Fackeln im Sturm (1985, 1986, 1994)

Auf Amazon Prime habe ich Fackeln im Sturm entdeckt, einen Straßenfeger meiner Kindheit, und ich verspürte irgendwie den Drang, mir dieses Epos mit über 30 Jahren Abstand nochmals anzusehen. Eigentlich bin ich damals zu jung gewesen, aber die Serie war ein solcher Hit, dass man es sich selbst als Grundschüler nicht erlauben konnte, sie zu verpassen. Ich kann natürlich nicht behaupten, dass ich damals alles verstanden hätte. Bürgerkrieg, große Politik, Intrigen, Rassismusdebatte, Familienfehden.

Bei Fackeln im Sturm handelt es sich um drei Mini-Serien des amerikanischen Fernsehsenders ABC. Entsprechend der Romantrilogie von John Jakes, auf der die Produktion beruht, heißen die Serien im englischen Original North and South Book I, Book II und Book III. Man kann das Ganze allerdings einfachheitshalber als eine Serie mit drei Staffeln betrachten.

Fackeln im Sturm erzählt von den Vorgängen unmittelbar vor, während und nach dem amerikanischen Bürgerkrieg, deckt damit die Zeitspanne zwischen den Jahren 1842 und 1866 ab, und stellt dabei zwei Familien in den Mittelpunkt der Handlung. Orry Main (Patrick Swayze) und seine Familie besitzen eine Baumwollplantage mit entsprechender Sklaveninfrastruktur in South Carolina, während George Hazard (James Read) und seine Familie eine Eisenhütte in Pennsylvania betreiben, natürlich sklavenfrei. Zwischen den Familien und speziell zwischen Orry und George entwickelt sich eine tiefe Freundschaft, bevor diese aufgrund der Spaltung des Landes auf eine schwere Probe gestellt wird. Die Serie macht dazu eine große Anzahl von Nebenhandlungen auf und erzählt vom äußeren Konflikt, dem Krieg, genauso wie vom inneren Konflikt der Figuren. Die Spaltung des Landes verläuft durch Familien und zwischen Freunden hindurch. Die Serie lässt außerdem die Perspektive der Sklaven nicht außen vor, was Fackeln im Sturm inhaltlich deutlich interessanter macht, als den heute kontrovers diskutierten Bürgerkriegsklassiker Vom Winde verweht.

Der Ruf der Serie – und das, was mir noch vage in Erinnerung war – haben dazu geführt, dass ich mich geistig auf ein echtes Kitsch-Fest vorbereitet habe. Doch erfreulicherweise wäre das gar nicht nötig gewesen. Fackeln im Sturm ist eine große Seifenoper, da gibt es kein Vertun. Aber eine Seifenoper auf hohem Niveau. Mit einer abwechslungsreichen Handlung, nahezu tadelloser Inszenierung und mit einer guten Besetzung gelingt es der Serie spannend zu unterhalten und zumindest ansatzweise auch ein bischen Geschichte zu vermitteln. Historisch werden die wichtigsten Stationen abgearbeitet und man bekommt einen soliden Eindruck, wie und warum der Krieg geführt wurde. Einen  wissenschaftlich-kritischen Geschichtsunterricht dürfte man hier ohnehin nicht erwarten.

Zwei Dinge haben mich besonders überrascht. Für eine Fernsehserie aus den 1980er Jahren hat sich Fackeln im Sturm erstaunlich gut gehalten. Das liegt an der filmischen Inszenierung mit Kamerafahrten am Kram und Massenszenen mit hunderten von Statisten auf dem Schlachtfeld, und an den auch heute noch beeindruckenden Sets und Kostümen. Das passt alles gut zusammen und wirkt nur selten kulissenhaft.

Eine weitere Überraschung für mich, weil es mir damals als Kind natürlich nicht bewusst war, sind die ganzen Cameos berühmter Schauspieler: Robert Mitchum, James Stewart, Hal Holbrook, Elizabeth Taylor, Olivia de Havilland (bekannt aus Vom Winde verweht), Lloyd Bridges… und Michael Dudikoff, der zwar damals kein berühmter Schauspieler war, sich nach Fackeln im Sturm aber zu einem der bekanntesten B-Action-Stars der 80er und 90er Jahre entwickeln sollte. Nicht zu vergessen, dass auch der spätere Star-Trek-Commander Jonathan Frakes hier ebenso eine größere Rolle hat.

