Ein Interview mit dem argentinischen Filmemacher Armando Bó

In der Ausgabe des argentinischen Boulevard-Magazins Gente y la actualidad vom Januar 1973, habe ich ein Interview mit dem Regisseur und Schauspieler Armando Bó (1914 – 1981) gefunden. Da es nur wenige Interviews mit dem Mann gibt – und keines in Deutsch – habe ich das Interview mal übersetzt. Es vermittelt einen guten Eindruck, welche Leidenschaft Bó fürs Filmemachen hatte und welche Herausforderung es war, in dem politisch instabilen Argentinien der 50er, 60er und 70er Jahre Filme zu drehen. Filme zumal, wie die von Armando Bó. Übersexualisierte tropische Fieberträume im Gewand einer südamerikanischen Seifenoper, in deren Zentrum stets die kultisch verehrte Isabel Sarli steht.

In der Tat kann man nicht über Armando Bó sprechen, ohne nicht auch Isabel Sarli zu nennen. Kein Bó ohne Sarli und keine Sarli ohne Bó. Der Schicksalsfilm El trueno entre las hojas (1957), international als Thunder in the Leaves bekannt, war ihre erste Zusammenarbeit. Es war der erste Film aus Lateinamerika, der eine Nacktszene enthielt, was für einen großen Skandal sorgte, Armando Bó in den Blick der Filmzensoren rückte und Isabel Sarli in die Artikel der Klatschmagazine katapultierte. Es ist einer der wenigen Filme von Bó, die auch in Deutschland veröffentlicht wurden. Unter dem Titel Die grüne Peitsche kam der Film 1964 ins deutsche Kino. Weitere deutsche Veröffentlichungen waren Lujuria tropical (1963, als Tropische Sinnlichkeit 1965 im deutschen Kino) und La tentación desnuda (1966, unter dem internationalen Titel Naked 1968 auch im deutschen Kino zu sehen).

Armando Bó und Isabel Sarli wurden ein Paar und drehten zusammen 30 Filme. Die Filme brachten Bó immer wieder Probleme mit der Filmzensur ein und er haderte häufig mit den strengen Restriktionen. Filme mussten gekürzt werden, erhielten nicht das für hohe Einspielergebnisse essentielle A-Rating oder wurden gleich ganz verboten. Im Interview macht Bó deutlich, dass er doch eigentlich nur frei und unbekümmert mit seinem eigenen Geld Filme drehen will, während die strengen Gesetze ihm Steine in den Weg legen und sich andere ungeniert an der staatlichen Filmförderung bereichern.

ARMANDO BO SPRICHT UND KLAGT AN

Armando Bo spricht, diskutiert, klagt an. Er ist einer der umstrittensten Männer des argentinischen Kinos. Er taucht selten in Artikeln auf, aber sein Name wird immer mit wütenden Stürmen in Verbindung gebracht. Entweder wegen Zensurproblemen oder wegen der Filmfreigaben. Wenn er spricht, ist er meist hart, schneidend. Vor ihm stehend, haben andere in der Regel keinen Mittelweg. Sie greifen ihn heftig an oder verteidigen ihn mit aller Schärfe. Hier ist er. Mit all seinen Gedanken.

Man sagt, dass niemandem ein Glas Wasser verwehrt wird (Anm.: spanisches Sprichwort; „Un vaso de agua no se le niega a nadie“), und wir denken, dass auch niemandem das Wort verwehrt werden sollte. Armando Bo möchte schon seit langem reden und kann es nicht. Also gingen wir in sein Büro, setzten uns hin und sagten einfach zu ihm: „Sie haben das Wort“. Und er begann zu reden und Dinge mit seiner heiseren Stimme zu sagen, die eher für die freie Natur als für geschlossene Räume geeignet waren.

Ich muss unbedingt mit Ihnen reden. Über alles, was ich zu sagen habe, könnte ich ein Buch schreiben! Sie sind schon seit vielen Jahren hinter mir her. Hinter mir, meinen Filmen und Isabel. Und das Traurigste ist, dass mir das hier in meinem eigenen Land passiert. In Paraguay wurde „Fiebre“ innerhalb eines Tages genehmigt. Bei uns dauerte es sechs Monate, bis sie sich entschieden. Was sie mit meinen Filmen machen kann ich nicht verstehen. Es ist zum Verrücktwerden. Sie verfolgen mich ohne Gnade. Und was noch schlimmer ist, ohne Grund. Ich will von niemandem Mitleid, sondern einfach nur Gerechtigkeit.

Aus Armando Bo ergießen sich die Worte. Er hält inne, um Luft in seine Lungen zu bekommen, berührt den Knoten seiner Krawatte und fährt fort:

Sie hielten mich acht Stunden lang gefangen. Ich hatte vier Strafverfahren wegen Übertretung des Gesetzes 128 am Hals. Und ich frage mich, was passiert wäre, wenn der Richter, der mich schließlich für unschuldig erklärte, dieser Barbarei nicht standgehalten hätte. Dann hätte ich als schlimmster Verbrecher im Gefängnis bleiben müssen. Dass ich für meinen Film „India“ acht Stunden im Gefängnis war, ist ein Skandal, denn ich möchte nicht acht Stunden im Gefängnis sitzen, nicht einmal eine halbe Minute. Außerdem hat man mir heute eine Strafe von zwanzig Millionen Pesos aufgebrummt, weil ich ein paar Sekunden von Isabel ohne Kleidung übersehen habe. Was habe ich nur falsch gemacht? Und nach alldem wurde „India“ doch noch genehmigt. Sagen Sie mir nicht, dass Sie das schon alles für den Artikel aufschreiben!

Doch. Haben Sie das gesagt, damit es veröffentlicht wird oder nur zwischen uns?

Nein! Ich nehme nie etwas zurück. Was immer ich sage, ich sage es, damit es bekannt wird. Und ich stehe zu jedem Wort, ich habe keine Angst… Was wollen Sie mich fragen?

Sprechen Sie einfach für sich selbst.

Um noch einmal auf die Probleme zurückzukommen, die ich wegen meiner Art Filme zu drehen, habe: Es hat sich herausgestellt, dass die meisten argentinischen Regisseure die Angewohnheit haben, Schauspielerinnen ohne ihre Kleidung zu filmen. Und es sind dieselben, die mich vor acht oder zehn Jahren allein gelassen haben, die mich kritisierten, verfolgten und mir Millionen und Abermillionen von Pesos abnahmen. Fragen Sie mich, warum sie mich allein gelassen haben?

Warum wurden Sie allein gelassen?

Weil sie alle dem Instituto del Cine unterstellt waren. Wenn das Institut ihnen kein Geld für die Filme gibt, woher sollen sie es dann nehmen? Unsere Filmproduzenten sind keine Produzenten: Sie leben auf Kosten des Instituts. Sie verlangen Geld, drehen den Film, und wenn sie einen Gewinn machen, behalten sie ihn. Ich nicht. Ich habe nie einen Gewinn gemacht. Niemand hat mich unterstützt. Ich habe meine Filme mit meinem eigenen Geld gedreht und mein Geld riskiert. Ich bin auf meinem Weg geblieben und habe weitergespurt. Aber ich habe mir nichts geliehen. Und als meine Filme mir Millionen eingebracht haben, habe ich weitere Filme gemacht.

Er drückt eine Zigarette im Aschenbecher aus und zündet sich die nächste an. Ich brauche ihm keine Fragen zu stellen, er redet einfach weiter.

Was das Institut anbelangt, so ist es derzeit in den Händen von Oberst Ridruejo. Ich weiß, dass dieser Mann ein ausgezeichneter Mensch ist, aber es ist absurd, dass er das Institut mit der totalen Macht leitet, die ihm ein verrücktes Gesetz verleiht. Ich habe zwanzig Aufzeichnungen von Filmen, die eine „B“-Freigabe haben und dann auf eine „A“-Freigabe hochgestuft wurden. Bei meinem letzten Fall war das der letzte Strohhalm. Das Institut hat eine Kommission einberufen, die den Bericht bewerten sollte. Diese Kommission bewertete ihn erst mit „A“ und stufte ihn dann per Erlass auf „B“ herunter. Als sie mir das mit „Fiebre“ antaten, ging ich zum Regierungsgebäude, um das einzufordern, was mir rechtmäßig zustand. Mein Film war argentinisch, in Argentinien gedreht, mit argentinischen Schauspielern und Arbeitern. Warum also eine solche Ungerechtigkeit? Der Punkt ist, dass ich durch sie Millionen verloren habe. Bin ich ein Verbrecher? No, señor!

