Die vernachlässigte Kunst der Titelsequenzen

Die Designer der Titelsequenzen von Filmen und Serien gehören zu den unbesungenen Helden. Selbst Filmkennern sind, vielleicht abgesehen von Ikonen wie Saul Bass oder Maurice Binder, nur wenige Namen geläufig. Diese Unwissenheit bekämpft bereits seit 2007 das Blog Art of the Title, das ganz den Titelsequenzen und deren Designern und Regisseuren gewidmet ist.

Als Leser kann man hier sehr fokussiert in den Sequenzen schwelgen und bei Bedarf auch tiefer in die Materie eintauchen. In teils sehr ausführlichen Interviews wird der Entstehungsprozess des Vorspanns eines Films oder einer Serie beleuchtet und mit allerlei Material wie Storyboards, unverwendete Sequenzen und Inspirationsquellen angereichert. Das ist alles ganz schön spektakulär.

Der neuste Artikel gilt Saskia Marka, die neben den coolen mit Major Tom unterlegten Sequenzen zu Deutschland 83 und Deutschland 86, auch den Vorspann zu Babylon Berlin kreiert hat, der den Zuschauer auf die unheilvolle Atmosphäre der Serie passend einstimmt.

Im Interview gelingt es Saskia Marka noch den guten alten Tatort-Vorspann als deutsches Highlight unterzubringen. Ja, ich glaube, es gibt wenige Filmreihen, die überhaupt 50 Jahre lang laufen und dabei dann auch noch durchgehend den selben Vorspann verwenden.

Youtube-Kanal: Screened

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Meine heutige Empfehlung ist der Youtube-Kanal Screened. In jedem der Videos beschäftigen sich die zwei Betreiber des Kanals mit einem bestimmten Aspekt des filmischen Geschichtenerzählens. Dabei analysieren sie Filme, Genres, bestimmte Szenen oder andere filmische Themengebiete und schauen, was warum wie funktioniert. Dazu werden nicht einfach technische Details runtergerattert, sondern man bedient sich einer essayistischen Erzählweise, um den Zuschauer an das Themenkonzept heranzuführen. Die Videos sind nicht nur inhaltlich äußerst interessant, sondern gewinnen dadurch auch eine, ich nenne es mal: literarische Qualität.

Meine Empfehlungen für den Einstieg sind Why Cosmic Horror is Hard To Make, über das Problem kosmischen Horror im Film umzusetzen, The Haunting of Hill House – How To Use Long Takes, über die atemberaubenden langen Kamerafahrten ohne Schnitt in der poetischen Netflix-Gruselserie (siehe meine Empfehlung hier) und The Twilight Zone – What Do We Fear?, über die universellen Angstmotive in der originalen Twilight-Zone-Serie der 1950er Jahre.

Hanna (Serie, 2019)

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Amazon Video – 8 Folgen

Ein Mädchen mit außergewöhnlichen physischen und kognitiven Fähigkeiten, antrainiert in einem geheimen CIA-Programm, befindet sich mit ihrem Vater auf der Flucht durch Europa und versucht dabei herauszufinden, wer sie ist und wo sie herkommt.

Die neue Amazon-Serie basiert auf dem gleichnamigen Film von 2011, an den ich mich nur noch bruchstückhaft erinnerte. Für diese Kritik habe ich mir den Film daher nochmals im Schnelldurchlauf angesehen. Im direkten Vergleich wirkt die Serie wie eine erweiterte Fassung der Geschichte, der Film hingegen häufig nur wie ein dünnes Grundgerüst. Das war mir schon damals bei der Erstsichtung des Films unangenehm aufgefallen. Die Handlung ist zu sehr kondensiert, wodurch die Figurenzeichnung leidet. Statt 2 Stunden Film hat die Serie nun fast 7 Stunden zur Verfügung, die überwiegend sehr gut genutzt werden. Viele Schlüsselszenen aus dem Film tauchen auch in der Serie auf, aber deutlich ausführlicher. Wie die dysfunktionale Hanna in der realen Welt zurecht kommt, Kontakte zu Gleichaltrigen knüpft und ihre erste Party feiert, bekommt in der Serie mehr Raum. Der Coming-of-Age-Faktor, den der Film andeutet, wird zu einem zentralen Element der Serie, insbesondere durch den Abnablungsprozess im Finale, das sich vom Filmende völlig unterscheidet.