Damit steht recht viel auf der Habenseite. Ganz kritiklos will ich die Serie aber nicht abfeiern. Stellenweise kommen mir zu sehr die traditionellen Seifenoperelemente durch. Das fängt bei den Figuren an, die alle erdenklichen Archetypen abdecken, vom guten Sklavenbesitzer, der von den Sklaven profitiert und sich seiner Familie verpflichtet fühlt, aber dennoch irgendwie spürt, dass Menschen wie Dinge zu besitzen, nicht richtig ist, bis zur intriganten Schwester, die über Leichen geht. Es werden einfach etwas zu viele melodramatische Momente aufgetischt. Hier noch eine Affäre, dort noch schnell ein Duell wegen einer Lappalie. Immerhin gilt es, eine Gesamtspielzeit von über 22 Stunden zu füllen.

Das größte Manko der Serie ist allerdings zweifellos die dritte Staffel. Staffel 1 und 2 erschienen 1985 und 1986, zwei bzw. drei Jahre nach den Romanen von John Jakes, und bilden eine schöne runde Geschichte mit einem versöhnlichen Ende. 1987 erschien Jakes abschließender dritter Roman der Reihe, der ursprünglich eigentlich gar nicht verfilmt werden sollte. Einige Jahre später überlegte man es sich bei ABC offensichtlich doch anders und schob 1994 noch die dritte Staffel hinterher. Vermutlich war der große Erfolg der Serie zu verführerisch, als dass man darauf hätte verzichten können, die Kuh noch weiterzumelken.

Positiv ist zu vermerken, dass auch die dritte Staffel visuell ansprechend ist und dass etliche Schauspieler der ersten und zweiten Staffel wieder mit an Bord sind. Im Falle von Patrick Swayze stand man allerdings vor einem Problem. Kurz nach der zweiten Staffel feierte Swayze mit dem Film Dirty Dancing seinen Kino-Durchbruch. Anfang der 90er Jahre folgten weitere Hits wie Ghost und Point Break. Völlig ausgeschlossen, dass Swayze für eine dritte Staffel zur Verfügung stehen würde. Das war eine Zeit, in der man als Schauspieler nicht mehr ins Fernsehen zurückkehrte, wenn man einmal den Sprung ins Kino geschafft hatte (oben genannte Cameos ausgenommen). Vielleicht war Swayze auch mittlerweile auch einfach zu teuer. ABC musste daher eine Lösung für die Figur Orry Main finden. Neu besetzen oder aus der Geschichte rausschreiben. Man entschied sich für Letzteres und leider tat man dies auf denkbar schlechteste Weise.

Man könnte darüber hinwegsehen, wenn denn der Rest der Staffel wenigstens spektakulär wäre. Aber inhaltlich beschränkt sich die Staffel auf eine simple Rachegeschichte. Es gibt durchaus einige gute Ansätze. So versuchen die Protagonisten ihr Leben zu ordnen und ihre Geschäfte wieder aufzubauen. Die ehemaligen Sklaven müssen feststellen, dass das Ende der Sklaverei nicht das Ende des Rassismus bedeutet. Der Ku Klux Klan taucht auf. Es wird ein Massaker an Cheyenne verübt. Letztlich werden all diese Themen aber nur angerissen und es ergibt sich wenig daraus. Mit einer Länge von 3 x 90 Minuten ist die dritte Staffel auch nur halb so lang wie die vorherigen. Sind die Ideen ausgegangen oder das Geld? So bleibt der Eindruck, dass die dritte Staffel ein eigentlich überflüssiger Nachtrag zu einer längst fertigerzählten Geschichte ist.

Es schmälert die Qualität der Serie aber nur geringfügig, egal ob man nun die dritte Staffel als Teil der Serie betrachtet oder sie gedanklich streicht. Fackeln im Sturm ist ein amerikanisches Serienepos, das mich in seiner Gesamtheit nach all den Jahren doch tatsächlich ziemlich gut unterhalten und ein Stück weit auch immer noch beeidruckt hat. Wider erwarten.

Lost Adult Theaters of New York: Then and Now

Lost Adult Theaters of New York

Das seit einigen Jahren bestehende Blog The Rialto Report veröffentlicht mit unermüdlicher Beständigkeit erstklassige und sehr gut recherchierte Artikel zum klassischen – vorwiegend amerikanischen – Pornofilm der 1970er und 1980er Jahre. Exklusive Interviews mit Stars und Machern, unterhaltsame Podcasts, Fotoreportagen über Filmlocations und einzigartiges Archivmaterial runden das Angebot ab.

Der neuste Beitrag, der mich das rührige Blog hier erwähnen lässt, ist Lost Adult Theaters of New York: Then and Now. Ein wunderbarer Blick zurück auf die vielen Sex- und Grindhouse-Kinos, die in den 70ern und 80ern rund um den Times Square zu finden waren. Gleichzeitig gibt es zu jedem Kino ein vergleichendes Foto aus der heutigen Zeit, was sehr schön zeigt, wie sich die Orte verändert haben. Keine Frage, dass von den ganzen Kinos heute kein einziges mehr existiert.