Er hält kurz inne, um Luft zu holen, und fährt dann fort:

Worüber ich mich nicht beklagen kann, ist, dass ich heute absolute Freiheit genieße, zu sagen, was ich sage, damit die Leute wissen, was los ist. Ich glaube, dass der Kontrolleur in gutem Glauben handelt, aber sein guter Glaube reicht nicht aus. Dahinter steht ein Gesetz, das sich für alles eignet. Was würde passieren, wenn plötzlich ein bösartiger Beamter zu diesem schlechten Gesetz hinzukäme?

Er sinkt in seinen Stuhl. Es scheint, als würde er sich langsam beruhigen. Es ist an der Zeit, Fragen zu stellen, aber die Ruhe ist nur von kurzer Dauer. Plötzlich springt er auf wie eine Feder und mit den fünf Fingern seiner rechten Hand, die er zusammenpresst, wundert er sich, motiviert sich und macht dann mit vollem Tempo weiter:

Aber können Sie mir sagen, was der gefürchtete Ausdruck „kulturelle Leitlinien“ bedeutet? Jedes Mal, wenn sie einen Film verbieten oder mir eine schlechte Bewertung geben, argumentieren sie, dass er keine „kulturellen Leitlinien“ hat.

Glauben Sie, dass Ihre Filme kulturelle Leitlinien haben?

Ich glaube nichts. Ich mache weder mir noch anderen etwas vor. Also gut: Meine Filme haben nicht die sogenannten „kulturellen Leitlinien“. Aber gleichzeitig frage ich das Land: Welche „kulturellen Leitlinien“ haben Filme wie „Las pildoras“, „Los bastardos“ (Anm.: gemeint ist wahrscheinlich Guacho, 1954) oder all die Filme von Palito Ortega, Sandro und anderen wie diese? Oder gibt es ein Gesetz für Armando Bo und ein anderes für die Mentastis (Anm.: gemeint sind die Produzenten Atilio Mentasti und Luis Mentasti) und so weiter!

Der Wortschwall von Armando Bo geht in eine andere Richtung. Die Worte scheinen ihm zu wenig zu sein. Und er versucht, sie mit Gesten wegzuschieben, während Fragen von mir nicht nötig sind.

Beim Kino ist es genau dasselbe wie beim Fußball. Es gibt keinen Kopf, keine Idee. Die Clubs schmelzen dahin. Independiente, der das Finale der Fußballweltmeisterschaft erreicht, muss Pastoriza anschließend verkaufen. Ich hätte das Problem ganz einfach gelöst: Das Endspiel zwischen Independiente und den Niederländern hätte auf einem Platz in New York stattgefunden und wäre über Satellit übertragen worden. Der Erlös hätte so viel Geld eingebracht, wie wenn siebzig Endspiele zusammen gespielt worden wären. Und außerdem wären wir viel bekannter geworden. Aber es hat keinen Sinn, wir spielen immer noch mit einer Sarandí-Mentalität. Wir haben kein internationales Bewusstsein. In Filmen verwenden wir immer noch das in ganz Amerika verhasste „che“, anstatt uns für das „tu“ zu entscheiden (Anm.: in Argentinien wird umgangssprachlich „che“ für die Anrede „du“ benutzt, während es in anderen südamerikanischen Ländern „tu“ heißt). Einmal sagte jemand in einem Film, dass er ein „Boca-Fan“ sei, und ich weiß nicht mehr, in welchem Land das war, aber das ganze Kino wartete darauf, dass jemand mit einem geschwollenen Mund auftauchte. Und was macht das Filminstitut? Nichts. Argentinien ist das einzige Land der Welt, in dem Schauspieler mit mehr als vierzig Filmen ein ärmliches Leben führen. Seit zwanzigtausend Jahren möchte ich meine Stimme erheben und sagen, dass sie lügen, wenn sie um ein Darlehen von zweihundertfünfzig Millionen Pesos bitten, denn sie geben nicht einmal hundert Millionen aus. Sie plündern die Filmindustrie aus, sie plündern sie aus. Ich sage nicht, ob meine Filme gut oder schlecht sind, aber ich behaupte, dass ich ein echter Produzent bin und kein Bettler.

Er setzt sich wieder hin, jetzt offenbar ganz ruhig. Er zündet sich langsam eine Zigarette an und fährt in ruhigem Tonfall fort.

Wir alle werden für das, was wir tun, kritisiert. Ich, weil ich Isabel Sarli ohne Kleidung gezeigt habe, und Leopoldo Torre Nilsson, weil er unsere Helden als Männer gezeigt hat. Und wir beide werden als Ausbeuter der Gefühle der Argentinier bezeichnet.

Dann erinnert er sich an das Basketballspielen, an seinen ersten Film als Hauptdarsteller und an den Tag, an dem er versehentlich einen Journalisten schlug.

Es war, weil mir jemand einen falschen Hinweis gab und ich den Mann neben mir traf. Ich bin nicht schlecht, ich bin wie alle anderen. Ich habe achtzig Prozent meiner Fehler und zwanzig Prozent meiner Tugenden. Aber ich habe ein gutes Herz. Es gibt viele, die so denken wie ich, aber sie sagen es nicht. All das, was ich Ihnen so eifrig erzähle, scheint nichts zu sein, aber es ist ein Kampf von fast dreißig Jahren. Ich würde fünf- bis zehnmal mehr verdienen, wenn ich zum Beispiel nach Mexiko ginge. Aber ich kann nicht gehen. Vielleicht liegt es daran, dass ich das Café an der Ecke vermisse, die Halbmonde hier…, was weiß ich! Ich bin nichts weiter als das, was ich bin. Ich lüge niemanden an. Ich mache kommerzielle Filme und ich sage das auch. Aber man verzeiht mir nicht, dass ich aufrichtig bin. Ich bin so aufrichtig, dass ich Ihnen eine Sache verraten werde…

Welche ist das?

Dass mich diese ganze Verfolgung nicht emotional verletzt, sondern dass mich das ganze Geld stört, das ich verliere. Und jeder verdient gerne Geld. Mit dem Geld, das sie mir abnehmen, könnte ich zehn statt zwei Filme pro Jahr machen. Ich habe die Seele eines Produzenten. Mit dem Film „Todos los pecados del mundo“ gibt es ein Beispiel für die Ausplünderung des argentinischen Kapitals. Dieser Film wurde mit mexikanischen und argentinischen Schauspielern mit Susana Gimenez und José Marrone in den Hauptrollen gedreht. Er wurde mit argentinischem Geld aus dem argentinischen Filmförderungsfonds finanziert. Als der Film das Land verließ, wurden die meisten argentinischen Darsteller gestrichen und der Film wurde zu einem mexikanischen Film. Susana Gimenez ist auf dem Plakat kaum zu sehen. Marrone taucht nicht einmal auf.

Er holt eine etwa zwanzig Zentimeter lange Zigarre aus seiner Tasche. Er schlägt vor, sie mit mir zu teilen, aber ich lehne ab.

Was hat die Zensur in all der Zeit gebracht! Weniger Kriminalität, weniger Übergriffe? Nein, alles ist gleich geblieben. Fragen Sie mich, wie ich das alles in Ordnung bringen würde.

Wie würden Sie das alles in Ordnung bringen?

Ich würde völlige Freiheit gewähren. Die Freiheit schadet niemandem. Es gibt keinen Grund, Angst vor der Freiheit zu haben. Jeder soll den Weg wählen, den er bevorzugt, wir sind alt genug. Und wir sollten keine Angst vor dem Wettbewerb haben. Ich mag ein schlechter Regisseur sein, aber ich bin kein kultureller Heuchler.

(Anm.: der letzte Absatz ist unleserlich:) All das hat Armando Bo gesagt und wir denken, dass sein Wunsch zu reden nicht kleiner geworden ist… er hat nicht alles gesagt, damit er weiterreden kann… wie wir eingangs sagten, ein Glas Wasser wird niemandem verwehrt.

