36 Kilo Buchpaket vom Taschen-Sale

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Wenn Taschen eine Sale-Aktion veranstaltet, fällt es mir immer schwer zu widerstehen. Obwohl die letzte Aktion noch nicht besonders lange her ist, habe ich auch diesmal ein paar schöne und vor allem schwere Bücher an Land ziehen können.

Pieter Bruegel. Das vollständige Werk (85€ statt 150€)

Trotz Preisreduzierung immer noch ein ordentlicher Pappenstil. Aber aufgrund der Aufmachung und Qualität mehr als gerechtfertigt. Im gleichen Format habe ich bereits den Hieronymus Bosch. Bei den alten Meistern, deren Werke so detailreich sind, lohnt sich einfach das großformatige Buch. Man kann das Teil natürlich nur am Tisch studieren. Mal eben locker in der Hand durchblättern ist bei dem Gewicht nicht drin.

Dark City – The Real Los Angeles Noir (40€ statt 75€)

Mit diesem Buch habe ich schon länger geliebäugelt und bin nun froh, auf den Sale gewartet zu haben. Eine betörende wie beklemmende Fotodokumentation der düsteren Seite des Los Angeles der 1920er bis 1950er Jahre. Mord, Drogen, Prostitution, gescheiterte Schauspielexistenzen, versiffte Spelunken und Stripclubs, seltsame Sekten und ein kleines bischen Hollywood-Glamour. Besonders gut gefällt mir hier auch die Aufmachung: Halbleinen mit blutigen Einschusslöchern im Buchdeckel und ein Pappschuber. Im Buch eingebunden sind außerdem jeweils mehrere Seiten umfassende Faksimile von zeitgenössischen Magazinen.

Buchumschläge der Weimarer Republik (30€ statt 50€)

Zeigt und kommentiert über 1000 Buchumschläge aus der Weimarer Republik. Viele politische Werke sind hier enthalten, aber auch Gesellschaftliches, Unterhaltungsliteratur, Kunst und Kinderbücher. Wer sich für Bücher, Design, Illustration und diese Zeitepoche interessiert, findet hier eine kleine Schatzkiste. Und vielleicht auch den einen oder anderen Kauftipp fürs Antiquariat.

Die Welt der Ornamente (25€ statt 50€)

Ornamentik scheint mir ein sehr nischiges, spezielles Spezialthema zu sein. Ornamente werden als schmückendes Beiwerk häufig einfach übersehen. Völlig zu Unrecht. Ornamente sind fantastische oftmals hochkomplexe Kunst. Dieses Buch vereint zwei der großen enzyklopädischen Ornamentik-Sammlungen des 19. Jahrhunderts: L’Ornement polychrome (Band I und II) von Auguste Racinet und  L’Ornement des tissus von Auguste Dupont-Auberville. Die findet man zwar auch online digitalisiert (siehe Links), aber als Nachdruck in diesem gigantischen Buch wirken die Bildtafeln doch noch mal beeindruckender. Der Vorteil des Buchs ist auch, dass sämtliche Tafeln dreisprachig kommentiert sind.

100 Filmklassiker des 20. Jahrhunderts (15€)

War zwar nicht Teil des Sales, aber für 15€ habe ich es mitgenommen. Das kompakte Format bei über 800 Seiten ergibt einen schönen kleinen Schmöker. Gute Texte und viele tolle Bilder sind hier enthalten. Das Buch fängt mit The Birth of a Nation von 1915 an und hört mit Crouching Tiger, Hidden Dragon von 2000 auf. Es sind alles Filme, auf die man sich als Klassiker einigen kann. Es gibt aber auch die eine oder andere Überraschung. Spätestens bei Face/Off von John Woo werden sich die Geister scheiden.

Die originalgetreuste Dracula-Verfilmung

James Rolfe alias The Angry Video Game Nerd beschäftigt sich in einem aktuellen Video mit einem meiner Lieblingsbücher; oder besser gesagt dessen Verfilmungen. Er beantwortet die Frage, welcher Film wohl die originalgetreuste Umsetzung von Bram Stokers Dracula ist. Das Ganze kommt aus naheliegenden Gründen nicht ohne subjektive Vorauswahl aus. Aus der Vielzahl der Dracula-Filme hat sich James zwölf der aussichtsreichsten Kandidaten ausgesucht – und ich würde behaupten, die Auswahl ist gelungen – und prüft diese Filme anhand einer Checkliste auf die wichtigsten Figuren, Elemente und Handlungsdetails des Buches.