Hannas Vater bekommt in der Serie eine Hintergrundgeschichte, Agentin Marissa ein Privatleben, was die von Mireille Enos gespielte Figur deutlich vielschichtiger macht als Cate Blanchets Filmversion. Außerdem erfährt der Zuschauer in der Serie Genaueres über Hannas Mutter und das CIA-Programm; Dinge, die im Film kaum eine Rolle spielen. Manch einer mag hier zu viel Drama vermuten für eine Serie, die eigentlich ein Actionthriller ist. Man könnte aber auch sagen: viele Details, die die Geschichte erst lebendig machen. Ich bin in dieser Hinsicht etwas zwiegespalten. Ob es unbedingt eine ganze Folge gebraucht hätte, die Hanna bei ihrer neuen Freundin in England zeigt, sei dahingestellt. Aber im Großen und Ganzen funktioniert der Mix aus Drama und Action.

Nachdem ich mir den Film noch einmal angesehen habe, ist die Serie bei mir im Ansehen deutlich gestiegen. Mein ursprüngliches Interesse an der Serie galt in erster Linie Joel Kinnaman und Mireille Enos, die nach dem sehr guten Serien-Remake The Killing hier erstmals wieder zusammen vor der Kamera zu sehen sind. Als gegensetzliches Ermittler-Duo in The Killing haben die zwei nämlich sehr gut miteinander harmoniert. In Hanna stehen sie auf verschiedenen Seiten: Kinnaman spielt Hannas Vater, Enos die Agentin, die die beiden jagt. Auch das passt perfekt, so dass ich zukünftig hoffentlich noch weitere Zusammenarbeiten sehen werde.

Hanna wird von der Newcomerin Esme Creed-Miles gespielt, die ähnlich performt und ähnlich überzeugt wie Saoirse Ronan im Film. Erwähnenswert sind auch die deutschen Schauspieler einschließlich Benno Führmann, die alle eine gute Vorstellung abliefern.

Als Fazit bleibt, dass mir die Serie in letzter Konsequenz besser gefällt als der Film. Die Serie ist durchaus spannend, stringent erzählt und bietet einige richtig starke Szenen. Speziell was die Action anbelangt, hat die Serie tatsächlich mehr zu bieten als der Film. Mein Problem ist, dass die Serie in keiner Weise neue Maßstäbe setzt. Wer die Serie nicht sieht, verpasst nichts. Empfehlen kann ich die Serie daher denen, die generell Interesse an dem Thema haben, den Film wahlweise gut oder schlecht fanden – beiden Parteien bietet die Serie genug Gratifikation – oder denen, die, wie ich, die Schauspieler mögen.

Nachtrag: Soeben wurde von Amazon eine zweite Staffel bestätigt. Die bräuchte ich nicht unbedingt, da die erste Staffel die Geschichte befriedigend abschließt. Aber wie so oft, handelt es sich hier um eine Geschichte, die man endlos weitererzählen kann.

Die Karte mit dem Luchskopf und Honey West

Ich bin stets aufs Neue überrascht, welche Anzahl von Filmen, Serien und Hörspielen das rührige Label Pidax Monat für Monat veröffentlicht. Pidax hat sich auf die Produktionen spezialisiert, die schon seit geraumer Zeit nicht mehr oder niemals zuvor käuflich zu erwerben waren. Das können Klassiker und Publikumslieblinge sein, aber auch wenig Bekanntes. Folgend soll es um eine bestimmte Serie gehen.