Gente N° 389 – 4 Enero 1973

Literatur:

Argentine Cinema and National Identity (1966–1976) – PDF
Violated Frames: Armando Bó and Isabel Sarli’s Sexploits – Vorwort
Wicked Women and Witches – Subversive Readings of the Female Monster in Mexican and Argentinian Horror Film

Links:

Deutschlandfunk: Von der Softporno-Queen zur Filmikone
Hard Sensations: Filmtagebuch einer 13-Jährigen
Kurzvortrag über Armando Bó im Kino des Deutschen Filmmuseums
Second Features: Podcast with Guest Victoria Ruétalo

Isabel Sarli und Armando Bó im Film La tentación desnuda (1966)

Mehr 80er geht nicht

Break the Ice von John Farnham ist Teil des Soundtracks zu Rad (1986), der neben dem hierzulande bekannteren BMX Bandits (1983) der zweite große BMX-Filmklassiker ist. Im Gegensatz zu BMX Bandits hat es Rad nie nach Deutschland geschafft. Dabei hätte sich der englische Titel doch so schön für ein deutsches Wortspiel geeignet: BMX-Räd oder so ähnlich. BMX Bandits war bei uns zumindest ein kleiner Videotheken-Hit und wer bis dahin noch kein BMX-Bike hatte, setzte spätestens nach dem Film eines auf seine Wunschliste.

Im Vergleich ist Rad der etwas ernstere Film für eine ältere Zielgruppe, wohingegen BMX Bandits mit seinem Action-Klamauk auf Jüngere zugeschnitten ist. Was BMX Bandits fehlt, ist der große Soundtrack. Wo Rad die Kracher von John Farnham, Beat Farmers, Hubert Kah (Get Strange) und Real Life (Send me an Angel in einer absurden BMX-Tanzszene) auffährt, bietet BMX Bandits außer I’m ready to Fly von den Papers wenig, das hängenbleibt. Den kompletten Rad-Soundtrack kann man sich hier anhören.

Hörspiel: Grëul

Grëul in der Audiothek

Ich sage euch, Brüder. Dieses Tal ist die Hölle auf Erden. Die Sünde wuchert wie ein Furunkel an ihm. Und schneidet man es heraus, wachsen zwei neue.

Mönche finden bei der Feuerholzsuche im Zirnertal die übel zugerichtete Leiche der Tochter des örtlichen Schmieds. Panisch berichten sie Abt Aegidius von dem Fund. Der hat sofort den Verdacht, dass der Mörder in den eigenen Reihen zu finden ist. Um das Kloster und die Kirche zu schützen, ersinnt er einen hinterhältigen Plan. Er versucht, die heidnischen Dorfbewohner davon zu überzeugen, dass die Tote tatsächlich auf das Konto des Grëul geht, ein schreckliches Monster einer alten Legende. Gleichzeitig hofft er so, die Heiden zum Glauben bekehren zu können. Der Plan gerät jedoch schon bald ins Wanken, da der Pilger Enno von Malmedy im Kloster herumschnüffelt und der Bischof einen großspurigen Dämonenjäger ins Zirnertal entsendet. Zudem lassen sich der Schmied und die Dorfbewohner auch nicht so leicht von den vermeintlich guten Absichten der Kirche überzeugen. Als weitere Tote gefunden werden, darunter ein Mönch, spitzt sich die Situation zu.

Mit Grëul hat der WDR eine Hörspielserie veröffentlicht, die mir rundherum ausgesprochen gut gefällt. Anfangs macht Grëul noch den Eindruck, als handele es sich um eine geradlinige Mord- und Vertuschungsgeschichte, der man einen Mystery-Anstrich verpasst hat. Kleine Nebenhandlungen, die stets zurück zur Haupthandlung verweisen, und eine Verschwörung hinter der Verschwörung machen das Hörspiel im Verlauf jedoch zu einer vielschichtigen und wendungsreichen Geschichte. Es passiert hier ziemlich viel auf verschiedenen Ebenen, ohne dass die Geschichte überfrachtet wirkt. Das Tempo bleibt über die acht Folgen hinweg hoch. Zu guter Letzt wird mit der Legende des Grëul schön subtil gespielt. Es ist doch nur eine Legende, oder etwa nicht?

Erzählerisch und produktionstechnisch überzeugt das Hörspiel auf ganzer Linie. Sehr guter Schnitt und Szenenwechsel im Speziellen. Die Dialoge sind weit weg von Plattheit und Klischee. Eine literarische Höhe wie bei Game of Thrones bekommt man zwar nicht geboten, aber es macht hier einfach großen Spaß zuzuhören. Das liegt auch daran, dass man dankenswerterweise ein bischen mittelalterlichen Dreck in die Sprache eingebacken hat. Und an der großartigen Besetzung. Das Hörspiel hat über 40 Sprechrollen, die von teils sehr bekannten Schauspielern übernommen wurden. Auch wenn das ganze Ensemble gut abliefert, will ich besonders Matthias Koeberlin hervorheben, der seine Stimme ein bis zwei Oktaven tiefer gestellt hat und als Schmied Ulrik seine Wut und Rachegelüste beängstigend rausbellt, und Rainer Bock als Abt Aegidius, der leichtfüßig zwischen Fürsorge, Arglist und Überheblichkeit hin- und hertänzelt.

Bevor man in das Hörspiel einsteigt, sollte man jedoch wissen, dass es sich bei den acht Folgen um die erste Staffel handelt, worauf nirgends hingewiesen wird. Das bedeutet: am Ende gibt es einen Cliffhanger, Fragen bleiben offen und der Hörer muss eine unbestimmte Zeit auf die Fortsetzung warten. Der einzige Wermutstropfen dieses grëuslichen Spektakels.

Unbekanntes französisches Lied über James Bond

In der Arte-Dokumentation Sean Connery vs James Bond ist ein kurzer Ausschnitt eines niedlichen Songs über James Bond zu sehen und zu hören, vorgetragen von einer Sängerin in schickem Cord-Jackett und einer Band mit zu vielen Saiteninstrumenten für die simple Melodie. Ich habe versucht herauszufinden, um wen es sich handelt. Ohne Erfolg. Damit der Clip erhalten bleibt, wenn Arte die Doku offline nimmt, habe ich den Clip auf Youtube hochgeladen.

Le silence de la nuit
Tcham chai la
et trois coups de fusil.
Tcham chai la
En moins d’une seconde.
C’est James Bond.

Content-ID von Youtube zeigt nichts an. Das heißt, das Lied ist in keiner Datenbank für Verwertungsrechte enthalten. Eine Bildsuche blieb genauso erfolglos wie eine Suche nach dem Text oder eine Suche in den online zugänglichen Teilen von historischen Videoarchiven. Ich habe natürlich auch direkt an Arte geschrieben, aber bisher keine Antwort erhalten. Vielleicht haben die selbst Probleme herauszufinden, woher das Video stammt. Solange niemand den Ursprung des Videos kennt, bleibt die beste Chance wohl, dass jemand die Sängerin erkennt. Falls jemand eine Idee hat, würde ich mich über einen Kommentar freuen.

Zinksärge für die Goldjungen (1973)

Ich habe zwei seltene Promofotos zu Jürgen Rolands Hamburger Gangsterstreifen Zinksärge für die Goldjungen entdeckt. Der Herr mit lichtem Haar und kühler Knarre ist kein geringerer als Uwe Carstens, auch bekannt als Dakota-Uwe, der in den 1970er Jahren bei der berüchtigten Chikago-Bande mitmischte und in Zinksärge für die Goldjungen einen Gastaufritt hatte. Im Hintergrund posiert Sonja Jeannine mit blonder Perücke.

Als Zugabe ein Streaming-Tipp: Wer wissen möchte, wie es im Hamburger Rotlichtmilieu tatsächlich zuging und was Dakota-Uwe so alles auf dem Kerbholz hatte, dem empfehle ich die dreiteilige ZDF-Dokumentation Die Paten von St. Pauli. Mir waren zwei einige Begebenheiten und Namen bekannt, aber die ganze Geschichte so gebündelt und chronologisch durch die Jahrzehnte hindurch erzählt zu sehen, ist noch mal eine ganz eigene Nummer. Das ist erschreckend wie unterhaltsam gleichermaßen. Diese Typen, diese Taten, ein Irrsinn.