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Rein instinktiv hätte ich vermutet, dass Francis Ford Coppolas Verfilmung von 1992 ziemlich weit vorne rangieren müsste. Und in der Tat ist es auch so. Coppolas Version liefert sich bis zum Schluss ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit der BBC-Verfilmung von 1977, die letztlich knapp gewinnt. Nicht nur, weil die BBC-Version die meisten Übereinstimmungen mit dem Buch hat, sondern auch weil Coppolas Version deutlich mehr Elemente hinzudichtet, die im Buch gar nicht vorkommen. Immerhin ist der Coppola-Film der einzige von den zwölf Filmen, der die Briefkorrespondenz mit in die Handlung integriert. Stokers Roman besteht bekanntlich ausschließlich aus Briefen, Tagebucheinträgen und Zeitungsausschnitten. Auf Platz 3 landet ein Film, den ich gar nicht mehr auf dem Schirm hatte: Jess Francos Nachts, wenn Dracula erwacht von 1970.

Hard Case Crime – Comics!

Seit über 10 Jahren erscheinen unter dem Label Hard Case Crime Krimiromane von namhaften Autoren. Neue Geschichten im klassischen Hardboiled-Stil. Fans dieser Reihe und solche, die es werden wollen, können sich nun auch über Hard-Case-Crime-Comics freuen, die bei Titan Comics erscheinen. Autoren der Buchreihe liefern hierzu Geschichten, die noch nicht in Romanform erschienen sind.

Bisher sind drei inhaltlich und grafisch sehr unterschiedliche Serien veröffentlicht worden, die mir allesamt sehr gut gefallen:

1: Peepland

Spielt im Rotlichtmilieu von New York, 1986. Als der Times Square schmuddelig und jeder zweite Laden ein Pornokino oder Striplokal war. Leichen, Erpressung, Korruption.

2: The Assignment

Ein Profikiller wird entführt, betäubt und erwacht Monate später umoperiert als Frau. Zugegeben, das ist etwas weit hergeholt, aber wenn man sich darauf einlässt, irre gut.

3: Triggerman

Klassische Gangster-Ballade der 1930er Jahre. Ursprünglich von Walter Hill als Drehbuch verfasst, aber nie als Film realisiert.

Im Laufe des Jahres erscheinen drei weitere Serien: Quarry, Normandy Gold und Millenium: The Girl with the Dragon Tattoo. Besonders bin ich auf Quarry gespannt, denn die auf der Buchreihe basierende Fernsehserie hat mich letztes Jahr ziemlich begeistert.

 

 

Kostenlose Kunstliteratur zum Download

Das Metropolitan Museum of Art betreibt unter der Bezeichnung MetPublications ein umfangreiches Programm von Kunstliteratur. Das Tolle ist, dass ein Großteil der Veröffentlichungen kostenfrei als PDF runtergeladen werden kann. Dazu zählen die Periodika The Metropolitan Museum of Art Bulletin und The Metropolitan Museum Journal, aber auch die meisten vergriffenen Bücher aus dem Programm. Die kostenlosen Downloads zählen zurzeit fast 1300 Veröffentlichungen. Eine ganz großartige Sache.

Stanislaw Przybyszewski – De Profundis

Von dem deutsch-polnischen Schriftsteller mit dem mir unaussprechlichen Namen kannte ich bisher nur Die Synagoge des Satans, eine Abhandlung über die Entstehung des Satanismus. Dem heutigen Stand der Forschung, das Buch erschien immerhin 1897, hält das Werk zwar nicht immer Stand, aber für alle am Thema Interessierten, ist Die Synagoge des Satans nach wie vor eine empfehlenswerte Lektüre, nicht zuletzt dank Przybyszewskis packendem Stil. Eine Neuausgabe ist unter dem Titel Die Gnosis des Bösen erschienen, wahrscheinlich um nicht den falschen Eindruck entstehen zu lassen, hier handele es sich in irgendeiner Weise um ein antisemitisches Werk. Die Neuausgabe ist zudem mit Fußnoten und Übersetzungen der lateinischen und französischen Zitate versehen, die das Lesen erheblich erleichtern. Da das Urheberrecht am Originaltext abgelaufen ist, kann man diesen zum Beispiel hier herunterladen.