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Einige Pidax-Veröffentlichungen sind auch auf Amazon Prime Video verfügbar, wo ich die Serie Die Karte mit dem Luchskopf entdeckt habe. Die Serie ist gleich in mehrfacher Hinsicht interessant. Die Karte mit dem Luchskopf startete am 3. April 1963 im ZDF, nur zwei Tage nach dem offiziellen Sendebeginn des Senders, und ist damit nicht nur die erste Krimiserie, sondern die allererste Serie des ZDF überhaupt. In der Serie eröffnet die „junge und überaus attraktive Kai Fröhlich“ (Werbetext) ein Detektivbüro, womit man der Serie auch attestieren kann, die erste deutsche Serie mit einer Detektivin in der Hauptrolle zu sein. Kai Fröhlich, gespielt von Kai Fischer, die Genrefans in etlichen Gangster- und Horrorstreifen der 50er und 60er Jahre begegnet sein dürfte, richtet ihr Büro im Haus der Tante ein. Damit die Kunden der Detektei ihr als Frau unvoreingenommen entgegen treten, erfindet sie einen imaginären männlichen Chef namens Luchs und sie selbst gibt sich als dessen Sekretärin aus.

Bei der titelgebenden Karte handelt es sich um die Visitenkarte der Detektei, die in der gesamten Serie allerdings keine große Rolle spielt. In den meisten der dreizehn Folgen läuft die Handlung darauf hinaus, dass Kai Fröhlich sich irgendwo undercover einschleicht, sei es eine Autowerkstatt, um Autoschieber hops zu nehmen oder eine Hipster-Kommune, um den Diebstahl eines Gemäldes aufzuklären.  Das ist zwar fernsehhistorisch sehenswert, aber formal betrachtet aus heutiger Sicht ziemlich naiv geschrieben und bieder inszeniert. Das mag das deutsche Publikum damals freilich ganz anders gesehen haben. Aber Die Karte mit dem Luchskopf hat letztlich keine nachhaltige Wirkung gehabt, andernfalls wäre die Serie nicht nur eine Fußnote der deutschen Fernsehgeschichte geblieben. Immerhin sorgt die Pidax-Veröffentlichung für eine größere Bekanntheit.

An dieser Stelle komme ich nicht umhin, einen Blick auf England und die USA zu werfen. Diana Rigg sollte als Emma Peel zwar erst 1965 mit ihrem Einstieg in die vierte Staffel von The Avengers (Mit Schirm, Charme und Melone) für Furore sorgen, doch mit Dr. Catherine Gale, gespielt von Honor Blackman, besaß die Serie bereits seit der ersten Staffel eine Figur, die ein neues, emanzipiertes Frauenbild transportierte, dessen Einfluss auf Die Karte mit dem Luchskopf naheliegend erscheint. Dem deutschen Publikum dürfte die Serie damals weitgehend unbekannt gewesen sein, denn die deutsche Erstaustrahlung von The Avengers fand erst 1966 statt. Auch übrigens im ZDF.

Ein weiterer Vergleich drängt sich mit der amerikanischen Serie Honey West auf. In dieser Serie übernimmt die von Anne Francis gespielte Titelfigur von ihrem verstorbenen Vater eine Detektivagentur und klärt ähnliche Fälle wie ihre Kollegin Kai Fröhlich, allerdings alle eine Nummer spektakulärer. Ein paar Ähnlichkeiten stechen bei diesen beiden Serien besonders ins Auge:

Kai Fröhlich nennt sich Luchs und hat den Luchskopf auf den Visitenkarten, während Honey West einen Ozelot als Haustier besitzt.

Kai Fröhlich fährt einen MG A 1500, Honey West eine Shelby Cobra 289.

Skillz! Beide können Judo.

Beide finden sich desöfteren in brenzligen Situationen wieder.

Beide haben eine Tante, die sich überall einmischt.