Dieses Thema empfiehlt sich eigentlich für eine fiktionalisierte Aufarbeitung in Form einer großen Serie. Was HBO mit The Deuce für New York gemacht hat, könnte man auch für Hamburg umsetzen. Nur krasser. Könnte das nächste große deutsche Ding nach Babylon Berlin werden.

Mehr Untertitel wagen

Ich bin schon lange davon abgerückt, missionarisch dafür zu werben, Filme und Serien doch möglichst im Originalton ggf. mit Untertiteln zu schauen. Die Diskussion ist müßig und wird nicht selten auch als elitäre Debatte wahrgenommen, die zu nichts führt. Letztlich muss es jeder selbst entscheiden und heutzutage hat man auch in den meisten Fällen die Wahl. Allerdings kann ein dezenter Hinweis dann und wann nicht schaden. Das hat sich vielleicht auch Sky gedacht und vor der ersten Folge der Eigenserie Munich Games diese Texttafel eingeblendet:

„Können mit der Tonoption ‚Original‘ der kreativen Vision der Macher folgen“, die Formulierung gefällt mir. Dass das wichtig ist, gilt generell für alle Filme und Serien, aber noch mehr bei solchen Produktionen, in denen mehrere Sprachen gesprochen werden und wo die unterschiedlichen Sprachen ein wichtiger Teil der Handlung sind.

Neben Munich Games ist ein weiteres gutes Beispiel die gerade gestartete Netflix-Serie 1899, in der neben Deutsch und Englisch etliche europäische Sprachen sowie Japanisch und Mandarin gesprochen werden. Alle Schauspieler spielen hier in ihrer Muttersprache; und das ist kein Gimmick, sondern der Handlung entsprechend sinnvoll. Wer von den Personen wen wann versteht oder nicht versteht, ist ein Teil des Konzepts. Testweise habe ich mal kurz auf die deutsche Synchronisation geschaltet, um zu hören, wie man das dort gelöst hat. Man wird doch wohl nicht einfach alle Dialoge stumpf deutsch synchronisert haben, oder? Doch, genau das hat man getan. Nicht selten führt das dazu, dass Szenen gar keinen Sinn ergeben. Ein solcher Hinweis wie bei Sky, wäre auch hier dringend nötig gewesen. Vielleicht lässt sich doch noch der eine oder andere Zuschauer überzeugen. Auch wenn ich nicht mehr missionieren will, selten gilt so sehr wie hier: O-Ton mit Untertiteln einschalten!

Ed Brubaker Comic-Bundle

Noch bis zum 13.01.2022 kann man bei Humble Bundle ein umfangreiches digitales Comic-Paket von Autor Ed Brubaker zu einem Schnäppchenpreis erwerben. Für 22,14€ erhält man 41 Bände, was nahezu dem gesamten Werk entspricht, das Brubaker seit 2012 bei Image Comics veröffentlicht hat. Wer die Spendierhosen anhat, kann auch gerne mehr zahlen, was dann humblebundlemäßig einem guten Zweck zu Gute kommt.

Humble Bundle ist ohnehin eine gute Sache. Seit vielen Jahren schnüren die dort tolle Comic-, Bücher-, Spiele-, und Softwarepakete, die für wenig Geld angeboten werden, im Prinzip: pay what you want. Anders als bei analogen Resterampen im Supermarkt, gibt es hier echt hochwertiges Zeug. Dieses Konzept geht auf und alle Beteiligten profitieren.Pluspunkt: Es wird generell auf Kopierschutz- und DRM-Methoden verzichtet. Die Bücher bekommt man als PDF, ePub, und CBZ (gezippte JPGs).

Das aktuelle Angebot gibt mir eine gute Gelegenheit, endlich mal Ed Brubaker und Sean Phillips zu preisen. Deren Werke stehen bei mir ganz oben in der Topliste. Brubaker arbeitete viele Jahre für DC und Marvel, bevor er 2012 zu Image ging, um dort seine eigenen Stories zu verwirklichen. Die Kollaboration mit Zeichner Sean Phillips geht zurück auf Batman: Gothic Noir aus dem Jahr 2001. Seit Brubaker für Image schreibt, arbeitet er fast ausschließlich mit Phillips zusammen. Diese langjährige Partnerschaft zahlt sich erzählerisch aus. Story, Text und Bild wirken immer wie aus einem Guss und stets habe ich das Gefühl, dass bei Brubaker und Phillips ein bischen mehr Geschichte auf einer einzigen Seite transportiert wird. Brubakers Spezialgebiet ist Crime. Verbrechen, Krimi, gerne hardboiled, oft mit Noir-Elementen versehen. Zudem hat er ein großes Horror-Epos und eine knackige Geheimagenten-Serie geschrieben.

Eine kleine Zusammenfassung der im Bundle enthaltenen Comics:

Scene of the Crime ist eine frühe Miniserie, die ursprünglich 1999 beim DC-Imprintverlag Vertigo erschien, hier als Image-Neuauflage von 2012 mit Extras enthalten. Es geht um den Privatdetektiv Jack, der beauftragt wird, eine verschwundene Frau zu finden. Die Spur führt schnell zu einer Hippie-Sekte, die in eine Erpressung verstrickt zu sein scheint. Nur ein Tag nachdem Jack die Frau aufgespürt hat, wird sie in ihrem Hotelzimmer erschossen, woraufhin Jack alles daransetzt, den Fall zu lösen. Die Story hat schon alle typischen Elemente, die Brubaker in späteren Comics wieder aufgreift und verfeinert. Noch etwas ungeschliffen und ohne die Zeichnungen von Sean Phillips, der hier nur die Zeichnungen von Michael Lark geinkt hat.

Criminal ist eine umfangreiche Serie, die 2006 gestartet ist und zu der Brubaker und Phillips seitdem immer wieder mal was Neues machen. Es handelt sich um moderne Hardboiled-Krimi-Kost, die klassische Klischees und Tropes auf schönste Weise zelebriert. Die Serie umfasst mehrere in sich abgeschlossene Story-Arcs und einige One-Shots und Graphic Novels, die über einen Zeitraum von mehreren Dekaden von zwei Gangster-Familien in einer fiktiven Stadt erzählen. Gilt zu Recht als das große Crime-Epos von Brubaker/Phillips und wurde mit drei Eisner-Awards ausgezeichnet. Das Humble Bundle enthält die komplette Serie mit Ausnahme der Graphic Novel Bad Weekend, die zum Verständnis aber nicht nötig ist.

My Heroes have always been Junkies ist eine der Graphic Novels, die zum Criminal-Universum gehören. Der Comic gibt einen Einblick in die Teenager-Zeit von Ellie, eine Nebenfigur aus einer früheren Criminal-Geschichte. Ein interessanter weiblicher Gegensatz zum Rest von Criminal, der sehr männlich geprägt ist. Allerdings macht der Titel klar, dass auch bei Ellie eher Tragik und Melancholie angesagt sind. Kann man auch gut völlig unabhängig von Criminal lesen. Steht für sich allein.

Fatale, erschienen zwischen 2012 und 2014 in vierundzwanzig Einzelheften bzw. fünf Sammelbänden, ist die Serie, die mich zu Brubaker und Phillips gebracht hat. Bisher meine Lieblingsserie der Beiden, was zugegebenermaßen auch am Thema liegt. Der Hauptplot dreht sich um Jo, eine mysteriöse Frau, die unsterblich zu sein scheint und der Männer auf fatale Weise verfallen, was nicht selten mit deren Tod endet. Doch Jo ist kein kaltblütiges Monster, sondern selbst eine Gefangene ihrer Anziehungskraft. Verzweifelt versucht sie dem jahrhundertealten Fluch zu entkommen, während sie vor dunklen Gestalten eines fanatischen Kultes flieht, der es auf sie abgesehen hat. Brubaker hat eine archetypische Femme Fatale in eine verschachtelte Story aus Noir-Krimi und kosmischem Lovecraft-Horror gesteckt. Das Ganze ist düster, blutig, sexy und in letzter Konsequenz auch zutiefst romantisch. Die Serie vereint alles, was im besten Pulp-Sinne fantastisch ist. Das Humble Bundle enthält die komplette Serie.

