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Schöne Langeweile bei James Bond

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Kürzlich ist mir aufgefallen, dass Spectre bereits via Heimvideo erhältlich ist und ich nicht einmal den Vorgänger Skyfall gesehen habe. Ja, James Bond steht schon länger nicht mehr auf meiner Prioritätenliste. Und dabei war ich einmal ein großer James-Bond-Fan. Ich bin quasi mit James Bond aufgewachsen. Wie konnte es soweit kommen?

Der Lack ist ab

Mein Bruch mit Bond ereignete sich beim Darsteller-Wechsel von Pierce Brosnan zu Daniel Craig. Zu dieser Zeit, und speziell während der ersten beiden Craig-Bonds Casino Royale und Quantum of Solace, ist mir bewusst geworden, dass sich das Bond-Konzept überholt hat – oder ich dem Konzept einfach entwachsen bin, wie immer man es auch sehen möchte.

Während der Pause zwischen der Brosnan- und Craig-Phase startete die Jason-Bourne-Reihe mit Matt Damon. Nicht zu vergessen, dass bereits zehn Jahre vor Casino Royale, also noch während Brosnan als Bond aktiv war, Tom Cruise mit Mission: Impossible auf der Leinwand erschien. Diese beiden Filmreihen haben dazu beigetragen, dass James Bond bei mir in Wichtigkeit und Ansehen gesunken ist. Die Filme mit Jason Bourne und Ethan Hunt haben all das, was Bond auch hat: Geheimdienstkonflikte, Verschwörungen, Superschurken, brachiale Action, Gimmicks, schöne Frauen, exotische Locations, setzen aber in allen Belangen noch ein Extra oben drauf. Sie sind zeitgemäß und speziell Jason Bourne überzeugt durch bonduntypische Rohheit.

Das Fernsehen soll an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben. Im extremen Klima von 9/11 startete und gedieh die Serie 24, die in vielen Aspekten Standards setzte. Später kamen exzellente Geheimdienstserien wie Rubicon und Homeland hinzu, die mit packender Spannung, komplexen Geschichten und mit – zumindest in Teilen – erschreckendem Realismus glänzen. Im Angesicht dieser frischen Ideen, hat es ein 50 jahre altes Franchise verdammt schwer, vor allem dann, wenn es wie James Bond zwar regelmäßig die Hauptdarsteller auswechselt, im Kern aber stets die gleichen Geschichten erzählt – und diese auch noch nach Blaupause abarbeitet.

Auftritt Daniel Craig

Im Vorfeld war verheißungsvoll von einem Reboot die Rede und es wurde ein James Bond so hart wie nie zuvor versprochen. Ja, Craig hat tatsächlich einen völlig anderen Auftritt hingelegt als Brosnan. Aber es liegt in der Natur der Sache, dass jeder Bond-Darsteller anders aussieht und sich anders darstellt als der vorherige. Inhaltlich und filmisch ändert sich hingegen wenig.

Nach dem nicht schlechten, aber auch nicht besonders beeindruckenden Casino Royale, kam es mit Quantum of Solace sehr viel ärger. Der Film war für mich solch ein Desaster, dass ich den Film mittlerweile vergessen habe. Wenn ich mich richtig erinnere, wurde versucht, die Action mit schnellen Schnitten, Gewackel und Close-Ups dynamischer zu gestalten, was aber mit totaler Unkenntlichkeit der Szenen einherging. Eine belanglose Story und ein besonders blasser Bösewicht gaben dem Film den Rest.

Skyfall und Spectre

Nun habe ich das Wochenende genutzt, um mich auf den neusten Stand in Sachen James Bond zu bringen. Skyfall und Spectre standen an – und keiner der beiden Filme hat mich wirklich begeistert. Ich bin mir nicht mal sicher, ob sie bedeutend besser sind als die beiden Vorgänger. Die Geschichten sind zumindest marginal unterhaltsamer, auch wenn man geteilter Meinung sein kann über die Idee, die gesamte Historie der Figur James Bond auf den Oberschurken Blofeld zu reduzieren, wie es in Spectre getan wird.