Beide nutzen High-Tech-Gadgets.

Sowohl Kai Fröhlich als auch Honey West haben einen männlichen Sidekick, mit dem sie sich kabbeln. Hauptwachtmeister Kargel (gespielt von Karl-Otto Alberty) taucht bei Kai Fröhlich allerdings nur hin und wieder mal auf, während Sam Bolt (gespielt von John Ericson) ständiger Helfer und Begleiter von Honey West ist.

Die zwei Serien nutzen also sehr ähnliche Komponenten und Tropes. Bei allen anderen Punkten könnte man sagen: Zufall. Aber der Luchs und der Ozelot? Das liegt zu nahe. Kann Die Karte mit dem Luchskopf von Honey West inspiriert worden sein? Auf den ersten Blick scheint das unwahrscheinlich, denn Honey West entstand zwei Jahre nach der deutschen Serie. Auf den zweiten Blick wird es allerdings plausibler, denn die Serie Honey West basiert auf einer Romanreihe, deren erster Roman bereits 1957 erschien, also weit vor Die Karte mit dem Luchskopf, und beinhalte bereits oben genannte Merkmale vom Ozelot über den Roadster bis zum Sidekick.

Im Abspann von Die Karte mit dem Luchskopf heißt es: Drehbuch Wolf Neumeister, nach einer Idee von Kai Fischer. Deutsche Übersetzungen der Honey-West-Bücher erschienen erst 1969 im Loh-Verlag, aber aufgrund ihrer internationalen Tätigkeit in den 50er und 60er Jahren, könnte es im Bereich des Möglichen liegen, dass Kai Fischer die Romane bekannt waren. Letztlich aber bleibt das Spekulation, denn die Ähnlichkeiten können tatsächlich auch ein schräger Zufall sein.

Wie schon erwähnt, geht bei Honey West alles eine Nummer größer zu. Die Fälle sind spektakulärer und die Action ist aufsehenerregender. Bereits in der ersten Folge gibt es eine rasant inszenierte Autoverfolgungsjagd zu sehen. Überhaupt wirkt Honey West deutlich dynamischer speziell was Kamera und Schnitt anbelangt. Ein kesser Swing-Soundtrack von Joseph Mullendore tut sein übriges dazu. Die Karte mit dem Luchskopf ist dagegen nahezu musiklos und wirkt in vielen Szenen statisch. Trotz der kurzen Laufzeit von 25 Minuten pro Episode, gelingt es der Serie nur selten Tempo aufzunehmen. Honey West besitzt abwechlsungsreichere Sets und deutlich mehr Außendrehs. Und schließlich ergibt sich auch in den Dialogen noch mal eine große Diskrepanz. Bei Honey West und ihrem Partner Sam Bolt geht es deutlich screwballiger zu. Deren verbaler Schlagabtausch wirkt auch heute noch recht launig, wohingegen die Dialoge beim deutschen Pendant oft blass und bemüht wirken.

Eine größere Ähnlichkeit besteht beim Typus von Honey West und Kai Fröhlich und dem Frauenbild, das vermittelt wird. Beide treten forsch und fordernd auf, spielen aber auch die ahnungslose, hilflose Frau, wenn es nötig ist, um den Fall zu lösen. Beide wissen, was sie wollen und können, werden mitunter nicht ganz ernst genommen und müssen sich beweisen. Kai Fröhlich mehr als Honey West. Honey West’s Beruf als Detektvin wird tatsächlich selten hinterfragt oder angezweifelt, während Kai Fröhlich sich hinter einem imaginären männlichen Chef verstecken muss. Auch ein schöner amerikanisch-deutscher Gegensatz. Honey West streicht den Ruhm in stolzer Selbstverständlichkeit ein, Kai Fröhlich genießt ihre Siege dagegen in aller Bescheidenheit; und bleibt dafür in der Öffentlichkeit aber auch auf ewig nur die Sekretärin.

