Wencke, Udo und der blaue Diamant (1979)

Der Youtube-Kanal VCR Fundstücke der 70er und 80er Jahre, der immer einen Blick wert ist, hat Wencke, Udo und der blaue Diamant hochgeladen (Anmerkung: mittlerweile gelöscht). Das ist ein Fernsehfilm von Michael Pfleghar, der am 30.12.1979 ein einziges Mal im ZDF ausgestrahlt wurde und dann im ZDF-Archiv auf Nimmerwiedersehen verschwand. Ob die Tatsache, dass der Film nie wiederholt und auch sonst nicht verwertet wurde, lizenzrechtliche Gründe hat, oder den Machern der Film einfach nur zu peinlich war, ist unklar. Jedenfalls kann man dank VCR Fundstücke eine Wissenslücke schließen und sich dieses fast vergessene Kuriosum jetzt anschauen. Als direkter Traumschiff-Vorläufer ist der Film aus fernsehhistorischer Sicht interessant und Gerüchten zufolge genießt der Film zumindest bei Udo-Jürgens-Fans einen gewissen Kultstatus.

Wencke Myhre und Udo Jürgens, die sich in dem Film selbst spielen, sollen auf einem Kreuzfahrtschiff, das in Richtung Jamaika schippert, für die Unterhaltung sorgen. Udo wird seinem Ruf als Schürzenjäger gerecht und steigt noch am ersten Tag einer Amanda hinterher, die sich als Assistentin eines Professors vorstellt. Amanda und der Professor, gespielt von Michaela May und Peer Augustinski, entpuppen sich jedoch als verkleidetes Gängsterpärchen, das Hehlerware, nämlich den titelgebenden blauen Diamanten, in Jamaika abholen will. Im Verlauf des Films ergibt sich, dass auch der erste Offizier des Schiffs und dessen Bruder hinter dem Diamanten her sind. Wencke und Udo geraten zwischen die Fronten, werden beschossen und entführt, und schaffen es trotzalledem irgendwie den Gangstern das Handwerk zu legen, den Diamanten zu sichern und zwischendurch auch noch den Zuschauer mit etlichen Liedern aus ihrem Repertoire zu beglücken.

Wencke, Udo und der blaue Diamant ist ein ziemlich albernes Werk und ein tiefer Griff in die Klamottenkiste. Sinnbildlich wie wörtlich. Nicht nur wirkt der Film und seine Machart ziemlich angestaubt, auch wird sich ständig verkleidet. Junge Frauen verkleiden sich als alte Frauen, junge Männer als alte Männer. Manchmal verkleiden sich auch Frauen als Männer und Männer als Frauen, weil, ja weil einfach so. Verkleiden ist halt lustig. Der Film bedient sich der typischen Motive und Witze, wie man sie aus anderen Filmen und Serien von Michael Pfleghar dieser Zeit kennt. Es fehlt eigentlich nur noch Ingrid Steeger. Den Sex-Level von Klimbim erreicht der Film allerdings nicht, denn Wencke und Udo müssen schließlich weitgehend familientauglich bleiben. Beim Rumschäkern zwischen Michaela May und Peer Augustinski wird es nicht schweinischer als „Ich mach dich jede Nacht zur Frau“ und „Zeig mir noch mal deinen Busen“.

Das Ganze, diese Mischung, die zwei Kultstars, die Szenerie – das ZDF hat sich nicht lumpen lassen und on location auf einer echten Kreuzfahrt und in Jamaika gedreht – die quatschige Geschichte, die piefige Inszenierung, das alles ist dennoch nicht ohne Charme. Udo Jürgens hatte das Angebot für den Film kurzfristig bekommen und sagte spontan zu, weil er dem schlechten Wetter zu Hause entkommen wollte, was er dann tatsächlich auch in dem Film genauso sagt. Man merkt, dass alle hier mit Spaß dabei waren, denn für die Schauspieler gabs noch einen kostenlosen Urlaub oben drauf. Sonne, Schlager, Schießereien.

In manchen Momenten erreicht der Film dann immerhin „So schlecht, dass es gut ist“-Niveau. Wenn Peer Augustinski mit Michaela May auf dem Schoß auf einem motorisierten Rollstuhl über die jamaikanische Sandpiste rast oder er mit Udo Jürgens in einer „Prügelszene“ am seichten Strand rumrollt, macht der Film schon ein bisschen Laune.

