt sich. Es ist immer das gleiche Prinzip. Mehr oder weniger bekleidete Frauen räkeln sich auf, an oder um Autos herum und Rico Remberg gibt mehr oder weniger schlüpfrige Anmerkungen zum Besten, die sich ohne ein Gefühl des Fremdschämens kaum lesen lassen. Seine besten Wortschöpfungen beinhalten: Stern-Stunden (wegen Mercedes), Schlängelkurven, Zündwilligkeit, Hemdenmatz, Wohlstandshügel, Zuchtperlen (aua), Haubenlerchen (also, das ist lustig), Puppenfänger (klingt eher nach Serienkiller) und Ehestandslokomotive.

Wem es bisher für ein solches Buch nicht sexistisch genug zuging, der darf sich nun hier durchklicken.

Neben Ford Capri gibt es hier nochmal den NSU Ro 80 zu sehen sowie den lustigen Citroën Ami 6, den Porsche 914, den VW Käfer und noch irgendwas von Ford und Opel. Dies sei nur noch der Vollständigkeit halber erwähnt. Und nun: auf zu den Profis.

Rennsport

Links: „Rennbienen, die nicht nur Honig lecken“ und eine „Mitarbeiterin, die Leistungskurven demonstriert“. Außerdem ist als seltene Ausnahme eine Beifahrerin in einem Renngespann zu sehen. Oben auf der rechten Seite versucht Rennfahrer Jack Brabham der blonden Dame ausschließlich in die Augen zu schauen. Ich bin mir sicher, die Dame auch schon mal irgendwo gesehen zu haben, komme aber nicht dahinter, um wen es sich handelt. Unbekannt ist auch der Fahrer auf dem rechten unteren Bild, der von zwei „Rennmiezen“ oben ohne beglückwünscht wird.

Kurze Röcke und Lustgeräusche. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen.

Hier die wahrscheinlich schönsten und ehrlichsten Worte, die im gesamten Buch zu lesen sind.

Der Mensch ist hinter Rennhelm, Gasmaske und feuersicherem Anzug verschwunden. Es wurde ein herrliches Ungeheuer geboren, das den genießenden Zuschauer so wohlig darüber im Zweifel lässt, ob er pervers oder irre ist oder nur spinnt.

Vielleicht könnte man Ähnliches auch über den Leser dieses Buchs sagen. Wobei ich mir nicht ganz sicher bin, worin der Unterschied zwischen irre sein und spinnen liegt.

Mobiles Horizontalgewerbe

Als Rausschmeißer tischt Rico Remberg ein armseliges Kapitel über Prostitution auf. Wortspielerisch wird es auch langsam dünn. Links im Bild ist doch tatsächlich die Rede von „Auto-Strichinen“. Außerdem scheint mir der eigene Mercedes als ersehntes Ziel der Prostituierten zu sehr vom Fall Rosemarie Nitribitt inspiriert zu sein, als dass man daraus eine Allgemeinbehauptung machen könnte. Auf dem rechten Bild lernt der Leser noch, dass „das Geschäft der Pimperliesen im Auto abseits der Straße abgewickelt wird. Im Sommer im Gras“.

Das wars dann auch. Genug Asphalt-Poesie. Abgesehen von schlechten Kalauern gab es immerhin auch ein paar schöne Fotos von alten Autos. Ob das Buch damals ein Verkaufsschlager war, kann ich nicht mehr nachprüfen. Ich bezweifel es. In der Zeit Nr. 14 von 1970 erschien eine Rezension (zugänglich nach Registrierung), die fast schon zu wohlwollend klingt. Der Rezensent stört sich an der mangelnden Wissenschaftlichkeit, attestiert dem Buch „flott geschrieben [zu sein], oft feuilletonistisch geschliffen, aber auch allzu stark gemixt mit jenem Jargon, den flotte Werbetexter oder Kolportage-Reporter vorrätig haben“. Allzuoft verließe Remberg die Position des Chronisten und werde zum schnoddrigen Plauderer, so der Rezensent weiter. Außerdem: „Autofahrer werden offenbar mit kühlem Kalkül manipuliert. Um des Busineß willen zielen Produzenten und Verkäufer mit unterschwelligen Tricks salvenweise unter die Gürtellinie von Herrn oder Frau Jedermann“. Sieh mal an. In dieser Hinsicht hat sich in den letzten 50 Jahren kaum etwas geändert. Zwar ist die Werbung nicht mehr so plakativ sexualisiert, aber unterschwellige Tricks, die gibt es immer noch zur Genüge.