Der Vergleich mag ein wenig unfair sein. Was Budget und Fernseh-Erfahrung anbelangt, lagen die Amerikaner schon immer weit vorn. Nichtsdestotrotz eignen sich die beiden Serien sehr schön für einen Vergleich des deutschen Fernsehens mit dem amerikanischen Fernsehen in den 1960er Jahren, weil sie trotz der Gegensätzlichkeit so ähnlich sind. Die Karte mit dem Luchskopf ist dank Pidax und Amazon als DVD und Stream verfügbar. Honey West ist als englischsprachige DVD erhältlich und zudem finden sich etliche Folgen auf Youtube.

Serien 2018

Weils so schön ist, gleich noch eine Liste. Die Serienneustarts 2018, die mich besonders begeistert haben, sind diese fünf:

Killing Eve

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Eine durchgeknallte Auftragsmörderin namens Villanelle mordet sich durch Europa. Die MI5-Ermittlerin Eve Polastri erkennt die Zusammenhänge, wird aber wegen eines Dienstvergehens gefeuert. Daraufhin erhält sie von der Auslandssektion des MI6 die Chance eine inoffizielle Sondereinheit zu gründen, um die Killerin aufzuspüren. Villanelle bekommt unterdessen Wind von der Sache und entwickelt eine stalker-artige Leidenschaft für Eve. Obwohl zuerst in Todesangst, fühlt sich auch Eve bald zu der unberechenbaren Psychopathin hingezogen. Von da an beginnt ein Katz-und-Maus-Spiel, bei dem die Rollen von Jägerin und Gejagter ständig wechseln.

Dem positiven Medien- und Zuschauerecho kann ich mich nur anschließen. Killing Eve ist sowohl Thriller als auch schwarze Komödie mit wohldosiertem Humor und trotz Blut und Brutalität voller überraschender Leichtigkeit und mit Verve inszeniert – und gespielt. Sandra Oh als zielstrebige Ermittlerin und Jodie Comer als völlig Wahnsinnige, die in sexuelle Erregung gerät, wenn sie ihren Opfern beim Sterben zusieht, bieten hier eine große Show. Warum die Serie noch keinen deutschen Starttermin hat, ist mir ein Rätsel. Nachtrag: Die Serie ist mittlerweile über Amazon Prime auf dem Starzplay Channel und als DVD verfügbar.

 

The Haunting of Hill House

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Die famose Netflix-Horrorserie habe ich bereits hier vorgestellt.

 

The Terror

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Ein echter Downer. Wer was für die gute Laune sucht, muss woanders schauen. Die Serie basiert auf dem gleichnamigen Roman von Dan Simmons, der die gescheiterte Arktis-Expedition von John Franklin thematisiert und mit Elementen des fantastischen und realen Horrors kombiniert. Ironischerweise hätte es das Monster gar nicht gebraucht, denn das wahre Monster ist in dieser Geschichte mal wieder der Mensch selbst.

Die Serie strahlt zu jeder Sekunde die pure Hoffnungslosigkeit aus und der Zuschauer weiß, dass dieses düstere Abenteuer kein gutes Ende nehmen wird. Der Kontrast zwischen der gedrängten Enge in den Schiffen und der weiten arktischen Unwirtlichkeit außerhalb ist gut in Szene gesetzt. Dazu eine feine Schauspielerriege und ein die Atmosphäre unterstreichender minimalistischer Soundtrack. Die erste Staffel steht auf Amazon Prime Video zum Abruf. Eine zweite Staffel ist für 2019 angekündigt, was mich überrascht, denn die Geschichte ist eigentlich auserzählt. Ich hoffe auf eine sehenswerte Weiterführung.