Die Synagoge des Satans ist nur ein kleiner Teil von Przybyszewskis Werk, das sich von der Kritik (Chopin, Nietzsche) über den Naturalismus bis zum magischen Symbolismus erstreckt. Daher war es für mich an der Zeit, auch einmal einen Blick auf das zu richten, was Przybyszewski sonst noch so verfasst hat. Doch wo anfangen?

Meine Wahl fiel auf De Profundis, Aus der Tiefe.

Bei De Profundis (Volltext) handelt es sich um eine relativ kurze Erzählung. Przybyszewski stellt dem Buch ein umfassendes Vorwort voran, in dem er seine Beweggründe und Vorstellungen von Literatur und Kunst darlegt. Demnach versucht Przybyszewski mit De Profundis das Gebiet des normalen Denkens zu verlassen und sich von Goethe, den er für „den Maßstab des Empfindens des Bürgertums“ hält, abzusetzen. In blumigen Worten beschreibt Przybyszewski das, was als Blaupause des ursprünglichen Symbolismuses angesehen werden kann, das Sichtbarmachen des Innersten:

In »De profundis« handelt es sich um die Manifestation des reinen Seelenlebens, der nackten Individualität, des Zustandes der somnambulen Ekstase, oder wie die zahllosen Worte auch heißen mögen, die eine und dieselbe Tatsache ausdrücken, die Tatsache nämlich, daß es noch etwas Anderes gebe außer dem dummen Gehirn, ein au delà vom Gehirn, eine unbekannte Macht mit seltsamen Fähigkeiten begabt, nämlich: die Seele – die Seele, die Ekel empfand, in der fortwährenden Berührung mit der lächerlichen Banalität des Lebens zu stehen und sich das Gehirn geschaffen hatte, um sich nicht jeden Tag prostituieren zu müssen …

Schon hier, De Profundis erschien 1895, nimmt Przybyszewski vorweg, was er später als Chefredakteur der Krakauer Zeitschrit Das Leben (Zycie) als seine Auffassung der neuen Kunst verbreitet. Diese neue Kunst soll von allen moralischen und gesellschaftlichen Zwängen befreit und ein Ausdruck der totalen Individualität sein.

Weiterhin distanziert er sich vom Inhalt seiner Geschichte, ja, er behauptet, seine Geschichte habe gar keine Handlung :

Was ich also mit meinem »De profundis« bezwecke, ist einzig und allein, ein seelisches Phänomen darzustellen – ich denke die Seele immer im schroffsten Gegensatz zum Gehirne. Das ist Alles. Aber ja: die Handlung! Hm, die Handlung, vielleicht auch Situation, Verwicklung, Intrige u. s. w. Ich pflege keine Handlung zu haben, weil ich das Leben der Seele schild’re und die Handlung ist nur eine Kulisse der Seele, eine schlecht bemalte Kulisse, wie sie auf einer Liebhaberbühne einer Kleinstadt zu sehen ist. Das Leben bedarf keiner Handlung, um Konflikte zu erzeugen. Dazu genügt ein harmloser Gedanke, der nach und nach vom ganzen Menschen Besitz nimmt und ihn zu Grunde richtet.

De Profundis besitzt zumindest einen roten Faden, die Idee einer Geschichte. Und die geht so: Der namenlose Protagonist ist zu Besuch in einer namenlosen Stadt, in der er seine Schwester Agaj nach langen Jahren der Funkstille wiedertrifft. Das pikante Detail, das sich im Laufe der Handlung entspinnt, ist, dass die beiden einst eine inzestuöse Beziehung führten und sich immer noch, wenn auch sträubend, zueinander hingezogen fühlen.

Die Inzest-Geschichte nutzt Przybyszewski als Kulisse, um in den Fieberwahn des Protagonisten einzutauchen. Symbolismus bedeutet meist auch immer Traum. Das Wort Traum ist hier weniger zu verstehen als der schlafende Traum, sondern mehr im Sinne eines überhöhten Zustandes, des Ideals,  oder in diesem Fall: des grenzenlosen Abgrunds. Przybyszewski gelingt es ausgezeichnet, die brüchige Realität der Geschichte mit dem Wahn des Protagonisten verschwimmen zu lassen.

Endlich packte er gierig ein Buch, das auf dem Nachttisch lag: Auf der ersten Seite sein eignes Portrait.