Auffällig ist, dass alle Figuren einschließlich Bond, M, Q und Bösewichte – immerhin gespielt von Jarvier Bardem und Christoph Waltz – Charisma vermissen lassen. Sie agieren vor schöner Kulisse wie seelenlose Marionetten. Speziell Daniel Craig, der nun schon seit einiger Zeit öffentlich verlauten lässt, dass er eigentlich gar keine Lust mehr auf Bond hat, sieht man den Verfall über den Zeitraum der Filme erschreckend deutlich an. Dass er älter geworden ist, ist nur natürlich, aber er scheint von Film zu Film immer weniger Interesse an dem zu haben, was er da eigentlich macht. Wieso bin ich bloß hier? Ach ja, ich kassiere 50 Millionen Euro für den Scheiß. Augen zu und durch.

Bardem und Waltz spielen ihre Rollen überdreht, was nicht unüblich für Bond-Schurken ist, aber eine echte Tiefe lassen sie auch nicht erkennen. Zumal wird Beiden ein unspektakuläres Ende zuteil, und man fragt sich, ob es das nun gewesen sein soll mit diesen Verbrecher-Genies.

Was die Bond-Girls betrifft, gibt es sowohl in Skyfall als auch in Spectre eine Neuigkeit. Moneypenny, gespielt von Naomie Harris, darf in Skyfall zusammen mit Bond an einer Mission teilnehmen. Allerdings dauert ihr Einsatz genauso lange wie der Teaser. Dann schießt sie versehentlich Bond an und kehrt an den Schreibtisch zurück. Irgendwie sinnlos. In Spectre spielt mit Monica Bellucci erstmals ein Bond-Girl mit, das älter als der Bond-Darsteller ist. Ihr kurzer Auftritt wird immerhin damit gerechtfertigt, dass Bond von ihr eine wichtige Information erhält. Aber nach der obligatorisch zusammen verbrachten Nacht (dank ab-12-Freigabe nur minimal angedeutet) ward sie nicht mehr gesehen. Dann ist da auch noch Léa Seydoux, die Bond doch tatsächlich einmal das Leben retten darf, darüber hinaus aber auch nur als schöne Stichwortgeberin dient. Diese belanglosen Frauenrollen kann man den Filmen nicht einmal übel nehmen, da, wie erwähnt, alle Figuren irgendwie flach wirken.

Bei den Actionszenen gibt es Licht und Schatten. Spectre überrascht noch mit einer gut gemachten Teasersequenz (lange Kamerfahrt ohne Schnitt Bond folgend), die allerdings in einer wenig überzeugenden Helikopter-Eskapade vor Greenscreen endet. Warum ein 250-Millionen-Dollar-Film nur mittelmäßige CGI hinbekommt, ist ein Rätsel. Später im Film sehen wir eine Flugzeug-Auto-Verfolgungsjagd mit realen Effekten, die bedeutend authentischer wirkt. In Skyfall hingegen wird eine altbackene Vefolgungsjagd aufgetischt, bei der Autos in Obststände krachen. Das war schon in den 1980er Jahren nicht mehr originell. Es ist ohnehin auffällig, dass große Standard setztende Actionszenen, etwas, für das James Bond eigentlich einmal stand, nicht mehr so wirklich vorkommen. Insbesondere im Vergleich zu anderen Filmen des modernen Actionkinos wirken Bond-Filme mittlerweile etwas behäbig. Die Theorie, dass das auch mit dem Regisseur zu tun haben könnte – Sam Mendes sei ein fantastischer Dramaregisseur, der vom Theater kommt, könne aber keine Action –  trifft es nicht wirklich, denn die Bond-Filme werden mit der Unterstützung von etlichen Second, Third und Assistant Unit Directors gedreht. Ein Regisseur alleine, kann einen solchen Film gar nicht stemmen. Das Problem scheint mir eher schon in den Drehbüchern begründet.

