Die Filme meiner Kindheit

Einer der Podcasts, die ich regelmäßig höre, ist Nerdtalk. Der beschäftigt sich in erster Linie mit Filmen, manchmal mit Serien und hin und wieder auch mit ganz anderen Dingen. Jedenfalls ist der stets erfrischend und sehr kompetent. Ein neues Format dort, ist die allseits beliebte Top-5-Liste. Der erste Top-5-Podcast dreht sich um die fünf kindheitsprägenden Filme, was impliziert, dass es sich nicht zwangsläufig um Filme für Kinder handeln muss. Und tatsächlich sind die meisten dort erwähnten Filme keine echten Kinderfilme. Inspiriert vom Nerdtalk habe ich daher mal scharf nachgedacht, welche Filme mich in der Kindheit nachträglich beeinflusst haben.

Top-Listen auf nur fünf Einträge zu beschränken, fällt mir unheimlich schwer. Ich habe mir daher die Freiheit genommen, die Liste durch ein paar Zusätze zu ergänzen. Das läuft zwar dem Listenformat entgegen, denn eigentlich will man mit solchen Listen ja einen Sachverhalt auf das Wesentliche reduzieren, aber ich bringe es nicht übers Herz, so viele Filme unerwähnt zu lassen.

Mein erster Kinofilm war der Disney-Klassiker Cap und Capper (The Fox and the Hound). Da war ich fünfeinhalb Jahre alt und zumindest hat mich die Kinoerfahrung als solche beeindruckt. Den Film selbst fand ich wohl so spannend, wie ein Fünfjähriger den nun mal finden kann, aber nachhaltig geprägt hat er mich nicht. Jedenfalls bin ich nie ein großer Disney-Fan geworden, was ja auch Einiges aussagt.

Die Top 5

Nach reiflicher Überlegung komme ich auf diese Filme, die meine Kindheit auf besondere Weise geprägt haben. Gelistet in chronologischer Reihenfolge meiner Entdeckung.

Die unendliche Geschichte (The Neverending  Story)

unendliche-geschichte
Atreyu (Noah Hathaway) und Glücksdrache Fuchur. © Constantin Film

Ich meine mich zu erinnern, dass wir diesen Film mit der Schulklasse im Kino gesehen haben, aber vielleicht spielt mir meine Erinnerung auch einen Streich. Ich habe den Film auf jeden Fall später als VHS-Kassette geschenkt bekommen und so unzählige Male gesehen. Ein Fantasy-Epos mit einem Jungen als Helden. Der Glücksdrache Fuchur, die gigantische Schildkröte Morla, die kindliche Kaiserin, es war ein fantastisches Abenteuer, dem man als Kind einfach nicht widerstehen konnte. Selbst die Erwachsenen waren begeistert. Das war für mich der erste Film, der eine realistische Fantasy-Welt darstellte und mir damit tatsächlich ein Stück weit die Augen öffnete. Ein Film zum Staunen und Wundern.

 

Herrscher der Zeit (Les maîtres du temps)

herrscher-der-zeit
Piel im Angesicht einer der zahlreichen Gefahren des Planeten. © TF1, WDR, SWF, SRR, BBC

Dieses Meisterwerk der Animationskunst lief am 31.12.1984 im Nachmittagsprogramm der ARD. Sowas hatte ich noch nicht gesehen. Ein Trickfilm, der aufgrund seiner Thematik und Darstellungsweise auf mich so wirkte, als wäre er nicht für Kinder gemacht. Gleichzeitig war es mein erster Kontakt mit dem Surrealismus, ohne dass ich dieses Wort damals gekannt hätte. Aber mir war klar, dass hier etwas Einzigartiges, Abstraktes gezeigt wird, dass hier eine Welt gezeigt wird, die noch viel seltsamer ist, als die Welt in Die unendliche Geschichte. Gleichzeitig besaß der Film auch etwas Unfassbares und eine verstörende Atmosphäre. Der Film hatte mich tatsächlich tief bewegt – und ratlos zurückgelassen.