Velvet ist Brubakers extrem schicke Geheimagenten-Serie. Velvet Templeton arbeitet beim britischen Geheimdienst und deckt dort eine Verschwörung in den eigenen Reihen auf und rächt den Tod ihres Mannes. Ja, das ist James Bond, Modesty Blaise und Mission Impossible in einem. Alle typischen Elemente aus Geheimdienst-Thrillern werden hier erwartungsgemäß verarbeitet. Die Geschichte spielt in den 1980ern, springt aber immer wieder zu Ereignissen der vorherigen 40 Jahre. Verschiedene Handlungsorte rund um die Welt, Gadgets, Bösewichte, Verfolgungsjagden; es ist ein wilder Ritt, der mir viel Spaß gemacht hat. Velvet ist neben dem obigen Scene of the Crime der einzige Comic hier im Bundle, der nicht von Sean Phillips gezeichnet wurde. Verantwortlich für die Zeichnungen hier ist der großartige Steve Epting. Das Tüpfelchen auf dem i sind die Farben von Elizabeth Breitweiser. So sehr mir Sean Phillips einzigartiger Stil auch gefällt, für diese Art von flashiger Geheimagenten-Action waren Epting/Breitweiser genau die richtige Wahl. Ob regnerisches London, sonniger Bahamas-Strand, Karneval in Monaco, versiffter Hinterhof in Paris oder intime Bettszene im Hotelzimmer. Die Farben und Schatten sowie der Szenenaufbau machen Velvet zu einem außergewöhnlich stimmungsvollem Comic mit Filmcharakter. Brubaker hatte mit Velvet eigentlich noch einiges vor, sogar eine Fernsehserie war mal im Gespräch. Aber seit dem Finale des Comics in 2016 gabs in dieser Hinsicht keine Neuigkeiten. Das Humble Bundle enthält den kompletten Comic.

Wenn Fatale der Krimi für Horrorfans ist, dann ist The Fade Out der Krimi für Filmfans. Erzählt wird hier nämlich von einem Mordfall im Hollywood der 1940er Jahre. Der abgehalfterte Drehbuchautor Charlie Parish gerät zwischen die Fronten von korrupten Filmstudio-Bossen und dem FBI, während er versucht, den Mord an einer Schauspielerin aufzuklären. Ein klassischer Krimi, durch und durch Film Noir, der keinen ganz unrealistischen Blick auf die damalige Filmwelt wirft. Der Comic ist teilweise inspiriert durch Brubakers Onkel, dem Drehbuchautor John Paxton. Nach Fatale mein zweiter Lieblingscomic.

In Kill or be Killed erscheint dem depressiven jungen Mann Dylan eines Abends ein Dämon, der von Dylan von nun an verlangt, jeden Monat einen Menschen zu töten, wenn er weiterleben will. Die Ich-Erzählperspektive, die Brubaker auch in allen anderen Comics anwendet, funktioniert hier besonders gut, denn man bekommt so direkt Einblick in die Gedankenwelt von Dylan, der selbst nicht weiß, ob der Dämon real ist oder nur eine unterbewusste Manifestation seines eigenen Drangs zu töten. Die Geschichte ist hart und stellenweise unangenehm zynisch, aber ein interessanter Ansatz, die Motivation eines Vigilanten und Antihelden zu erklären, die man so noch nicht gelesen hat. Das Ende kann zudem noch mit einem Schock aufwarten. Eine Verfilmung ist angekündigt. Das Bundle enthält die komplette Serie.

In der Graphic Novel Pulp geht es um den alternden Autor Max Williams, der 1939 in New York seinen Lebensunterhalt mit dem Schreiben von Westerngeschichten für Pulp-Hefte verdient. Ein Pinkerton-Agent, der es mit dem Gesetz nicht so genau nimmt, erkennt Max als einen gesuchten Räuber von vor 40 Jahren und schlägt ihm vor, noch ein letzes großes Ding zu drehen. Sie wollen das örtliche Büro einer Nazi-Organisation überfallen, von wo aus angeblich containerweise Schwarzgeld nach Deutschland verschifft wird. Pulp ist eine recht geradlinige Krimi- und Rachegeschichte mit einem interessanten Hintergrund über die Nazi-Umtriebe in den USA der 30er Jahre; ein Thema, das bisher eher selten in der Popkultur behandelt wird. In einer einmaligen Graphic Novel bleibt leider kein Platz, das Thema detailierter auszuleuchten. Hier wäre Potential für eine Serie gewesen.

Reckless ist schließlich die neuste Graphic-Novel-Serie des Duos Brubaker und Phillips. Jeder Band erzählt eine abgeschlossene Geschichte aus dem Leben eines Typen names Ethan Reckless, der 1980 in Los Angeles „Probleme“ für andere Leute löst. Gegen Bezahlung versteht sich. Reckless hat ein bischen was von Criminal, nur positiver. Ethan ist eigentlich ein guter Kerl, auch wenn er sich selten an Gesetze hält. Von den bisher drei erschienenen Bänden sind zwei im Humble Bundle enthalten.

Die Comics im Bundle sind in englischer Sprache. In Deutschland sind von diesen Comics leider bisher nur wenige erhältlich. Velvet ist komplett in drei Bänden bei Dani Books erschienen. Kill or be Killed komplett bei Splitter in vier Bänden. Von Fatale hat Panini leider nur die ersten drei Bände rausgebracht, was natürlich sinnlos ist. Dafür sind bei Panini immerhin die ersten sechs Bände von Criminal erschienen. Was von Criminal nach 2011 rauskam, fehlt bisher. Zu guter Letzt ist damals Scene of the Crime von Speed Comics veröffentlicht worden. Diese deutschen Ausgaben sind teilweise vergriffen. Wer daran Interesse hat, muss sich auf dem Gebrauchtmarkt umsehen. Nicht zuletzt gilt daher auch meine Empfehlung, erst mal dieses fantastische Humble Bundle abzugreifen. Mehr erstklassige Comics bekommt man für das Geld nicht.

Zum ersten Mal bei Wish bestellt

Ich wollte auch mal etwas bei Wish bestellen, aber keinen nutzlosen Plastikschrott. Nach ausgiebiger Suche habe ich mich für ein paar Tee-Utensilien entschieden und bin nicht enttäuscht worden.

Dieses niedliche Hippo aus Yixing-Ton (mit Künstlerstempel) war mit 17,20€ inkl. Versand kein echtes Schnäppchen, aber angemessen. Für eine Tonfigur in der Größe zahlt man bei einem deutschen Händler um die 25€. Leider gibts nur wenige deutsche Händler, die solche Figuren anbieten.

Ein Deckelhalter hat mir zu meinem Tee-Glück noch gefehlt. Diese Krabbe erledigt den Job vorzüglich. Sie trägt nicht nur Gaiwan-Deckel, sondern auch kleinere Tonkannendeckel. Schwere Ausführung, Kupferlegierung.

Und zu guter Letzt eine aufschraubare Pu-Erh-Nadel, präzise gefräst aus einer Messingstange. Schönes Ding, aber ein bischen zu dünn und aufgrund der Kürze und dem scharfkantigen Ende nur für locker gepresste Teekuchen geeignet. Ich habe einige knüppelharte Tee-Bricks, für die man besser eine griffigere Alternative verwendet, die sich nicht in den Handballen bohrt.

Was mir bei Wish gefällt:

-übersichtliche Produktseiten
-schneller Bestellvorgang
-funktionierendes Tracking

Was mir nicht gefällt:

-kleine Produktbilder
-sinnfreie Produktbeschreibungen
-kaputte Suchfunktion

Letzteres ist das größte Übel bei Wish. Die Suchfunktion, die bei jeder Suche tausend Sachen anzeigt, die mit dem Suchbegriff rein gar nichts zu tun haben, damit Nutzer zum Kauf von billigem Schund verführt werden, den sie eigentlich nicht brauchen. Für mich der Grund, warum ich bei Wish nicht öfter bestellen werde. Preislich sind eBay und AliExpress übrigens oft ebenbürtig, wenn nicht sogar günstiger.

Julie Strain (1962 – 2021)

In my image, I created this third person and sculpted this thing with bodybuilding, grew my hair long, then learned kickboxing so I could beat up people in real life. I’m a full-busted bitch Barbarella.