Eines muss man beiden Filmen lassen: Sie sehen unglaublich gut aus, Kamerabilder, Sets, Locations, alles schwelgt in opulentem Hochglanz. In der Welt von Bond scheint es gar keinen Dreck, Müll oder Staub zu geben. Selbst das explodierte MI6-Gebäude erinnert eher an hippe Sichtbeton-Ästhetik als an eine entkernte Ruine. Wie das Durchblättern eines Werbekatalogs, wird aber auch diese dauerschöne Optik irgendwann langweilig.

Ausblick

Ich werde mir auch den nächsten Bond-Film anschauen, allerdings bin ich nicht sonderlich gespannt auf ihn. Interessant finde ich die Frage, ob Craig sich noch einmal bewegen lässt, die Doppelnull zu spielen. Winkt erneut ein 50-Millionen-Scheck, dann stehen die Chancen nicht schlecht. Ich würde allerdings begrüßen, wenn er die Rolle endgültig abgibt anstatt sich durch einen weiteren Film des Geldes wegen zu quälen.

Hinter den Kulissen läuft angeblich schon mal vorsichthalber die Suche nach einem neuen Schauspieler. Öffentlich kursieren Namen wie Idris Elba und Tom Hiddleston. Zudem hat sich Gillian Anderson als zukünftige „Jane Bond“ selbst in die Diskussion  gebracht. Gute Namen, von denen keiner der oder die nächste Bond wird, wage ich zu behaupten. Dagegen spricht, dass bisher niemals ein Schauspieler Bond wurde, dessen Name zuvor bereits öffentlich die Runde machte. Ich würde durchaus gerne Idris Elba sehen. Der Mann ist ein guter Schauspieler mit dem Format und der nötigen Coolness für einen James Bond. Allerdings befürchte ich, die Verantwortlichen trauen den Zuschauern keinen schwarzen Bond zu. Auf der anderen Seite wurden bereits sowohl Felix Leiter als auch Moneypenny von schwarzen Schauspielern dargestellt. Das lässt hoffen.

Tom Hiddleston ist in die öffentliche Diskussion gerutscht, weil er kürzlich eine bondähnliche Rolle in der Mini-Serie The Night Manager spielte. Ob er aber ein Franchise über mehrere Filme tragen könnte, wenn er sich dabei stets mit seinen Vorgängern vergleichen lassen müsste? Ich weiß es nicht.

Eine Jane Bond anstelle von James Bond wird es nicht geben. Dazu ist James Bond einfach zu erfolgreich. Eine zusätzliche Filmreihe mit einer weiblichen Heldin wäre eine Option. Aber ich bin mir nicht sicher, ob sich Gillian Anderson oder jede andere Schauspielerin mit einer weiblichen Kopie von James Bond einen Gefallen tun würde. Viel angebrachter wäre es, wenn stattdessen ein neues originales Format entwickelt würde, welches von Anfang an auf eine weibliche Titelrolle zugeschnitten wäre. Das ist sowohl dem Film als auch der Schauspielerin viel dienlicher und beugt außerdem der unausweichlichen Kritik der James-Bond-Fanboys vor. Meine Empfehlung für eine Vorlage für eine solche Filmreihe ist die Comic-Serie Velvet von Ed Brubaker und Steve Epting. Diese enthält zwar viele Reminiszenzen an Bond und das Spyfilm-Genre insgesamt, bringt aber eine völlig eigene Dynamik ins Spiel. Zudem besitzt die Titelheldin Velvet Templeton eine mehr als 30 Jahre umspannende persönliche Historie, die bis in die Nachkriegszeit zurückreicht (ja, der Comic spielt in den 1970er Jahren). Wir sehen hier eine echte Charakterentwicklung, die es in den Bond-Filmen praktisch nie gab.