 

Leben und sterben lassen (Live and let die)

live-and-let-die
Bond auf dem Friedhof inmitten einer Voodoo-Zeremonie. © MGM

James Bond war eine besondere Sache für mich. Nicht nur liefen in den 80er Jahren die Bond-Filme regelmäßig im Fernsehen, auch war mein Vater ein Fan und hatte stets alle neuen Filme auf VHS. Das war eine Zeit, als Videothekare im Hinterzimmer der Videothek für einen kleinen Obolus Kopien der Filme anfertigten und sich niemand daran störte. Ich weiß leider nicht mehr, welcher Film mein erster Bond war, besonders beeindruckt hat mich allerdings Leben und sterben lassen. Der Film war wie eine Achterbahnfahrt und bot alles: Spannung, Action mit atemberaubenden Stunts, morbide Voodoo-Szenen, Humor und mysteriöse Dinge, die ich damals nicht verstand, wie der Fakt, dass die Kartenleserin Solitaire – gespielt von Jane Seymour – ihre seherischen Fähigkeiten verliert, nachdem sie mit Bond im Bett war. Der augenzwinkernde Roger Moore, der hier erstmals James Bond verkörperte, war mir besonders sympathisch. Und dann die Bösewichte: Mr. Big, den eine Explosion jäh in Stücke reißt und sein Handlanger Tee Hee mit dem mechanischen Arm, der ihm am Ende abgerissen wird. Rückblickend war Leben und sterben lassen nicht gerade der beste Bond-Film, aber er hat bei mir einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Was ich mittlerweile vom James-Bond-Franchise halte, habe ich hier ausführlich beschrieben.

 

Der Fluch von Siniestro (The Curse of the Werewolf)

curse-of-the-werewolf
Oliver Reed als Werwolf. © Hammer Films

Mein erster Horrorfilm, den ich im Alter von 7 oder 8 bei meiner Oma gesehen habe. Meine Eltern hätten das natürlich nie erlaubt, was mir bewusst war und dem Ganzen noch einen zusätzlichen Reiz gab. Der Film hat mich fasziniert und gleichzeitig enorm verstört. Oliver Reed als Werwolf! Obwohl ich danach wochenlang schlecht bis gar nicht geschlafen habe, hat der Film ein frühes Interesse am Horror in mir geweckt. Aufgrund von elterlichem Verbot und mangels Zugang zu Filmen – die Kindheit in den 80er Jahren war dürftig, wir hatten ja nichts – habe ich mich über Jahre mit Gespenster-Comics über Wasser gehalten. In meiner Jugend habe ich den Film dann wieder entdeckt und mich daraufhin intensiv mit den Produktionen der Hammer Film-Studios beschäftigt und ein reges Interesse an klassischem Horror und Horror allgemein entwickelt.

 

Die Zeitmaschine (The Time Machine)

Mein erster richtiger Science-Fiction-Film und mein erster Zeitreisefilm, sieht man mal von Herrscher der Zeit ab. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich den Zeitreiseaspekt in Herrscher der Zeit damals nicht verstanden hatte. Dem Film Die Zeitmaschine konnte ich dagegen weitaus einfacher folgen. Hier wurde mir nicht nur das Konzept von Zeit so richtig bewusst, auch spürte ich erstmals so etwas wie die engen Grenzen der menschlichen Existenz. Zur Erinnerung, Rod Taylor sitzt in seiner Zeitmaschine und wird im Zeitraffer Zeuge von Aufstieg und Verfall der Zivilisation. Im Jahr 1900 gestartet, folgt 1966 der Knall, die atomare Apokalypse. Dann das große Nichts: „Dunkelheit… Dunkelheit… für Jahrhunderte“. Erst im Jahr 802701 landet er in einer neuen Welt, die nur auf den ersten Blick wie das Paradies erscheint. Mit den menschenfressenden Morlocks kommt der nächste Schock. Die Zeitmaschine ist sicher der Film, der dafür verantwortlich ist, dass ich bis heute ein großer Fan von Zeitreisegeschichten bin.

 

Bonus: Der Film, der mir die Unschuld raubte

Die Tiefe (The Deep)