Julie Strain

Am 10. Januar ist die amerikanische Pinup- und B-Film-Ikone Julie Strain im Alter von 58 Jahren gestorben. Nach über 130 Filmen verschwand sie 2009 fast unbemerkt aus der Öffentlichkeit. Ein Schock, als 2018 die Nachricht die Runde machte, dass sie an einer rasch fortschreitenden Form von Demenz erkrankt war. Die führte man auf eine Gehirnverletzung zurück, die Julie Mitte der 80er Jahre bei einem Reitunfall erlitt. Schon damals verursachte der Unfall eine vorübergehende Amnesie, so dass sie grundlegende Dinge neu erlernen musste. Nun hat sie dieser Unfall wieder eingeholt. 30 Jahre später. Ein Streich des Schicksals. Julies langjähriger Lebensgefährte hat auf Facebook eine bewegende – und mir fast zu intime – Erklärung über ihr Ableben veröffentlicht.

Meine erste Begegnung mit Julie Strain war Beverly Hills Cop III. Dort muss man genau hinsehen, um sie zu erkennen. Sie hat in dem Film einen Mini-Auftritt im Werbeclip für den „Annihilator 2000“.

Kurz darauf tauchte sie in Die nackte Kanone 33 1/3 auf. Als Dominatrix in der Samenbank. No kidding. Ja, 1994 war das noch lustig. Der Auftritt währte nur einen kurzen Male Gaze von unten nach oben.

Die 90er Jahre hindurch, als ich viel Zeit in Videotheken verbrachte, sah ich sie dann öfter in deutlich größeren Rollen, aber in merklich billigeren Filmen. Sie war immer diejenige, die alle anderen um einen Kopf überragte. Und das nicht nur, wenn sie High Heels trug. Über ihre Ambitionen in Sachen Schauspiel sagte Julie einmal unverblümt, dass sie „lieber sexy und gut aussähe, als eine gute Schauspielerin zu sein – und dafür so auszusehen, wie diese Tussi in Fargo“, womit sie natürlich Frances McDormand meinte („I’d rather be sexy and look good, than be a great actress – and look like that chick who did Fargo.“).

Auch deswegen musste man Julie mögen. Sie nahm kein Blatt vor den Mund und machte sich selbst nichts vor. Das ist wahrscheinlich ein Grund, warum es ihr von all den Pinup-Models und B-Film-Sternchen gelang, ihren eigenen Namen zur Marke zu machen. Das und ihre Entschlossenheit. In der Dokumentation Some Nudity required (1998) erzählt sie davon, wie sie als Kind unter dem Bett ihrer Mutter Playboy-Hefte fand und davon träumte, eines Tages „eine dieser schönen Frauen zu sein“. Und wie es später ihr „Masterplan“ war, Penthouse-Pet zu werden und dann Pet of the Year, um mit diesem Titel an Filmrollen zu kommen und die Leiter nach oben zu klettern. Da ist die klare Erkenntnis, dass sie von diesem Business, von diesen Filmen ausgenutzt wird („exploited“), sie selbst aber auch im Gegenzug diese Filme nutzt, um dorthin zu gelangen, wo sie hinwill. Ein fairer Deal in ihren Augen. Zumal sie mit ihren Nacktauftritten nie ein Problem hatte: „Ich zeige lieber meine Titten und krieg dafür 1000 Dollar, als im Restaurant zu arbeiten. Ich war sowas von bereit, meinen Körper mit der Öffentlichkeit zu teilen, als ich mit 28 in dem Business anfing, es war mir egal […] Ich liebte es, mich zu zeigen“ („I’d rather show my tits and make a thousand bucks than work in a restaurant! I was so ready to share my body at age twenty-eight when I really got started in this business, I didn’t mind […] I enjoyed showing off.“).

Dass Julie im Penthouse landete, war dem Zufall geschuldet. Sie kam eigentlich nach Los Angeles, um ihren Traum vom Playboy-Model zu verwirklichen. Sie schaffte es in das Tall-Girls-Pictorial der Juli-Ausgabe 1991. Aber nach Julies Bewerbung zum Playmate, vertröste sie der Playboy und lies sie im Unklaren über ihre Zukunft beim Heft. Da bedurfte es nicht mehr viel Überredungskunst von Fotografin Suze Randall, die Julie unbedingt für den Penthouse haben wollte.

Als Julie Strain einige Jahre später auf Kevin Eastman traf, fanden sich zwei Gleichgesinnte. Kevin Eastman war der Erfinder der Teenage Mutant Ninja Turtles und Herausgeber des amerikanischen Comic-Magazins Heavy Metal. Ihre Ehe hielt zwar nicht, führte aber zu gemeinsamen Veröffentlichungen und half, Julies Status als Pinup-Ikone zu zementieren. Julie wurde etliche Male im Heft und auf dem Cover von Heavy Metal gefeatured und wurde so zum Modell vieler bekannter Maler und Comic-Zeichner, darunter Boris Vallejo, Olivia DeBernardis, Simon Bisley, Alfonso Azpiri, Luis Rojo, Juan Giménez, Hajime Sorayama und viele mehr, die alle von ihr in höchsten Tönen schwärmten. Hier eine Auswahl ihrer Heavy-Metal-Titel:

Aus der Zusammenarbeit von Julie Strain und Kevin Eastman entstand das Sequel zum Kultfilm Heavy Metal, das als Heavy Metal 2000 in den USA und als Heavy Metal F.A.K.K.2 in Deutschland ins Kino kam. Julie, die in dem Film ihr animiertes Alter Ego spricht, übernahm natürlich gleich die Promotion für den Film, da außer ihr niemand sonst diesen absurd pornösen Hauch von Nichts tragen konnte.

Eine ganze Galerie mit Promofotos zum Film findet man beim Wortvogel.

2001 erschien beim Heavy-Metal-Verlag das Buch „Julie Strain’s Greatest Hits“, das ich mir, damals noch ganz vom Julie-Fieber gepackt, direkt bestellte. Wenn man ein Buch von und über Julie Strain braucht, dann dieses. Greatest Hits beinhaltet die zuvor veröffentlichten Bücher „It’s only Art if it’s well hung“ und „Six Foot One and worth the Climb“, ergänzt um zusätzliches Material. Auf 300 Seiten gibt es die volle Julie-Strain-Packung von hart bis zart, von Trash bis Kunst.

Kurz darauf erschien mit „A Nightmare on Pin Up Street“ ein zweites dickes Buch. Dieses enthält etwa zu einem Drittel Bilder von Julie und zeigt sonst vorwiegend Fotos, die Julie von ihren Model-Freundinnen geschossen hat. Somit ist das Teil eher was für Komplettisten.

Neben Penthouse und Heavy Metal war Julie über die Jahre in einer Unmenge anderer Magazine zu sehen. Hier eine kleine Auswahl von Covern und Anzeigen. Actionfiguren gab es auch.

Nach dem Buch Greatest Hits habe ich Julie dann langsam aus den Augen verloren. Die Filme, die immer billig waren, wurden noch billiger. Bis hin zur Unguckbarkeit. Statt B-Filme sind dass dann auch mal Z-Filme gewesen. Beginnend mit Mitte der 2000er drehte sie deutlich weniger Filme und ihre Auftritte wurden seltener. Einige Jahre zuvor, als sie Guns of El Chupacabra drehte, wurde sie gefragt, wie lange sie das hohe Pensum noch durchhalte. Sie antwortete: „Ich gehe in Rente, wenn ich 40 bin. Ich hoffe, dass ich leise abtreten kann, aber ich bin Christin, daher muss ich das Gott überlassen […] Ja, die Nackt- und Liebesszenen gefallen Christen nicht, aber wer sind die, dass sie über mich urteilen? In meinem Buch Six Foot One and worth the Climb spreche ich das an. Ich nenne es Das Zeugnisgeben. Wenn ich nur eine Seele retten kann, die in den Himmel kommt, weil ich meine Titten gezeigt habe, dann habe ich meinen Job für Jesus getan. Titten für Jesus!! Das ist mein Motto („[I am] going to retire when I’m 40. I hope I can go quietly, but I am a Christian so I have given that worry to God […] Yes, the nudity and love scenes probably doesn’t sit right with Christians. But who are they to judge? I address Christianity in my book, Six Foot One and worth the Climb. It’s called The Witnessing. If I can save one soul – that’s one going to heaven because I showed my tits – then I have done my job for Jesus. Tits for Jesus!! That’s my motto.“).