Das Highlight ist allerdings zweifellos die Szene, in der Udo und Wencke den jamaikanischen Kindern mit einem Lied am Klavier Deutschland erklären. Und das geht so.

Junge: „Hey, Mister. Von wo kommt ihr beiden denn her?“

Udo: „Wir kommen aus Deutschland. From Germany. Do you understand? Compris? Ich erzähls euch!“

Udo (singt):
„Hoch vom Dachstein her
wo die Rebe blüht
Bis zur Elbe, die gen Norden zieht
Liegt ein schönes Land
liegt die Heimat mein.“

Kinder singen dazwischen :
„Nix compris!“

Wencke stimmt mit ein:
„Du, wir müssen wohl genauer sein.“
Udo:
„Na gut, wenn du meinst:“

Beide abwechselnd:
„Nix Tropen.“
„Nix Insel.“
„Nix Palmen stehn wie Pinsel.“
„Nix heißer Strand.“
„Nix Sonnenbrand.“
„Ein wunderschönes Land.“

„Nix barfuß in Matte, ein jeder Mann Krawatte.“
„Nix Mittagsschlaf am Straßenrand.“
„Ein ordentliches Land.“

„Häuser alle riesig.“
„Himmel immer diesig.“
„Wasser in der Leitung.“
„Morde in der Zeitung.“
„Milch kommt aus der Dose.“
„Bauch hängt über Hose.“
„So ist unser Germany.“

„Autos jede Menge.“
„Parken im Gedränge.“
„Männer leicht chaotisch.“
„Kinderlein neurotisch.“
„Und die schönen Frau’n dann…“
„…mal’n sich täglich braun an.“
„Die Natur ist aus Beton.“

„Beethoven war ein deutsches Genie – ba ba ba bamm.“
„Richard Wagner war ein deutsches Genie. Steuermann halt die Wacht!“

Jetzt verfallen Udo und Wencke in eine dem Lied „We didn’t start the Fire“ nicht unähnliche rhythmische Aneinderreihung von deutschen Namen, Themen und Errungenschaften:

„Karl Meier und Gerd Müller. VW und Sepp Maier. Ostfriesen und Bayern. Die Alpen, der Rhein. Schunkeln beim Wein. Autobahn. NATO-Plan. Größenwahn. Reeperbahn. Lohengrin mit seinem Schwan. Gartenzwerg, Heidelberg, Sauerkraut, Schweinshaxn, Jodeln und Bier.“

„Dieses motorisierte, technifizierte, disziplinierte, organisierte, emanzipierte, voll registrierte Volk… sind wir!“

Udo zu Wencke:
„Du hast Beckenbauer vergessen!“

Kinderchor:
„Beck – En – Bau – Er! Now we compris!“

Bei Beckenbauer ist dann endlich alles klar. Ach, das ist Deutschland.

Es sollten auch noch die anderen Musikstücke im Film erwähnt werden. Auf dem Höhepunkt der Reise, was beim Traumschiff kurz nach dem Captain’s Dinner wäre, darf Udo ein Medley zum Besten geben, bei dem natürlich „Aber mit Sahne“ und „Mit 66 Jahren“ nicht fehlen darf. Dazwischen mischt sich noch der Calypso-Klassiker „Matilda“, mit dem Udo bereits 1967 einen Hit hatte. Sorry, Udo. Aber Harry Belafontes Version bleibt der Maßstab. Bei einem Überflug über die Insel wird desweiteren „Jamaica Mama“ gespielt, ein Lied, das Udo während des Jamaica-Aufenthalts geschrieben hat, und das zwar Jamaica Mama heißt, sich inhaltlich aber eigentlich um die begehrte Tochter der besungenen Mama dreht. Bei der Mama holt sich Udo den Segen, die Tochter… verlassen zu dürfen. Ob das Lied auf einer wahren Begebenheit beruht, ist nicht überliefert.

Wencke hat für mich den interessanteren musikalischen Auftritt. In einem 5-minütigen ziemlich dynamischen Big-Band-Stück, das von Reisen und Seefahrt handelt (ich glaube, teilweise bestehend aus Liedern aus ihrer früheren Fernsehshow „Das ist meine Welt“), kann Wencke ihren beachtlichen Stimmumfang und ihre Bühnenpräsenz demonstieren. Wer die Frau heute nicht mehr so richtig auf dem Schirm hat, für den wird hier deutlich, warum sie mal zu den populärsten Stars in Deutschland gehörte.