Er sah flüchtig hin: sein Blut gerann vor Schreck. Er sah wieder hin: die Linien schienen lebendig zu werden, das Gesicht wuchs, bekam Leben, schien sprechen zu wollen …

Er blätterte ein paar Seiten um und fing an laut zu lesen. Aber seine Stimme klang ihm dröhnend im Gehirne wieder, und er hatte das Gefühl, daß der Andre im nächsten Moment hervorkriechen werde, bald, bald werde er aus dem Buche herauswachsen und ihn anstarren …

Das ganze Buch bekam etwas Lebendiges, es schien sich in seinen Händen zu bewegen, er warf es entsetzt weg, aber es bewegte sich, es kroch auf dem Boden umher, der Andre arbeitete sich mühsam hervor, jetzt, jetzt würde er ihn sehen …

Er sprang rasend aus dem Bett, warf sich mit seinem ganzen Körper über das Buch, packte es dann mit den Händen, würgte es, riß es auseinander, aber er fühlte, daß er hochgehoben wurde, gewaltsam, wie von einer Winde hochgeschraubt …

Das ist Wahnsinn, das ist Wahnsinn! schrie es in ihm. Er sprang auf, stierte wie abwesend auf das Buch: die Vision war vorüber, aber er hatte Angst es aufzuheben.

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Parodie Humaine von Félicien Rops

Im klassischen Symbolismus existieren im Wesentlichen zwei Formen der Weiblichkeit; das überhöhte Engelhafte und die diabolische Verkörperung. Sowohl in Literatur als auch in der bildenden Kunst werden Frauen üblicherweise als eines dieser beiden Extreme dargestellt. Agaj  ist für den Protagonisten in De Profundis beides auf verschiedenen Ebenen. Sie wird ihren Bruder in den Wahnsinn und letztlich in den Tod treiben. Sie ist der Succubus, der ihm die Lebensenergie aussaugt. Das Wort Vampir wird von Przybyszewski mehrmals benutzt. Przybyszewski beruft sich im Vorwort auf den französischen Künstler Félicien Rops, dessen Werke für Przybyszewski die „Offenbarung der Seele im Geschlechtsleben“ sind. Laut Przybyszewski steht Rops im Einklang mit den mittelalterlichen Diabologen wie Bodinus, Sinistrari, Del Rio und Sprenger. Dieser Vergleich zwischen dem tabubrechenden Bohemien Rops und den fehlgeleitenden Hexentheoretikern kann jedoch allenfalls oberflächlich gelten.

Ein Weib glitt in sein Bett. Ihre Glieder wanden sich langsam um seinen Körper, zwei schmale Arme umklammerten ihn fest, schmerzhaft fest, und er fühlte die Spitzen zweier Mädchenbrüste sich in seinen Körper hineinglühen […]

Jetzt erlahmten seine Hände, er ließ sie los. Und da wälzte sie sich über ihn, er hörte sie schreien, er fühlte, wie sie mit den Zähnen ihm die Halsadern zerschnitt, wie sie ihre Hände wühlend in seinen Körper vergrub.

Gleichzeitig erscheint dem Bruder Agaj auch  als das Erstrebenswerte zur Vollkommenheit, nämlich in Form des Kindes das sie einst war.

Du hast mich nie als Schwester geliebt. Du zittertest immer nach mir, so wie ich jetzt nach Dir zittre. He, he: Weißt Du noch? Einmal, als Du Deinen Geburtstag hattest und so viele Kinder zu uns kamen? Wir spielten Versteck. Immer bist Du zu mir in die dunkelsten Ecken geschlichen und drücktest Dich heiß an mich. Sieh mich doch an, laß Dir doch in die Augen sehen … Weißt Du noch, als wir Beide so heiß wurden und uns beinahe erwürgt hätten in einer Lust, die sonst Kinder nicht zu haben pflegen? He, he … Da wurd‘ ich Mann …

Dies führt direkt zum Motiv der androgynen Vereinigung.

Er lachte, er schrie mit, aber er ließ das Weib nicht los. Er fraß sich mit den Fingern in ihren Leib. Ihr Herz fühlte er in seinem Körper klopfen, schwer, dumpf wie einen Klöppel gegen die geborstene Metallwand der Glocke, zwei Herzen fühlte er plötzlich Blut in sein Gehirn emporschießen, sich an einander reiben, und einander wund zerschürfen […]

Deine Seele klopft mir entgegen, Dein Blut fließt in meine Adern über, und Dein Geist strömt in mich über, Dein Geist mit der ganzen Hölle von Schmerz, mit der abgründigen Tiefe von Qual. Hörst Du mich sprechen? Hörst Du Dich in mir sprechen? Du hast mich sprechen gelehrt, Du hast Deine Worte in meine Seele gepflanzt