Viel besser kann ich dieses Posting kaum ausklingen lassen, als mit diesen augenzwinkernden, fast schon prophetischen Worten. Rente mit 40 hat nicht ganz geklappt. Aber ein leiser Abtritt von der irdischen Bühne war es. Ein verdammt leiser. Ein Gegensatz zu dem lauten und grellen Rest ihres Lebens.

Zum Abschluss folgen noch Screenshots aus 30 ihrer Filme, die zwischen 1990 und 2003 entstanden sind, chronologisch geordnet. Das entspricht gerade mal einem Viertel von Julies gesamtem Spielfilm-Output. Ich habe tatsächlich alle Filme durchgeschaut und eigenhändig Screenshots erstellt. Eine Heidenarbeit. Und der Hauptgrund, warum der Nachruf erst jetzt erscheint und nicht schon drei Wochen früher.

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Die Kosten eines Künstlers für sein Modell im Jahr 1879

Ich habe schon seit langer Zeit ein großes Interesse an der Kunst von Félicien Rops, dem belgischen Symbolisten, der teuflischer Erotiker wie gesellschaftskritischer Provokateur war, der als wichtiges Bindeglied zwischen den Künstlern und Literaten des fin de siècle fungierte und nebenbei auch noch als genialer Handwerker die Radiertechnik verfeinerte. Seine Bilder findet man auf verschiedenen Seiten im Internet wie Wikipedia, numeriques.be oder zeno.org. Das Musée Félicien Rops in Namur zeigt seinen digitalisierten Bestand hier.

Unter ropslettres.be wird ein weiterer Schatz in Form von Rops‘ Briefen und Korrespondenz für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Zurzeit sind dort über 3500 seiner Briefe digitalisiert und transkribiert abrufbar, davon über 400, die Rops mit Illustrationen versehen hat. Wie es sich für ein solches Archiv gehört, lässt es sich im Volltext durchsuchen und nach Adressat, Orten, Themen, usw. filtern, so dass man schnell interessante Funde machen kann. Was schrieb Rops an Baudelaire? Was sagte er über Bismark? Oder Flauberts Madame Bovary? Wann war er in München und Berlin?

Félicien Rops im Selbstbildnis als Vielschreiber

Für den Anfang – mal schauen, ob ich hieraus eine Serie mache – habe ich einen Brief ausgesucht, den Rops an den Juristen und Autor Edmond Picard am 11. April 1879 schrieb. Picard war Rops-Fan und Besitzer einiger seiner Werke. Im Archiv finden sich alleine 60 Briefe adressiert an Picard.

Dieser Brief ist in vielfacher Hinsicht interessant. Er zeigt Rops‘ Abneigung gegenüber banaler, vervielfältigter Alltagsillustration in Magazinen, er zeugt von Rops‘ Prinzipien gegenüber seiner eigenen Kunst und von seinem Anspruch an seine Modelle; und wenn Rops augenzwinkernd erklärt, wie er die Kosten für seine Modelle im Hauptbuch verrechnete, wenn er denn ein Hauptbuch führen würde, offenbart der Brief auch Rops schelmischen Humor. Seine Preisliste erinnert an die berühmten Priceless-Memes von heute. Auch wenn Rops das alles hypothetisch verpackt, dürften diese Angaben sowie sein Werben um „außergewöhnliche Modelle“ nicht weit von der Realität entfernt gewesen sein.

Zu guter Letzt nennt der Brief auch noch zwei harte Fakten: Rops‘ Pariser Adresse, wo er zu dieser Zeit residierte und, was besonders interessant ist, für welchen Preis ein echter Rops den Besitzer wechselte.

Hier folgt der vierseitige Brief in meiner deutschen Übersetzung, nach bestem Wissen und Gewissen angefertigt. Zu jeder Seite habe ich noch ein paar erklärende Fußnoten angefügt.

Inhaltsverzeichnis

Brief
    Seite 1
        Fußnoten
    Seite 2
        Fußnoten
    Seite 3
        Fußnoten
    Seite 4
        Fußnoten

Seite 1

Paris, 11. April 1879

Lieber Monsieur,

Ich war in diesen Tagen so sehr mit „La Vie Moderne“1 beschäftigt, dass ich Ihren freundlichen und herzlichen Brief nicht beantworten konnte. Charpentier, nicht der alte Herausgeber und Ziehvater des Format Charpentier2, sondern sein Sohn, ein junger und intelligenter Mann, der vor nichts zurückschreckt; er ist ein Freund von mir und er bat mich, ihm bei der Einführung seiner Zeitung kräftig unter die Arme zu greifen. Ich verweigerte mich der künstlerischen Ausrichtung der erwähnten Zeitung und wandte meine Lippen von diesem bitteren Kelch ab, obwohl wir den Kelch vergolden und seine Ränder schmücken wollten. Ich kenne den „genus irritabile vatum“3 der Maler zu gut, um nicht eine gesunde Scheu vor ihm zu haben. Ich bin bereit, an La Vie Moderne mitzuarbeiten, wenn auch ohne „Illustrationen“ im absoluten Sinn des Wortes anzufertigen. Sie werden meine Zeichnungen reproduzieren und damit ist alles gesagt.4 Ich denke, dass der Beruf des Zeitungsillustrators ein trauriger Beruf ist, und ich verabscheue, wie Sie, Banalität, und sogar Popularität! Ich glaube, dass Kunst eine Art Druidentum ist und dass die Nasen von Narren nichts damit zu tun haben. Es ärgert mich,

Originalbrief Seite 1
Radierung von Rops in La Vie Moderne, 2.10.1880

1 Rops verfolgte zusammen mit dem Journalisten Armand Gouzien bereits 1868 den Plan eine Zeitung in Paris herauszugeben, die er in seiner Korrespondenz unter verschiedenen Titeln erwähnte: La Vie Moderne, Rops-Magazine, Feuilles Volantes. Gründungen der Zeitung scheiterten jedoch 1871 und 1873 an einem Verbot. Die im Brief erwähnte La Vie Moderne wird schließlich 1879 von Georges Charpentier gegründet, an der Rops sich beteiligte. Charpentiers Verlag ging finanziell jedoch die Luft aus, so dass die Zeitung bereits 1883 wieder eingestellt wurde.

2 Der „alte Herausgeber“ bezieht sich auf den Vater von Georges, Gervais Charpentier, der mit dem sogenannten Format Charpentier, auch als Oktodez bezeichnet, ein neues Buchformat etablierte.

3 Genus irritabile vatum, Zitat aus Horaz‘ Episteln (II, 2, 102): „Das reizbare Geschlecht der Dichter“.

4 Rops meint hiermit, dass er keine Werke speziell für die Zeitung anfertigen wird. Stattdessen stellte er bereits vorhandene Bilder zur Verfügung (siehe links).

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Seite 2

zu wissen, dass der erste Dummkopf, der vorbeikommt, meine Arbeit für zehn Sous kaufen kann. Ich treibe es sogar bis zum Äußersten. Ich will Ihnen zeigen, wie viel mir dieser Glaubensgrundsatz bedeutet: ich schickte die Pornocratie1 nach Brüssel, um sie vor einem sehr reichen Monsieur in Sicherheit zu bringen, der sie in eine kleine schmutzige Sammlung stecken wollte, in deren Ruhm er sich sonnt und die gute Malerei für 40 Francs enthält, wenn man denn einen sehr schönen Tassairt2 entfernte, den er überdies nicht versteht und der nicht schlimmer ist als meine Nackten. Ich hätte mich für die törichten lüsternen Blicke auf diese tapfere große nackte Prostituierte geschämt, und als der Monsieur mir neue Angebote machte, antwortete ich ihm, dass das Bild verkauft und weg sei. Ehrlich gesagt, man muss wissen, wo man seinen Kindern einen Platz gibt.