Bonus-Lesetipp: Who was Navred Reef? (And What Happened to Him?). Ein spannender Artikel über den umtriebigen Pornofilmer Navred Reef, der groß ins Geschäft mit gefälschten Kreditkarten einsteigt und aufgrund fataler Verstrickungen mit der Mafia am Ende mit seinem Leben bezahlt. Irre Geschichte, die hoffentlich eines Tages mal verfilmt wird.

Comicserie: Manifest Destiny

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Seit einer ganzen Weile schon begeistert mich die Comicserie Manifest Destiny von Chris Dingess, der auch als Autor und Produzent im Fernsehserienbereich aktiv ist. Manifest Destiny folgt der berühmten Lewis-und-Clark-Expedition, die als erste Überlandexpedition zur amerikanischen Pazifikküste in die Geschichte einging. Dingess nimmt dieses Stück historische Entdeckertum als Hintergrund, setzt Wegpunkte, die sich an realen Ereignissen orientieren, und lässt dann seiner Fantasie freien Lauf. Manifest Destiny ist eine mit mit viel menschlichem Drama ausgestattete klassische Abenteuer-Geschichte, die ihr Augenmerk deutlich auf die Entdeckung der Flora und Fauna eines unerforschten Landes legt.

Ganz anders als im Falle der realen Entdecker Lewis und Clark, birgt die amerikanische Wildniss für die Protagonisten im Comic nämlich vorwiegend Kurioses und albtraumhaften Horror. Gigantische Pflanzenbögen, die in den Himmel wachsen, säumen die Landschaft, seltsames Moos lässt Menschen zu Zombies mutieren, Zentauerwesen bevölkern die Prärie und Monsterfrösche lauern in den Flüssen. Dieses unerforschte Amerika ist so betörend schön wie tödlich.

Manifest Destiny 02

Tagebucheinträge von Lewis geben der Geschichte die erzählerische Tiefe. Besonders unterhaltsam wird es, wenn Lewis verzweifelt versucht, seinen obskuren Entdeckungen eine wissenschaftliche Erklärung zu geben, der Leser dabei stets nah dran an Autopsien und Untersuchungen der Tier- und Pflanzenwelt und deren Auswirkung auf die Menschen.

Manifest Destiny ist vor allem so gut, weil der Comic eine gelungene Balance zwischen Abenteuer und Horror hält, und das Ganze mit einer fein dosierten Portion Ironie überzieht. Die liegt schon im Titel begründet: Manifest Destiny ist der Terminus, mit der im 19. Jahrhundert die Amerikaner ihre gottgegebene Bestimmung beschrieben, die Expansion nach Westen weiterzutreiben. Auf diese Hybris wird im Comic auf subtile Weise und mit gewandtem Wortwitz angespielt.

Zu allem Überfluss machen sich hier Lews und Clark auch noch mit einer Horde von Straftätern auf den Weg, die im Grunde nichts mehr zu verlieren haben und die in der Expedition ihre letzte Chance sehen, sich zu rehabilitieren. Deren Geschichte und die Hintergründe der Expedition werden in kurzen Rückblenden erzählt, die sich harmonisch in die Handlung einfügen.

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Ins Bild gesetzt wird die Geschichte von Zeichner Matthew Roberts und Kolorist Owen Gieni. Die Zeichnungen sind wunderbar detailert. Besondere Beachtung verdienen die faszinierenden Mimiken der Figuren. Roberts gelingt es mit Leichtigkeit eine große Bandbreite an menschlichen Gefühlsregungen den Figuren ins Gesicht zu zeichnen. Ebenso interessant ist der Bildaufbau mit vielen Nahaufnahmen, verschachtelten Panels und Panels, deren Inhalt von einem Panel ins nächste übergeht. Nicht selten kündigen aufeinander folgende kleine Panels ein großes Ereignis an, welches dann mit einer seitenfüllenden Zeichnung bombastisch aufgelöst wird. Die groteske Story des Comics findet in der bildlichen Darstellung zur Perfektion.

Manifest Destiny 03

Bisher sind 13 Ausgaben erschienen und laut des Autors soll die Serie noch eine ganze Weile weiterlaufen. Wie üblich bei Image-Comics, erscheinen regelmäßig Sammelbände, die jeweiles 6 Ausgaben zusammenfassen und günstig im Buchhandel zu kaufen sind. Meine Empfehlung!

Weil sie so schön sind, hier die Cover der ersten 12 Einzelausgaben.