Der Film basiert auf einem Roman von Peter Benchley und das Buch steht bis heute in meinem Regal. Ich hatte schon früh ein Faible für Geschichten entwickelt, die unterwasser oder in Höhlen spielten. Wahrscheinlich nicht zuletzt dank James Bond, denn diese Komponenten waren in dessen Filmen oft verwendete Tropes. Da kam der Familienfernsehabend mit dem Tauchabenteuer Die Tiefe gerade recht. Ich muss 8 oder 9 gewesen sein und im Nachhinein kann ich mir nicht mehr erklären, warum mir meine Eltern erlaubten, diesen Film zu sehen. Zwei Dinge aus diesem Film haben sich mir damals insbesondere eingebrannt. Die Brüste von Jacqueline Bisset, die sich unter ihrem nassen weißen T-Shirt abzeichneten, ganz so als wäre das absichtlich so inszeniert worden, und die für mich damals unerträgliche Szene, in der die halbnackte Jacqueline Bisset von einem Eingeborenen mit Kriegsbemalung mit einem blutigen Hühnerfuß gefoltert wird. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte Gewalt in Filmen für mich immer etwas Unbeschwertes oder Fantastisches. Selbst der explodierte Mr.Big in Leben und sterben lassen wirkte irreal, denn man sah kein Tröpfchen Blut. Diese Folterszene jedoch wirkte erschreckend realistisch und bescherte mir Albträume. Zumal dies mein erster Kontakt mit sexualisierter Gewalt war, was ich als Kind nicht wirklich verstand. Der Film hat mir quasi die Unschuld genommen und „verdient“ daher besondere Erwähnung.

 

Der Rest

An dieser Stelle folgen einige Figuren, Schauspieler, Filme und Themen, die ebenfalls sehr wichtig für meine filmische Entwicklung waren, die es aber aus praktischen Gründen nicht in die Liste geschafft haben.

 

Pippi Langstrumpf

Keine Liste ohne Pippi. Pippi Langstrumpf war meine allererste Superheldin. Lange noch bevor ich Batman und das Phantom entdeckte. Keine Diskussion: Pippi ist eine Superheldin. Sie ist die Stärkste und die Schlauste mit der Fuck-You-Attitüde. Sie war Punk, bevor der Punk entstand. Für mich war es faszinierend, dass ein Kind scheinbar abseits jeder Konvention und sozialer Regeln lebte, allen Erwachsenen ein Schnippchen schlug und die wildesten Abenteuer erlebte. Der Fakt, dass Pippi ein Mädchen war, hatte ich übrigens nie hinterfragt. Wahrscheinlich war ich dafür zu jung. Es lässt sich nicht leugnen: Pippi war eine der wichtigsten Figuren meiner Kindheit.

 

Bud Spencer und Terence Hill

Das im doppelten Wortsinn schlagfertige Duo war ähnlich wie James Bond omnipräsent im Fernsehen. Zumindest hatte man das Gefühl, dass ständig irgendwo ein Spencer- und Hill-Film lief, an Feiertagen auch gerne mal nachmittags. Im Gegensatz zu James Bond kann ich aber keinen einzelnen Film rauspicken; ich fand alles gut, was die Beiden fabrizierten. Neben den doch oft nach dem gleichen Schema ablaufenden Massenschlägereien, war ich vor allem von den Fress- und Saufgelagen fasziniert, die ebenso fast zu jedem Film dazugehörten und die nirgendwo sonst so zelebriert wurden.

 

Die Franzosen und der andere Italiener

Neben Bud Spencer und Terence Hill bestand das italienische Kino in meiner Kindheit außerdem aus Adriano Celentano und Western. Von den unzähligen Italo-Western könnte ich keinen bestimmten nennen, der mich in besonderer Weise geprägt hätte. Allerdings ist mir eine bestimmte Szene lange im Gedächtnis geblieben und zwar die, wie motherfucking Django seinen Sarg durch eine apokalyptisch anmutende Ödnis zieht. Das war so anders, als alle anderen Western, die ich zuvor gesehen hatte. Unvergesslich.

Adriano Celentano ist der Brummelbär, der vor allem für seine Komödien bekannt ist. In meiner Erinnerung war ich besonders von den zahlreichen Filmen angetan, die er mit Ornella Muti drehte. Schaut man in die IMDb, zeigt sich, dass die Beiden gerade mal in zwei Filmen zusammen auftraten. Vielleicht habe ich Ornella Muti auch nur mit den anderen schönen Frauen verwechselt, denn an denen herrschte bei Celentano nie ein Mangel. Das ist mir selbst als kleiner Junge aufgefallen. Celentano war für mich immer der Mann mit den schönen Frauen.

Gleiches könnte man auch über Jean-Paul Belmondo und Alain Delon sagen. Zusammen mit Lino Ventura, Louis de Funès und Pierre Richard bilden diese fünf Schauspieler das französische Quintett meiner Kindheit. Zugegebenermaßen war Delon für mich als Kind oft zu anspruchsvoll. Lino Ventura war hart und düster, während de Funès und Richard für die leichtfüßige Komödie zuständig waren. Und Jean-Paul Belmondo hatte irgendwie alles im Programm und gab mal den Killer und mal den Clown.

