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Stanislaw Przybyszewski – De Profundis

Von dem deutsch-polnischen Schriftsteller mit dem mir unaussprechlichen Namen kannte ich bisher nur Die Synagoge des Satans, eine Abhandlung über die Entstehung des Satanismus. Dem heutigen Stand der Forschung, das Buch erschien immerhin 1897, hält das Werk zwar nicht immer Stand, aber für alle am Thema Interessierten, ist Die Synagoge des Satans nach wie vor eine empfehlenswerte Lektüre, nicht zuletzt dank Przybyszewskis packendem Stil. Eine Neuausgabe ist unter dem Titel Die Gnosis des Bösen erschienen, wahrscheinlich um nicht den falschen Eindruck entstehen zu lassen, hier handele es sich in irgendeiner Weise um ein antisemitisches Werk. Die Neuausgabe ist zudem mit Fußnoten und Übersetzungen der lateinischen und französischen Zitate versehen, die das Lesen erheblich erleichtern. Da das Urheberrecht am Originaltext abgelaufen ist, kann man diesen zum Beispiel hier herunterladen.

Die Synagoge des Satans ist nur ein kleiner Teil von Przybyszewskis Werk, das sich von der Kritik (Chopin, Nietzsche) über den Naturalismus bis zum magischen Symbolismus erstreckt. Daher war es für mich an der Zeit, auch einmal einen Blick auf das zu richten, was Przybyszewski sonst noch so verfasst hat. Doch wo anfangen?

Meine Wahl fiel auf De Profundis, Aus der Tiefe.

Bei De Profundis (Volltext) handelt es sich um eine relativ kurze Erzählung. Przybyszewski stellt dem Buch ein umfassendes Vorwort voran, in dem er seine Beweggründe und Vorstellungen von Literatur und Kunst darlegt. Demnach versucht Przybyszewski mit De Profundis das Gebiet des normalen Denkens zu verlassen und sich von Goethe, den er für „den Maßstab des Empfindens des Bürgertums“ hält, abzusetzen. In blumigen Worten beschreibt Przybyszewski das, was als Blaupause des ursprünglichen Symbolismuses angesehen werden kann, das Sichtbarmachen des Innersten:

In »De profundis« handelt es sich um die Manifestation des reinen Seelenlebens, der nackten Individualität, des Zustandes der somnambulen Ekstase, oder wie die zahllosen Worte auch heißen mögen, die eine und dieselbe Tatsache ausdrücken, die Tatsache nämlich, daß es noch etwas Anderes gebe außer dem dummen Gehirn, ein au delà vom Gehirn, eine unbekannte Macht mit seltsamen Fähigkeiten begabt, nämlich: die Seele – die Seele, die Ekel empfand, in der fortwährenden Berührung mit der lächerlichen Banalität des Lebens zu stehen und sich das Gehirn geschaffen hatte, um sich nicht jeden Tag prostituieren zu müssen …

Schon hier, De Profundis erschien 1895, nimmt Przybyszewski vorweg, was er später als Chefredakteur der Krakauer Zeitschrit Das Leben (Zycie) als seine Auffassung der neuen Kunst verbreitet. Diese neue Kunst soll von allen moralischen und gesellschaftlichen Zwängen befreit und ein Ausdruck der totalen Individualität sein.

Weiterhin distanziert er sich vom Inhalt seiner Geschichte, ja, er behauptet, seine Geschichte habe gar keine Handlung :

Was ich also mit meinem »De profundis« bezwecke, ist einzig und allein, ein seelisches Phänomen darzustellen – ich denke die Seele immer im schroffsten Gegensatz zum Gehirne. Das ist Alles. Aber ja: die Handlung! Hm, die Handlung, vielleicht auch Situation, Verwicklung, Intrige u. s. w. Ich pflege keine Handlung zu haben, weil ich das Leben der Seele schild’re und die Handlung ist nur eine Kulisse der Seele, eine schlecht bemalte Kulisse, wie sie auf einer Liebhaberbühne einer Kleinstadt zu sehen ist. Das Leben bedarf keiner Handlung, um Konflikte zu erzeugen. Dazu genügt ein harmloser Gedanke, der nach und nach vom ganzen Menschen Besitz nimmt und ihn zu Grunde richtet.

De Profundis besitzt zumindest einen roten Faden, die Idee einer Geschichte. Und die geht so: Der namenlose Protagonist ist zu Besuch in einer namenlosen Stadt, in der er seine Schwester Agaj nach langen Jahren der Funkstille wiedertrifft. Das pikante Detail, das sich im Laufe der Handlung entspinnt, ist, dass die beiden einst eine inzestuöse Beziehung führten und sich immer noch, wenn auch sträubend, zueinander hingezogen fühlen.