The End

Als Fazit muss ich das unterstreichen, was ich bereits eingangs schrieb: James Bond ist für mich nicht mehr relevant. Alles hat seine Zeit und Bonds Zeit ist vorbei, zumindest in dieser Form. Ich weiß, Millionen von Kinobesuchern sehen das anders. Hier kommt vermutlich eine Sehnsucht nach Beständigkeit zum Tragen. Wenn man in einen Bond-Film geht, weiß man, was einen erwartet. Solange die Filme so viel Geld einspielen, wird sich an der generellen Ausrichtung nichts ändern. An dieser Stelle kann man die Frage stellen, ob  es überhaupt einen radikalen Wandel bei James Bond braucht. Wie oben erwähnt, existieren heutzutage schließlich genügend Alternativen. James Bond ist in dieser Hinsicht wie eine alternde Rockband. Seit Jahrzehnten da, solides Handwerk, keine Überraschungen, keine Veränderungen, dennoch füllt sie Stadien. Uhrwerksgleich läuft die Kommerzmaschine.

Was immer auch in den nächsten Jahren passieren wird, eines ist sicher:
James Bond will return.

Lost Adult Theaters of New York: Then and Now

Lost Adult Theaters of New York

Das seit einigen Jahren bestehende Blog The Rialto Report veröffentlicht mit unermüdlicher Beständigkeit erstklassige und sehr gut recherchierte Artikel zum klassischen – vorwiegend amerikanischen – Pornofilm der 1970er und 1980er Jahre. Exklusive Interviews mit Stars und Machern, unterhaltsame Podcasts, Fotoreportagen über Filmlocations und einzigartiges Archivmaterial runden das Angebot ab.

Der neuste Beitrag, der mich das rührige Blog hier erwähnen lässt, ist Lost Adult Theaters of New York: Then and Now. Ein wunderbarer Blick zurück auf die vielen Sex- und Grindhouse-Kinos, die in den 70ern und 80ern rund um den Times Square zu finden waren. Gleichzeitig gibt es zu jedem Kino ein vergleichendes Foto aus der heutigen Zeit, was sehr schön zeigt, wie sich die Orte verändert haben. Keine Frage, dass von den ganzen Kinos heute kein einziges mehr existiert.

Bonus-Lesetipp: Who was Navred Reef? (And What Happened to Him?). Ein spannender Artikel über den umtriebigen Pornofilmer Navred Reef, der groß ins Geschäft mit gefälschten Kreditkarten einsteigt und aufgrund fataler Verstrickungen mit der Mafia am Ende mit seinem Leben bezahlt. Irre Geschichte, die hoffentlich eines Tages mal verfilmt wird.

Lance Henriksen Interview

Comicbookgirl19 hat ein Interview mit Lance Henriksen geführt. Es geht um seinen neuen Film Harbinger Down, aber auch um seine Auftritte als Android Bishop in den Alien-Filmen, den Klassiker Near Dark, die Fernsehserie Millenium, den Filmunfall Prometheus und anderes mehr. Ein sympathischer Kerl, der viele Anekdoten auf Lager hat. Ich könnte ihm stundenlang zuhören.

Comicbookgirl19 verfolge ich schon eine Zeit lang und dieser neue Interview-Teil ist definitiv eine gute Ergänzung zur Show. Ich hoffe, es gibt zukünftig mehr davon.

Ugandische Video Hall unterstützen

Mikrokredite werden mittlerweile durchaus kritischer betrachtet, als noch vor einigen Jahren. Nach dem Abwägen von für und wider bin ich zu dem Schluss gekommen, dass Mikrokredite immer noch besser sind, als überhaupt keine Kredite.

Bereits seit zwei Jahren finanziere ich über Kiva Mikrokredite mit. Meine neuste Beteiligung gilt dem Ugander Roben, der eine Video Hall betreibt, die ugandische Version eines Kinos. Eine schöne Sache, das Kulturgut Film auch im entfernten Afrika zu unterstützen. 😉

Zurzeit sind knapp 30% finanziert. Wer mitmachen möchte, jetzt ist die Gelegenheit.

Kiva, Roben, Uganda