Das italienische und französische Kino war in meiner Kindheit tatsächlich enorm wichtig. Pierre Richards Der große Blonde mit dem schwarzen Schuh hat nur knapp meine Top-5-Liste verpasst. Genauso wie de Funès‘ Hasch mich, ich bin der Mörder.

 

Die albernen Deutschen

Ich komme nicht umhin, auch ein paar deutsche Einflüsse zu nennen. Neben Schimanski und Edgar Wallace, die eine große Rolle spielten, ist das aus heutiger Sicht vor allem alles elender Klamauk. Dazu zählen die Filme mit Thomas Gottschalk und Mike Krüger (Supernasen!), die Dudu-Filme, Hurra die Schule brennt, Popcorn und Himbereis und alle anderen Kömodien mit Tommy Ohrner, Olivia Pascal, Zachi Noy, Dolly Dollar, Karl Dall, Herbert Fux und irgendwelchen Stars der Neuen Deutschen Welle. Aus heutiger Sicht kaum nachzuvollziehen, aber das waren Kinohits und Straßenfeger. Nur leicht anspruchsvoller waren die Filme mit Didi Hallervorden und Otto, deren Überdrehtheit und Slapstick ich liebte.

 

Jules Verne und Edgar Rice Burroughs

Mein oben erwähntes Faible für Unterwasser- und Höhlengeschichten kommt auch hier zum Tragen. Ich glaube, die Romane von Jules Verne, oder zumindest einige der Romane, habe ich erst in früher Jugend gelesen. Als Kind waren die Hörspiele, Comics und Filme ausschlaggebend. Speziell sind zu nennen 20000 Meilen unter dem Meer, Reise zum Mittelpunkt der Erde und In 80 Tagen um die Welt.

Während mir Jules Verne so schon früh zum Begriff wurde, kannte ich den Namen Edgar Rice Burroughs nicht, aber ich liebte etliche der Filme, die auf seinen Geschichten beruhten. Ganz vorn dabei waren die alten Tarzan-Filme mit Johnny Weissmuller, die ich schon in früher Kindheit sah. Etwas später folgten Caprona, Caprona II und Der sechste Kontinent, die dafür sorgten, dass mein Interesse an Geschichten stieg, die sich um die Entdeckung von vergessenen Welten drehten, das klassische Lost-World-Genre.

 

Und (k)ein Ende in Sicht

Je länger das Posting wird, desto schwerer finde ich ein Ende. Es wären noch Katastrophenfilme oder japanische Monsterfilme zu erwähnen. Oder Kampfstern Galactica und andere Science Fiction. Da diese Filme aber eher in eine spätere Entwicklungsphase von mir fallen, die nicht mehr so richtig die Kindheit betrifft, spare ich mir diese Filme für ein zukünftiges Posting auf. Serien und das Fernsehprogramm hatten wahrscheinlich sogar einen höheren Stellenwert als Filme, daher sollte ich mir auch das als zukünftiges Thema auf den Zettel schreiben.

Auffällig ist, dass ich kaum bekannte Kinderfilme erwähne. Weder E.T. noch die Goonies. Viele Leute meiner Generation schwärmen von Star Wars und Star Trek. Das sind jedoch alles Filme, die erst später in mein Leben traten. Und für einige Filme wie beispielsweise E.T. war ich da schon wieder zu alt. Genauso wenig wie ich jemals ein Disney-Fan war, bin ich auch nie ein Fan von E.T. geworden. Die meisten Filme wachsen einem nur dann ans Herz, wenn man sie zum richtigen Zeitpunkt erstmals erlebt.

Schöne Langeweile bei James Bond

james_bond_meme

Kürzlich ist mir aufgefallen, dass Spectre bereits via Heimvideo erhältlich ist und ich nicht einmal den Vorgänger Skyfall gesehen habe. Ja, James Bond steht schon länger nicht mehr auf meiner Prioritätenliste. Und dabei war ich einmal ein großer James-Bond-Fan. Ich bin quasi mit James Bond aufgewachsen. Wie konnte es soweit kommen?