In Ansätzen ist zu erkennen, was Przybyszewski später noch intensiver beschäftigen wird. Fünf Jahre nach De Profundis veröffentlichte er Androgyne (Volltext), in dem er den magischen Gedanken des Androgynen noch vertieft. Ähnlich wie der Okkultist und Autor Joséphin Péladan, dessen Salon de la Rose-Croix Ende des 19. Jahrhunderts wichtiger Treffpunkt für die französischen und belgischen Symbolisten war, scheint Przybyszewski dieses Thema mit leidenschaftlicher Besessenheit zu verfolgen.

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Wiedervereinigung des Männlichen (Adam) und Weiblichen (Sophia)

Diese Idee des Androgynen, die bei  Przybyszewski, Péladan und anderen Künstlern dieser Zeit zu finden ist, geht zurück auf eine gnostisch-kabbalistische Lehre, die insbesondere durch Jacob Böhme , der von Paracelsus inspiriert wurde, Verbreitung fand, und später von Künstlern wie William Blake aufgegriffen wurde. Böhmes Ansicht nach war der biblische Uradam zweigeschlechtlich, er trug das weibliche Prinzip als Lichtleib der himmlischen Jungfrau Sophia in sich. Nach dem Sündenfall wurden Adam und Sophia getrennt, womit die geistliche Verbindung zu Gott unterbrochen war. Seitdem streben Adam und Sophia der Wiedervereinigung entgegen, um in die „erste Herrlichkeit“ zurück zu gelangen. Die Illustration auf der linken Seite stellt die Wiedervereinigung Adams und Sophias dar (Dionysos Andreas Freher, 1649-1728). Adam fährt hinab in die Hölle, wo er den Tod besiegt, dann aufsteigt in den Himmel, um die Urandrogynität mit Sophia wieder herzustellen. Dieses Vereinigungsprinzip findet seine Entsprechung in der Alchemie, wo Sol & Luna bzw. Mercurius & Sulfur über einen mehrstufigen Prozess zum Lapis, dem philosophischen Mercurius, vereinigt werden sollen. Bei William Blake werden Adam und Sophia zu spectre (Geist, Spuk) und emanation (Strahlkraft).

Bedingt durch die innere Zerissenheit der Figuren in De Profundis, führt der Weg aber nur ins Unheil. Mit der Erkenntnis des Bruders, dass die Liebe zu seiner Schwester über das eigentlich Normale hinausgeht, suchen ihn die apokalyptischen Phantasmen heim. In gewisser Weise ähnelt dies dem Höllenabstieg Adams nach Bömscher Lesart. Allerdings wird der Bruder aus dieser Hölle nicht mehr entkommen. Die Suche nach Vollkommenheit ist Schmerz und muss zwangsläufig im Verhängnis enden. Die Einheit kann nicht mehr hergestellt werden und an diese Erkenntnis schließt sich der Tod als einziger Ausweg an.

De Profundis überzeugt als eindringlicher Blick auf das Geschlechtliche zwischen Symbolismus und Dekadenz. Morbide Erotik und eine unterschwellige Atmosphäre der Angst und Beklommenheit begleiten diese Geschichte. Das reine Seelenleben darzustellen, wie es Przybyszewski im Vorwort beschreibt, ist ihm mit De Profundis auf beeindruckende Weise gelungen.

Literatur:

  • Lexikon des Symbolismus, Jean Cassou
  • Lexikon der phantastischen Literatur, Zondergeld/Wiedenstried
  • Ach, wäre fern, was ich liebe!, Anja Elisabeth Schoene
  • Alchemie und Mystik, Alexander Roob
  • Die Erleuchteten, Karl R. H. Frick
  • Licht und Finsternis, Karl R. H. Frick
  • Félicien Rops, Hans Joachim Neyer

 

 

The Boats of the Glen Garrig

Die Funeral-Doom-Band Ahab veröffentlicht nun seit fast einer Dekade mit schöner Regelmäßigkeit alle drei Jahre ein formidabel ausgeklügeltes Konzept-Album, in dem es sich thematisch stets um das Meer dreht. Angefangen hat alles 2006 mit The Call of the Wretched Sea, passend zum Bandnamen basierend auf Melville’s Moby Dick. Es folgten The Divinity of Oceans, basierend auf der wahren Geschichten vom Untergang des Walfängers Essex im Jahr 1820, und The Giant, basierend auf Poe’s Der Bericht des Arthur Gordon Pym.