Ein Duett gibt es auch. Ganz zu Anfang besingen Wencke und Udo den typischen Kreuzfahrt-Alltag, wobei die Kamera die echten Passagiere an Deck und am Pool einfängt – nicht immer zu deren Vorteil. Bei diesem Lied schimmert doch tatsächlich ein Hauch Satire durch und rückblickend wünscht man sich, davon hätte es im Film mehr gegeben. Am Ende singen die beiden noch das obligatorische, etwas lahme, Abschiedslied zusammen. Die Liedtexte stammen von Mischa Mleinek, Komponist und Arrangeur war Heinz Kiessling.

Die Gesamtleitung des Films unterlag Wolfgang Rademann, der damals schon eine große Nummer beim ZDF war. Wencke, Udo und der blaue Diamant brachte Rademann maßgeblich auf die Idee, das Traumschiff zu entwickeln, das ihm und dem ZDF einen bis heute anhaltenden Erfolgs-Hit bescherte. In einem Interview erzählte er:

„Wissen Sie, entstanden ist die Idee zum Traumschiff schon sehr früh, und zwar als ich zum ersten mal in meinem Leben ein richtiges Schiff betreten habe. Das war im Rahmen von Dreharbeiten für ‚Wenke, Udo und der blaue Diamant‘, mit Wencke Myre und Udo Jürgens. Die Dreharbeiten fanden an Bord des Kreuzfahrtschiffes VISTAFJORD statt und ich war sofort fasziniert vom Thema. Das war mein erster Schiffskontakt – bis dato kannte ich nur die Elbfähre bei Wedel. Und dann hat in meinem Kopf angefangen sich einiges zu bewegen und als ich dann die amerikanische Serie ‚Love Boat‘ gesehen hatte und dann später noch vom DDR Fernsehen, in Berlin konnte man das ja sehen, eine Serie von einem Frachter, der nach Kuba gefahren ist, dann dachte ich mir: Jetzt schmeiß ich mal alles zusammen, rühr es um und mach daraus was Eigenes.“
(Die Kreuzfahrt – Ein kulturelles Ereignis, Schneider/Steinmetz, 2001)

Die DDR-Serie, die er anspricht, ist Zur See (1974-1976). Bereits zum Start des Traumschiffs erzählte Rademann einmal, wie er an Bord der VISTAFJORD mit dem Kapitän und der Besatzung ins Gespräch kam: „Jede Menge kleiner Komödien und Tragödien hatten die auf Lager! Und ideal zu verfilmen, denn alles geschieht ja am gleichen Drehort – auf dem Schiff oder bei Landausflügen – und in kurzer Zeit: Drei Wochen dauert so eine Kreuzfahrt.“.
(Hörzu Nr. 5, 1981)

Tatsächlich wirkt Wencke, Udo und der blaue Diamant wie der Prototyp des Traumschiffs. Alle Grundzutaten sind schon da. Freilich sollte das Traumschiff weniger klamaukig werden, weniger musikalisch, weniger anzüglich. Dafür melodramatischer, kitschiger, aber auch ein Stück weit erzählerischer. Letztlich natürlich auch insgesamt einfach harmloser. Noch mal Rademann: „Das Traumschiff hat eine ganz klare Philosophie, die drei Geschichten, die hohe Attraktivität der Landausflüge, ein Happy-End und eine von mir selbst gestellte Moral: kein Mord, kein Totschlag und keine Gewalt und auch kein Sex. Also Familienunterhaltung […]“
(Die Kreuzfahrt – Ein kulturelles Ereignis, Schneider/Steinmetz, 2001)

Wencke, Udo und der blaue Diamant ist wirklich kein besonders guter Film, aber mit dem richtigen Blick durchaus unterhaltsam. Und unter dem Aspekt des Stücks vergessene Fernsehgeschichte, lohnt es sich, den Film einmal gesehen zu haben. Ohne diesen FIlm hätte es das Traumschiff wohlmöglich nie gegeben. Auch wenn das manche vielleicht gar nicht so schade gefunden hätten.

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