Die Inzest-Geschichte nutzt Przybyszewski als Kulisse, um in den Fieberwahn des Protagonisten einzutauchen. Symbolismus bedeutet meist auch immer Traum. Das Wort Traum ist hier weniger zu verstehen als der schlafende Traum, sondern mehr im Sinne eines überhöhten Zustandes, des Ideals,  oder in diesem Fall: des grenzenlosen Abgrunds. Przybyszewski gelingt es ausgezeichnet, die brüchige Realität der Geschichte mit dem Wahn des Protagonisten verschwimmen zu lassen.

Endlich packte er gierig ein Buch, das auf dem Nachttisch lag: Auf der ersten Seite sein eignes Portrait.

Er sah flüchtig hin: sein Blut gerann vor Schreck. Er sah wieder hin: die Linien schienen lebendig zu werden, das Gesicht wuchs, bekam Leben, schien sprechen zu wollen …

Er blätterte ein paar Seiten um und fing an laut zu lesen. Aber seine Stimme klang ihm dröhnend im Gehirne wieder, und er hatte das Gefühl, daß der Andre im nächsten Moment hervorkriechen werde, bald, bald werde er aus dem Buche herauswachsen und ihn anstarren …

Das ganze Buch bekam etwas Lebendiges, es schien sich in seinen Händen zu bewegen, er warf es entsetzt weg, aber es bewegte sich, es kroch auf dem Boden umher, der Andre arbeitete sich mühsam hervor, jetzt, jetzt würde er ihn sehen …

Er sprang rasend aus dem Bett, warf sich mit seinem ganzen Körper über das Buch, packte es dann mit den Händen, würgte es, riß es auseinander, aber er fühlte, daß er hochgehoben wurde, gewaltsam, wie von einer Winde hochgeschraubt …

Das ist Wahnsinn, das ist Wahnsinn! schrie es in ihm. Er sprang auf, stierte wie abwesend auf das Buch: die Vision war vorüber, aber er hatte Angst es aufzuheben.

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Parodie Humaine von Félicien Rops

Im klassischen Symbolismus existieren im Wesentlichen zwei Formen der Weiblichkeit; das überhöhte Engelhafte und die diabolische Verkörperung. Sowohl in Literatur als auch in der bildenden Kunst werden Frauen üblicherweise als eines dieser beiden Extreme dargestellt. Agaj  ist für den Protagonisten in De Profundis beides auf verschiedenen Ebenen. Sie wird ihren Bruder in den Wahnsinn und letztlich in den Tod treiben. Sie ist der Succubus, der ihm die Lebensenergie aussaugt. Das Wort Vampir wird von Przybyszewski mehrmals benutzt. Przybyszewski beruft sich im Vorwort auf den französischen Künstler Félicien Rops, dessen Werke für Przybyszewski die „Offenbarung der Seele im Geschlechtsleben“ sind. Laut Przybyszewski steht Rops im Einklang mit den mittelalterlichen Diabologen wie Bodinus, Sinistrari, Del Rio und Sprenger. Dieser Vergleich zwischen dem tabubrechenden Bohemien Rops und den fehlgeleitenden Hexentheoretikern kann jedoch allenfalls oberflächlich gelten.

Ein Weib glitt in sein Bett. Ihre Glieder wanden sich langsam um seinen Körper, zwei schmale Arme umklammerten ihn fest, schmerzhaft fest, und er fühlte die Spitzen zweier Mädchenbrüste sich in seinen Körper hineinglühen […]

Jetzt erlahmten seine Hände, er ließ sie los. Und da wälzte sie sich über ihn, er hörte sie schreien, er fühlte, wie sie mit den Zähnen ihm die Halsadern zerschnitt, wie sie ihre Hände wühlend in seinen Körper vergrub.

Gleichzeitig erscheint dem Bruder Agaj auch  als das Erstrebenswerte zur Vollkommenheit, nämlich in Form des Kindes das sie einst war.

Du hast mich nie als Schwester geliebt. Du zittertest immer nach mir, so wie ich jetzt nach Dir zittre. He, he: Weißt Du noch? Einmal, als Du Deinen Geburtstag hattest und so viele Kinder zu uns kamen? Wir spielten Versteck. Immer bist Du zu mir in die dunkelsten Ecken geschlichen und drücktest Dich heiß an mich. Sieh mich doch an, laß Dir doch in die Augen sehen … Weißt Du noch, als wir Beide so heiß wurden und uns beinahe erwürgt hätten in einer Lust, die sonst Kinder nicht zu haben pflegen? He, he … Da wurd‘ ich Mann …

Dies führt direkt zum Motiv der androgynen Vereinigung.