Der Lack ist ab

Mein Bruch mit Bond ereignete sich beim Darsteller-Wechsel von Pierce Brosnan zu Daniel Craig. Zu dieser Zeit, und speziell während der ersten beiden Craig-Bonds Casino Royale und Quantum of Solace, ist mir bewusst geworden, dass sich das Bond-Konzept überholt hat – oder ich dem Konzept einfach entwachsen bin, wie immer man es auch sehen möchte.

Während der Pause zwischen der Brosnan- und Craig-Phase startete die Jason-Bourne-Reihe mit Matt Damon. Nicht zu vergessen, dass bereits zehn Jahre vor Casino Royale, also noch während Brosnan als Bond aktiv war, Tom Cruise mit Mission: Impossible auf der Leinwand erschien. Diese beiden Filmreihen haben dazu beigetragen, dass James Bond bei mir in Wichtigkeit und Ansehen gesunken ist. Die Filme mit Jason Bourne und Ethan Hunt haben all das, was Bond auch hat: Geheimdienstkonflikte, Verschwörungen, Superschurken, brachiale Action, Gimmicks, schöne Frauen, exotische Locations, setzen aber in allen Belangen noch ein Extra oben drauf. Sie sind zeitgemäß und speziell Jason Bourne überzeugt durch bonduntypische Rohheit.

Das Fernsehen soll an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben. Im extremen Klima von 9/11 startete und gedieh die Serie 24, die in vielen Aspekten Standards setzte. Später kamen exzellente Geheimdienstserien wie Rubicon und Homeland hinzu, die mit packender Spannung, komplexen Geschichten und mit – zumindest in Teilen – erschreckendem Realismus glänzten. Im Angesicht dieser frischen Ideen hat es ein 50 jahre altes Franchise verdammt schwer, vor allem dann, wenn es wie James Bond zwar regelmäßig die Hauptdarsteller auswechselt, im Kern aber stets die gleichen Geschichten erzählt – und diese auch noch nach Blaupause abarbeitet.

Auftritt Daniel Craig

Im Vorfeld war verheißungsvoll von einem Reboot die Rede und es wurde ein James Bond so hart wie nie zuvor versprochen. Ja, Craig hat tatsächlich einen völlig anderen Auftritt hingelegt als Brosnan. Aber es liegt in der Natur der Sache, dass jeder Bond-Darsteller anders aussieht und sich anders darstellt als der vorherige. Inhaltlich und filmisch ändert sich hingegen wenig.

Nach dem nicht schlechten, aber auch nicht besonders beeindruckenden Casino Royale, kam es mit Quantum of Solace sehr viel ärger. Der Film war für mich solch ein Desaster, dass ich den Film mittlerweile vergessen habe. Wenn ich mich richtig erinnere, wurde versucht, die Action mit schnellen Schnitten, Gewackel und Close-Ups dynamischer zu gestalten, was aber mit totaler Unkenntlichkeit der Szenen einherging. Eine belanglose Story und ein besonders blasser Bösewicht gaben dem Film den Rest.

Skyfall und Spectre

Nun habe ich das Wochenende genutzt, um mich auf den neusten Stand in Sachen James Bond zu bringen. Skyfall und Spectre standen an – und keiner der beiden Filme hat mich wirklich begeistert. Ich bin mir nicht mal sicher, ob sie bedeutend besser sind als die beiden Vorgänger. Die Geschichten sind zumindest marginal unterhaltsamer, auch wenn man geteilter Meinung sein kann über die Idee, die gesamte Historie der Figur James Bond auf den Oberschurken Blofeld zu reduzieren, wie es in Spectre getan wird.

Auffällig ist, dass alle Figuren einschließlich Bond, M, Q und Bösewichte – immerhin gespielt von Jarvier Bardem und Christoph Waltz – Charisma vermissen lassen. Sie agieren vor schöner Kulisse wie seelenlose Marionetten. Speziell Daniel Craig, der nun schon seit einiger Zeit öffentlich verlauten lässt, dass er eigentlich gar keine Lust mehr auf Bond hat, sieht man den Verfall über den Zeitraum der Filme erschreckend deutlich an. Dass er älter geworden ist, ist nur natürlich, aber er scheint von Film zu Film immer weniger Interesse an dem zu haben, was er da eigentlich macht. Wieso bin ich bloß hier? Ach ja, ich kassiere 50 Millionen Euro für den Scheiß. Augen zu und durch.