Als die Band ihr erstes Album veröffentlichte, wurde noch darüber gescherzt, dass eine Band mit diesem Namen und dem nautischen Dauerkonzept, sich womöglich selbst zu sehr limitieren würde. Aber die klassische Literatur bietet genug tolle Seemannsgeschichten. Schon damals dachte ich, dass die Geschichten von Horrormeister William Hope Hodgson eine tolle Vorlage bieten würden. Ahab haben nun tatsächlich auf Hodgson zurück gegriffen und mit dem neuen Album seinen Roman The Boats of the Glen Garrig vertont.

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Die dicht erzählte Gruselgeschichte handelt vom Überlebenskampf einer Gruppe von Schiffbrüchigen, die auf einer Tanginsel auf seltsame Wesen stoßen. Das wunderbare, aber vielleicht einen Tick zu bunt geratene Cover, stammt von Grafiker Sebastian Jerke, der ebenfalls für jeden Song eine eigene doppelseitige Illustration im CD-Booklet gestaltet hat. Dieses wird dankenswerter Weise auch beim Download mitgeliefert (gilt zumindest für amazon.de).

Auch wenn Ahab seit jeher als Funeral-Doom-Band bezeichnet wird, stand ihr dieses enge Korsett noch nie so wirklich. Es ist wahrscheinlich lediglich der Begriff, der am nächsten kommt. Die Einflüsse sind ja zweifellos da, aber wer Funeral-Doom bisher nur als stark begrenztes Genre kannte, in dem möglichst langsam und möglichst verzweifelt monoton rumgeklagt wird, den werden Ahab überraschen. Die Atmosphäre, die Ahab erzeugen, ist einzigartig. Für Funeral-Doom ist die Musik ausgesprochen dynamisch. Über die vier Alben hinweg lässt sich eine Verbreiterung des Genres erkennen. Mehr Klargesang, längere Ambientpassagen und mit „Like Red Foam (The Storm)“ beinhaltet das neue Album gar den schnellsten Song, den die Band bisher geschrieben hat. Eine akkuratere Repräsentation des Ahab-Sounds bietet allerdings der Album-Opener The Isle, der davon handelt, wie die Crew die Insel erreicht.

 

Zufälligerweise habe ich kürzlich eine Sammlung von digitalen Ausgaben des Science-Fiction- und Fantasy-Magazins Famous Fantastic Mysteries heruntergeladen. Dieses amerikanische Magazin erschien zwischen 1939 und 1953, anfangs beim Verlag von Frank Munsey, der sehr großen Anteil an der Verbreitung der Pulp-Fiction-Magazine hatte.

Ausgabe #6 von 1945 enthält als Titelgeschichte Hodgson’s The Boats of the Glen Garrig. Sowohl Titelbild als auch die Innenillustrationen stammen von Lawrence Sterne Stevens. Und da die so fantastisch sind, poste ich alle Illustrationen an dieser Stelle.

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Die Originalgeschichte von Hodgson ist bereits seit geraumer Zeit urheberrechtsfrei und kann zum Beispiel beim Project Gutenberg heruntergeladen werden. Der Künstler John Coulthart hat in seinem Blog einige modernere Illustrationen und Coverbilder zusammengetragen, die ebenfalls einen Blick wert sind.

Quentin Tarantino nutzt noch VHS-Kassetten

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In einem Interview im Buch I Lost it at The Video Store, gesteht Tarantino, dass er immer noch Filme aus dem Fernsehen auf VHS aufnimmt. Von Streaming und digitalen Aufzeichnungen hält er demnach gar nichts.

Auf der anderen Seite steht Darren Aronofsky, der Netflix und co. gegenüber aufgeschlossen ist, und für seinen Film Noah gar einen Sound-Mix speziell für iPhone und iPad angefertigt hat. Für Tarantino ist dies verständlicherweise „das Deprimierendste, was er je gehört hat“.

VHS-Tapes aus Sentimentalitätsgründen und eventuell wegen der Cover zu sammeln, ist eine Sache, aber aus dem Fernsehen auf VHS aufzuzeichnen, ist doch eine Qual. Zuletzt ist da auch noch die limitierte Qualität von VHS. Ich bin jedenfalls froh, dass VHS Geschichte ist. Ich habe ich mich schon vor ungefähr 12 Jahren von allen meinen VHS-Kassetten getrennt.