Er lachte, er schrie mit, aber er ließ das Weib nicht los. Er fraß sich mit den Fingern in ihren Leib. Ihr Herz fühlte er in seinem Körper klopfen, schwer, dumpf wie einen Klöppel gegen die geborstene Metallwand der Glocke, zwei Herzen fühlte er plötzlich Blut in sein Gehirn emporschießen, sich an einander reiben, und einander wund zerschürfen […]

Deine Seele klopft mir entgegen, Dein Blut fließt in meine Adern über, und Dein Geist strömt in mich über, Dein Geist mit der ganzen Hölle von Schmerz, mit der abgründigen Tiefe von Qual. Hörst Du mich sprechen? Hörst Du Dich in mir sprechen? Du hast mich sprechen gelehrt, Du hast Deine Worte in meine Seele gepflanzt

In Ansätzen ist zu erkennen, was Przybyszewski später noch intensiver beschäftigen wird. Fünf Jahre nach De Profundis veröffentlichte er Androgyne (Volltext), in dem er den magischen Gedanken des Androgynen noch vertieft. Ähnlich wie der Okkultist und Autor Joséphin Péladan, dessen Salon de la Rose-Croix Ende des 19. Jahrhunderts wichtiger Treffpunkt für die französischen und belgischen Symbolisten war, scheint Przybyszewski dieses Thema mit leidenschaftlicher Besessenheit zu verfolgen.

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Wiedervereinigung des Männlichen (Adam) und Weiblichen (Sophia)

Diese Idee des Androgynen, die bei  Przybyszewski, Péladan und anderen Künstlern dieser Zeit zu finden ist, geht zurück auf eine gnostisch-kabbalistische Lehre, die insbesondere durch Jacob Böhme , der von Paracelsus inspiriert wurde, Verbreitung fand, und später von Künstlern wie William Blake aufgegriffen wurde. Böhmes Ansicht nach war der biblische Uradam zweigeschlechtlich, er trug das weibliche Prinzip als Lichtleib der himmlischen Jungfrau Sophia in sich. Nach dem Sündenfall wurden Adam und Sophia getrennt, womit die geistliche Verbindung zu Gott unterbrochen war. Seitdem streben Adam und Sophia der Wiedervereinigung entgegen, um in die „erste Herrlichkeit“ zurück zu gelangen. Die Illustration auf der linken Seite stellt die Wiedervereinigung Adams und Sophias dar (Dionysos Andreas Freher, 1649-1728). Adam fährt hinab in die Hölle, wo er den Tod besiegt, dann aufsteigt in den Himmel, um die Urandrogynität mit Sophia wieder herzustellen. Dieses Vereinigungsprinzip findet seine Entsprechung in der Alchemie, wo Sol & Luna bzw. Mercurius & Sulfur über einen mehrstufigen Prozess zum Lapis, dem philosophischen Mercurius, vereinigt werden sollen. Bei William Blake werden Adam und Sophia zu spectre (Geist, Spuk) und emanation (Strahlkraft).

Bedingt durch die innere Zerissenheit der Figuren in De Profundis, führt der Weg aber nur ins Unheil. Mit der Erkenntnis des Bruders, dass die Liebe zu seiner Schwester über das eigentlich Normale hinausgeht, suchen ihn die apokalyptischen Phantasmen heim. In gewisser Weise ähnelt dies dem Höllenabstieg Adams nach Bömscher Lesart. Allerdings wird der Bruder aus dieser Hölle nicht mehr entkommen. Die Suche nach Vollkommenheit ist Schmerz und muss zwangsläufig im Verhängnis enden. Die Einheit kann nicht mehr hergestellt werden und an diese Erkenntnis schließt sich der Tod als einziger Ausweg an.

De Profundis überzeugt als eindringlicher Blick auf das Geschlechtliche zwischen Symbolismus und Dekadenz. Morbide Erotik und eine unterschwellige Atmosphäre der Angst und Beklommenheit begleiten diese Geschichte. Das reine Seelenleben darzustellen, wie es Przybyszewski im Vorwort beschreibt, ist ihm mit De Profundis auf beeindruckende Weise gelungen.

Literatur:

  • Lexikon des Symbolismus, Jean Cassou
  • Lexikon der phantastischen Literatur, Zondergeld/Wiedenstried
  • Ach, wäre fern, was ich liebe!, Anja Elisabeth Schoene
  • Alchemie und Mystik, Alexander Roob
  • Die Erleuchteten, Karl R. H. Frick
  • Licht und Finsternis, Karl R. H. Frick
  • Félicien Rops, Hans Joachim Neyer

 

 

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