 

Strange Angel

Augurs of Spring

Strange Angel erzählt die Geschichte des Raketenwissenschaftlers Jack Parsons, der in den 1930er Jahren die erste Rakete mit heterogenem Festtreibstoff erfand und so maßgeblich die Raumfahrt beeinflusste. Einen kuriosen Twist erhält Parsons Biografie dadurch, dass er ein Anhänger von Aleister Crowleys okkulter Thelema-Bewegung war. Das prädestiniert die Figur Parsons geradezu für eine spannende Serienumsetzung. Auf der einen Seite Wissenschaftler, auf der anderen Seite Mitglied eines verschrobenen Kults mit sexualmagischen Ritualen. Die erste Staffel von Strange Angel spielt mit diesem Gegensatz auf anschauliche Weise und zeigt, wie und warum Parsons in den Bann der örtlichen Loge gerät, während er gleichzeitig versucht, die Wissenschaft zu revolutionieren.

Die Serie überzeugt visuell und hat eine tolle Besetzung. Zugegebenermaßen könnte die Serie etwas mehr Tempo gebrauchen. Man könnte auch sagen, die Erzählweise korrespondiert mit der Karriere von Parsons, die anfangs mehr als einmal ins Stocken gerät und das nicht nur, weil seine Raketen nicht zünden. Vielleicht befasst sich die Serie tatsächlich etwas zu ausführlich mit den Eheproblemen von Parsons und seinem Nachbarn. Da mich die Geschichte aber so begeistert, kann ich über diese Unzulänglichkeiten hinwegsehen. Die Serie ist bisher leider nur über den Streaming-Dienst CBS All Access zu sehen.

 

The End of the f***ing World

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Der 17-jährige Außenseiter James hält sich selbst für einen Psychopathen und fantasiert von einem Mord, als die neu an die Schule gekommene Alyssa ihn überzeugt sie bei der Suche nach ihrem leiblichen Vater zu begleiten. James willigt ein, weil er sie für sein perfektes erstes Mordopfer hält. Mit einem geklauten Auto begeben sich die Beiden auf einen Roadtrip, der nicht nur die Suche nach Alyssas Vater ist, sondern sich auch als Suche nach Sinn und Bedeutung in einer düsteren Welt entpuppt.

Trotz nihilistischer Weltsicht und rabenschwarzem Humor handelt es sich hierbei um eine romantische Komödie mit Feinsinn. Die Serie hat nicht nur einen originellen Plot, sondern ist außerdem außergewöhnlich gut inszeniert und in 8 mal 25 Minuten schön kompakt erzählt. Staffel 1 steht auf Netflix, eine zweite Staffel ist angekündigt.

 

Honorable Mention

Folgende Serien haben es letztlich nicht ganz in meine Top 5 geschafft, bedürfen aber durchaus besonderer Erwähnung.

Altered Carbon

Viel eye candy, viel Action, solide Story mit etlichen tollen Ideen. Läuft nicht ganz rund, macht aber tierisch Spaß. Freue mich auf die zweite Staffel, auch wenn Joel Kinnaman nicht mehr dabei sein wird.

Lost in Space

Wie Altered Carbon, aber für die ganze Familie. Ein richtig schönes Remake der Serie aus den 1960ern. Irgendwie ist es der Serie gelungen, dass ich über die ganzen Klischees und Logiklöcher und nervenden Figuren hinwegsehen konnte. Erweckte eine kindliche Freude in mir.

Maniac

Äußerst bizarre Mini-Serie, die in einer retro-futuristischen Welt im 1980er-Jahre-Look spielt. Wenig ergibt Sinn, bis zur finalen Folge. Und bis dahin ist es eine irre Reise durch die Gedanken zweier Menschen, die auf seltsame Weise miteinander verbunden sind.

Future Man

Rasante Zeitreisekomödie mit vielen popkulturellen Anspielungen und mit wenig Tabus. Es geht mal wieder um nichts Geringeres als die Welt zu retten, aber die Drehbuchautoren schöpfen aus dem Vollen und schrecken vor nichts zurück. Verdammt lustig.