Ich bin sehr froh, dass Ihnen die Pornocratie gefallen hat. Ich habe versucht, „mein Bestes“ zu geben. Wenn Sie einen Liebhaber für sie finden, würde mich das freuen, ansonsten behalte ich sie für mich. Ich will keinen hohen Preis. Ihnen, oder einem engen Freund von Ihnen, überlasse ich dieses Bild für fünfhundert Francs.3 Unter uns gesagt, es kostet mich nicht viel weniger. Ich benutze keine gewöhnlichen Modelle und die seltsamen Geschöpfe, die wie die geheimnisvolle Isis bereit sind, ihr Prinzessinnenkleid in meinem Studio auszuziehen, legen mehr Wert auf Aufmerksamkeit als auf Geld, und nichts ist so teuer wie Aufmerksamkeit! Führte ich ein übles „Hauptbuch“ meiner Arbeit, schrieb ich etwa hinein

Original-Brief Seite 2
Pornocratie, Gouache und Wasserfarben, 1878

1 Pornocratie (auch Pornokratès, La dame au cochon oder Die Dame mit dem Schwein) entstand 1878 und sorgte bei einer Ausstellung des Cercle des XX für einen Skandal. Picard kaufte das Bild und lobte Rops überschwänglich:

„Ach! vortrefflicher Freund, Sie müssen resignieren: für das vulgum pecus, unfähig, Ihre mächtige und grausame Kunst zu entwirren, sind Sie wahrscheinlich nichts weiter als ein Pornograph. (…) Wie können wir hoffen, dass die Masse jemals die komplizierte Kunst durchdringen wird, eine Mischung aus Realität und Vision, die Sie zu einem der größten Künstler dieses Jahrhunderts macht, ohne Vorgänger, gewiss, und wahrscheinlich ohne einen Nachfolger? (…) Diese grandiose Kunst, in der sich das weibliche Wesen, das unsere Zeit beherrscht und das sich so ungeheuer von seinen Vorfahren unterscheidet, in Formen manifestiert, die nur die scharfe Seele eines großen Künstlers zu erreichen vermag, entzieht sich dem gewöhnlichen Blick.“ (zitiert nach Camille Lemonnier, „Félicien Rops“, 1908, S. 16), Quelle.

2 Rops schreibt den Namen falsch. Gemeint ist Octave Tassaert.

3 500 Francs entsprachen ungefähr der Hälfte des durchschnittlichen Jahresverdiensts eines normalen Arbeiters in Paris. Vgl. Löhne und Lebenskosten in Westeuropa im 19. Jahrhundert.

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Seite 3

Dinge wie diese:

15. März: Den Kopf von Mademoiselle Rose Partout skizziert – minorenn, emanzipiert, ihr Kapital genießend, die bereit ist, mich acht Tage lang mit ihrer Schönheit zu verwöhnen

Suppe bei Brébant1 – 46 Fr 60

16. März: Der Brust der Obengenannten Gestalt gegeben – 00,00

Sommer in Bougival2 – 25,30

17. März: Lumbale Muskeln der Obengenannten angedeutet – 00,00

Der Obengenannten eine Loge für die Premiere des Bas de laine im Palais Royal angeboten – 28,00

Eis, Kuchen, glasierte Orangen, Fußbank, Zeitungen, Opernglas geliehen! – 11,50

Erlittener Schaden meines Ansehens, als ich mich den erstaunten Augen von Madame und Monsier Zola und Alphonse Daudet zeigte, allein in einer Loge mit einer jungen Dame, die Zulu-Hüte3 trägt und sechzig glasierte Orangenviertel in drei Stunden lutschte! – 00,00

Die Bewunderung und den Neid von Gaston Bérardi erregt zu haben – 00,00

Kosten für Geist und Witz – 00,00

Rückfahrt mit Kutsche der Firma „l’Urbaine“4 – 5,00

. . . . . . . . . . . . .

Und so weiter. Bis die Pornocratie vollendet ist! Das ist mein Prozess, und wenn alle Maler das täten, würde man nicht zwanzigmal auf den Bildern

Originalbrief Seite 3
Taxi von l’Urbaine, 1912 (Quelle)

1 Aus anderen Briefen ist ersichtlich, dass es sich um das Restaurant Le Brébant am Boulevard Poissonnière handelt, das Paul Brébant 1865 eröffnete und das heute immer noch an gleicher Stelle steht. Zu Rops Zeiten wurden dort literarische Dinner veranstaltet, wo sich Künstler, Schriftsteller und Politiker trafen.

2 Bougival, westlich von Paris, war ein beliebter Ausflugsort für Rops und andere Künstler, vor allem die Impressionisten.

3 Mit dem Begriff will Rops wohl nur ausdrücken, dass es sich um eine extravagante Hutmode handelte. Dass es wortwörtlich um Zulu-Hüte geht, scheint mir unwahrscheinlich.

4 Die Compagnie Parisienne de Voitures l’Urbaine wurde 1872 von Gustave Camille gegründet und entwickelte sich schnell zum beliebtesten Taxiunternehmen in Paris. 1880 besaß die Firma über 1000 Kutschen und 2000 Pferde. Mit 5 Francs war diese Kutschfahrt deutlich teurer als der Tageslohn eines durchschnittlichen Arbeiters, der etwa bei 3,40 Francs lag.

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Seite 4

von Stevens, vierzigmal auf den Bildern von Vibert, elfmal auf den Bildern von Toulmouche, das Porträt von Mademoiselle Daniel sehen, eine Rothaarige, „die wir kennen“ und die seit dem glücklichen Alter von vierzehn Jahren ihre Zeitgenossen auf Vertragsbasis erfreut. Ich hasse das; und diese Tränken, wo Mussets streunende Hunde hingehen!1 Nur versichere ich Ihnen, dass man Mut, gute Gesundheit, „das Gefühl seiner Kraft und Tugend“ und sein Gewissen haben muss! Man weiß nicht, wie es ist, drei Stunden mit einer jungen Dame zu verbringen, die wie ein Ara lacht, sobald Montbart2 auftaucht! Und zu denken, dass die große Venus so war! Und dass auch sie sagen würde: die „passage Soijeul“ und die rue Rochoir!!3 Und noch mehr glasierte Orangen essen würde!

Nochmals vielen Dank für Ihre freundliche Zustimmung. Es unterstützt und erfreut. Vergessen Sie mich nicht, wenn Sie nach Paris kommen und notieren Sie sich vorher meine Adresse: 13 Rue Labie porte Maillot.4 Keine Sorge, ich werde die Klappläden nicht vulgarisieren. Es wird nicht vulgarisiert, der „bourgeoise“ alte Philister mag das nicht.5 Die mystische Seite der Läden lässt ihn an den Tod denken. Die Tryptichen werden für uns reserviert sein. Ich möchte zwei Grisaillen machen – sehr lang, in der Höhe der Läden für die Pornocratie. Es stimmt, Satin ist ein bisschen mädchenhaft; es ist besser, Holz zu bevorzugen, aber für kleine Zeichnungen ist Satin schön.

In Freundschaft und bis bald
Félicien Rops

Originalbrief Seite 4

1 „Ce sont les chiens errants qui vont à l’abreuvoir.“ Es sind die streunenden Hunde, die zur Tränke gehen. Zitat aus La Coupe et les Lèvres von Alfred de Musset. Das Zitat wird hin und wieder als Analogie auf die Alkoholsucht gesehen, da Musset selbst ein Trinker war. Allerdings sind die streunenden Hunde im Gedicht tatsächlich die ruh- und rastlosen Herren, die auf ungesunde Art den leichten Mädchen hinterhersteigen, die Rops hier wenig schmeichelhaft als Tränken bezeichnet..

2 Rops meint wahrscheinlich den Karikaturisten und Illustrator George Montbard.

3 Hier macht sich Rops über ungebildete Damen lustig, die die Passage de Choiseul als „passage Soijeul“ und die Rue de Rochechouart als „Rue Rochoir“ aussprechen.

4 An der Adresse 13 Rue Labie steht heute ein Gebäude, das erst 1926 gebaut wurde. Diese Nummer 13 war also vermutlich nicht die Nummer 13 im Jahr 1879. Die Rue Labie ist allerdings relativ kurz und die Karte vermittelt daher zumindest eine ungefähre Lage.

5 Der gesamte letzte Abschnitt bezieht sich auf Rops vorherigen Brief und Picards Antwort auf diesen, die mir nicht vorliegt. Rops experimentiert mit Klappläden und Satin-Vorhängen vor seinen Bildern. Seine skandalumwitterten Bilder wurden öffentlich oft nur auf diese Weise verdeckt ausgestellt. Offenbar, das schließe ich aus Rops Antwort, empfahl Picard ihm, die Klappläden nicht zu vulgarisieren, also nicht anbiedernd an das gemeine Volk zu gestalten. Aber Anbiederei und Popularität lehnte Rops ja ohnehin ab.

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