Bardem und Waltz spielen ihre Rollen überdreht, was nicht unüblich für Bond-Schurken ist, aber eine echte Tiefe lassen sie auch nicht erkennen. Zumal wird Beiden ein unspektakuläres Ende zuteil, und man fragt sich, ob es das nun gewesen sein soll mit diesen Verbrecher-Genies.

Was die Bond-Girls betrifft, gibt es sowohl in Skyfall als auch in Spectre eine Neuigkeit. Moneypenny, gespielt von Naomie Harris, darf in Skyfall zusammen mit Bond an einer Mission teilnehmen. Allerdings dauert ihr Einsatz genauso lange wie der Teaser. Dann schießt sie versehentlich Bond an und kehrt an den Schreibtisch zurück. Wie sinnlos. In Spectre spielt mit Monica Bellucci erstmals ein Bond-„Girl“ mit, das älter als der Bond-Darsteller ist. Ein großes Thema in der Presse. Ihr kurzer Auftritt wird immerhin damit gerechtfertigt, dass Bond von ihr eine wichtige Information erhält. Aber nach der obligatorischen zusammen verbrachten Nacht (dank ab-12-Freigabe nur minimal angedeutet) ward sie nicht mehr gesehen. Dann ist da auch noch Léa Seydoux, die Bond doch tatsächlich einmal das Leben retten darf, darüber hinaus aber auch nur als schöne Stichwortgeberin dient. Diese belanglosen Frauenrollen kann man den Filmen nicht einmal übel nehmen, da, wie erwähnt, alle Figuren irgendwie flach wirken.

Bei den Actionszenen gibt es Licht und Schatten. Spectre überrascht noch mit einer gut gemachten Teasersequenz (lange Kamerfahrt ohne Schnitt Bond folgend), die allerdings in einer wenig überzeugenden Helikopter-Eskapade vor Greenscreen endet. Warum ein 250-Millionen-Dollar-Film nur mittelmäßige CGI hinbekommt, ist ein Rätsel. Später im Film sehen wir eine Flugzeug-Auto-Verfolgungsjagd mit realen Effekten, die bedeutend authentischer wirkt. In Skyfall hingegen wird eine altbackene Vefolgungsjagd aufgetischt, bei der Autos in Obststände krachen. Das war schon in den 1980er Jahren nicht mehr originell. Es ist ohnehin auffällig, dass große Standard setzende Actionszenen, etwas, für das James Bond eigentlich einmal stand, nicht mehr so wirklich vorkommen. Insbesondere im Vergleich zu anderen Filmen des modernen Actionkinos wirken Bond-Filme mittlerweile etwas behäbig. Die Theorie, dass das auch mit dem Regisseur zu tun haben könnte – Sam Mendes sei ein fantastischer Dramaregisseur, der vom Theater kommt, könne aber keine Action –  trifft es nicht wirklich, denn die Bond-Filme werden mit der Unterstützung von etlichen Second, Third und Assistant Unit Directors gedreht. Das Problem scheint mir eher schon in den Drehbüchern begründet.

Eines muss man beiden Filmen lassen: Sie sehen unglaublich gut aus, Kamerabilder, Sets, Locations, alles schwelgt in opulentem Hochglanz. In der Welt von Bond scheint es gar keinen Dreck, Müll oder Staub zu geben. Selbst das explodierte MI6-Gebäude erinnert eher an hippe Sichtbeton-Ästhetik als an eine entkernte Ruine. Wie das Durchblättern eines Werbekatalogs, wird aber auch diese dauerschöne Optik irgendwann langweilig.

Ausblick

Ich werde mir auch den nächsten Bond-Film anschauen, allerdings bin ich nicht sonderlich gespannt auf ihn. Interessant finde ich die Frage, ob Craig sich noch einmal bewegen lässt, die Doppelnull zu spielen. Winkt erneut ein 50-Millionen-Scheck, dann stehen die Chancen nicht schlecht. Ich würde allerdings begrüßen, wenn er die Rolle endgültig abgibt anstatt sich durch einen weiteren Film des Geldes wegen zu quälen.