Impulse

Aus dem mittelmäßigen Science-Fiction-Action-Film Jumper von 2008 hat Youtube eine überraschend gute Coming-of-Age- und Traumabewältigungs-Geschichte gemacht, die weniger auf hektische Rumspringerei und mehr auf Teenage-Angst und Familientragödie setzt. Das ist alles recht schlüssig geschrieben und die Autoren wissen, wann es Zeit ist, die Nebenschauplätze zu verlassen und die Jumper-Haupthandlung weiterzuspinnen.

Star Trek: Discovery

Das ist schon lustig, wie sich die Fanboys über diese Serie empören. Mir haben schon die Kinofilme von J.J. Abrams gefallen und da die Serie eine ähnliche Richtung einschlägt, habe ich auch hier meinen Spaß. Wer Old-School-Star-Trek haben möchte, kann ja The Orville schauen und für die, die ernsthafte Science-Fiction suchen, für die gibt es The Expanse.

Deutschland 86

Nicht so temporeich wie Deutschland 83, dennoch eine sehenswerte Fortsetzung. Behandelt ein sonst eher vernachlässigtes Thema, nämlich die dubiosen Waffengeschäfte der DDR mit dem Apartheid-Regime in Südafrika. Allerdings verliert sich die Serie auch ein wenig in etlichen Nebenplots.

 

Podcast: NostalGeeks!

nostalgeeks

Oh je, ein weiterer Podcast, den ich zukünftig hören muss. Dia Westerteicher von Evil Ed und der Wortvogel Torsten Dewi haben einen neuen Podcast names NostalGeeks! ins Leben gerufen. Die zwei, laut Eigenwerbung, alten Männer reden im vierzehntäglichen Rhythmus über Filme und Serien und anderen Nerdkram (oder muss man sagen Geekkram?) und sparen nicht mit eigenen Anekdoten.

Wer den schon seit einiger Zeit pausierenden Evil-Ed-Podcast vermisst, findet hier gleichwertigen Ersatz. Und diejenigen, die Evil Ed nicht kennen, sollten hier natürlich trotzdem mal reinhören. Obwohl erst eine Folge raus ist, kann ich NostalGeeks schon jetzt getrost empfehlen. Der Podcast ist informativ wie unterhaltsam.

Gerry Anderson’s Firestorm

Als großer Fan von Gerry Anderson und seinen Marionettenserien hat es mich sehr gefreut, als sein Sohn Jamie Anderson vor vier Jahren eine neue Produktion im Geiste seines verstorbenen Vaters ankündigte. Mit Hilfe einer Kickstarter-Aktion konnte eine 9-minütige Pilotepisode produziert werden, die seit Oktober kostenlos auf Youtube verfügbar ist.

Gerry Anderson hatte bereits 2001 die Idee zu dieser Serie, konnte die Serie aber nicht nach seinen Wünschen umsetzen. Aus dem Konzept wurde daraufhin 2003 eine japanische Anime-Serie, also etwas, das kein Fan von Gerry Andersons Marionetten eigentlich sehen will.

Die nun vorliegende Pilotepisode zeigt, wie es besser geht; mit technisch ausgeklügelten Marionetten, detailreichen Miniaturmodellen und echten Explosionen. Wie in guten alten Zeiten eben. Die Episode dient hauptsächlich als Proof-of-Concept und soll Fernsehsender oder Streaming-Anbieter ins Boot holen, um eine komplette Serie zu realisieren. Und die Zeichen stehen nicht schlecht: die Vorproduktion der Serie ist gestartet. Um auf dem Laufenden zu bleiben, empfehle ich die offizielle Facebook-Seite.

Übrigens bin ich immer davon ausgegangen, dass es teurer ist, eine solche aufwändige Puppenserie zu drehen, als eine Serie mit Schauspielern. Auf meine Anfrage hin, belehrte mich Jamie Anderson eines Besseren. Laut seiner Aussage halten sich die Kosten in etwa die Waage.