Hinter den Kulissen läuft angeblich schon mal vorsichthalber die Suche nach einem neuen Schauspieler. Öffentlich kursieren Namen wie Idris Elba und Tom Hiddleston. Zudem hat sich Gillian Anderson als zukünftige „Jane Bond“ selbst in die Diskussion  gebracht. Gute Namen, von denen keiner der oder die nächste Bond wird, wage ich zu behaupten. Dagegen spricht, dass bisher niemals ein Schauspieler Bond wurde, dessen Name zuvor bereits öffentlich die Runde machte. Ich würde durchaus gerne Idris Elba sehen. Der Mann ist ein guter Schauspieler mit dem Format und der nötigen Coolness für einen James Bond. Allerdings befürchte ich, die Verantwortlichen trauen den Zuschauern keinen schwarzen Bond zu. Auf der anderen Seite wurden bereits sowohl Felix Leiter als auch Moneypenny von schwarzen Schauspielern dargestellt. Das lässt hoffen.

Tom Hiddleston ist in die öffentliche Diskussion gerutscht, weil er kürzlich eine bondähnliche Rolle in der Mini-Serie The Night Manager spielte. Ob er aber ein Franchise über mehrere Filme tragen könnte, wenn er sich dabei stets mit seinen Vorgängern vergleichen lassen müsste? Ich weiß es nicht.

Eine Jane Bond anstelle von James Bond wird es nicht geben. Dazu ist James Bond einfach zu erfolgreich. Eine zusätzliche Filmreihe mit einer weiblichen Heldin wäre eine Option. Aber ich bin mir nicht sicher, ob sich Gillian Anderson oder jede andere Schauspielerin mit einer weiblichen Kopie von James Bond einen Gefallen tun würde. Viel angebrachter wäre es, wenn stattdessen ein neues originales Format entwickelt würde, welches von Anfang an auf eine weibliche Titelrolle zugeschnitten wäre. Das ist sowohl dem Film als auch der Schauspielerin viel dienlicher und beugt außerdem der unausweichlichen Kritik der James-Bond-Fanboys vor. Meine Empfehlung für eine Vorlage für eine solche Filmreihe ist die Comic-Serie Velvet von Ed Brubaker und Steve Epting. Diese enthält zwar viele Reminiszenzen an Bond und das Spyfilm-Genre insgesamt, bringt aber eine völlig eigene Dynamik ins Spiel. Zudem besitzt die Titelheldin Velvet Templeton eine mehr als 30 Jahre umspannende persönliche Historie, die bis in die Nachkriegszeit zurückreicht (ja, der Comic spielt in den 1970er Jahren). Wir sehen hier eine echte Charakterentwicklung, die es in den Bond-Filmen praktisch nie gab.

The End?

Als Fazit muss ich das unterstreichen, was ich bereits eingangs schrieb: James Bond ist für mich nicht mehr relevant. Alles hat seine Zeit und Bonds Zeit ist vorbei, zumindest in dieser Form. Ich weiß, Millionen von Kinobesuchern sehen das anders. Hier kommt vermutlich eine Sehnsucht nach Beständigkeit zum Tragen. Wenn man in einen Bond-Film geht, weiß man, was einen erwartet. Solange die Filme so viel Geld einspielen, wird sich an der generellen Ausrichtung nichts ändern. An dieser Stelle kann man die Frage stellen, ob  es überhaupt einen radikalen Wandel bei James Bond braucht. Wie oben erwähnt, existieren heutzutage schließlich genügend Alternativen. James Bond ist in dieser Hinsicht wie eine alternde Rockband. Seit Jahrzehnten da, solides Handwerk, keine Überraschungen, keine Veränderungen, dennoch füllt sie Stadien. Uhrwerksgleich läuft die Kommerzmaschine.

Was immer auch in den nächsten Jahren passieren wird, eines ist sicher:
James Bond will return.

Ian Fleming’s Bücher fallen in Kanada unter Public Domain

Der James-Bond-Schöpfer Ian Fleming ist 1964 gestorben. Damit ist das Urheberrecht seiner Werke zum 01.01.2015 zumindest in Kanada erloschen. Im Gegensatz zu den meisten anderen Ländern, erlischt in Kanada das Urheberrecht bereits nach 50 Jahren nach dem Tod des Urhebers und nicht erst nach 70 Jahren.

Das kanadische Project Gutenberg hat bereits reagiert und veröffentlicht nun nach und nach seine Werke zum kostenfreien Download – inklusive der James-Bond-Romane. Die Bücher stehen in den Formaten HTML, Text und EPUB zur Verfügung.

Darf man aus Deutschland diese Bücher herunterladen? Da ich kein Rechtsexperte bin, kann ich darauf keine definitive Antwort geben. Meiner Meinung nach dürfte der Download aber durch § 53 UrhG gedeckt sein.